Haydn © echomedia buchverlag

Otto Brusatti

Haydn. Sein Umfeld. Seine Musik. Sein weites Land.


168 Seiten, echomedia buchverlag

Im Mai 2009 jährte sich der 200. Todestag des Komponisten Joseph Haydn.

Ein Fotograf und ein Schriftsteller erkunden die Landschaften, in denen Haydn gewirkt hat. Auf jenen 70 Kilometern zwischen Wien, Rohrau, Eisenstadt und den Esterházy-Schlössern liegen die Meilensteine des Schaffens eines der größten Genies der Musikgeschichte.

Der renommierte Bildkünstler Hubert Dimko begleitete den Autor, Radiomoderator und Musikwissenschafter Otto Brusatti bei seinen Streifzügen durch das Haydn-Land.

Das Ergebnis: ein tiefgründiger Essay, der völlig neue Einblicke in die Seelenlandschaft Joseph Haydns vermittelt – ergänzt durch Fotos von ­bestechender Brillanz.

 

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Leseprobe

Musik?

(Zwischenspurt mit Haydn-Pop oder so ähnlich.)

Man darf jetzt durchaus drüber hinweglesen; es geht dann sowieso gleich weiter mit ein wenig Geographie und Wasserkunde, mit Politik, naher Historie und einem Bogen im Uhrzeigersinn.

Sonst aber:

Jede Disco-, Pop-, sogar Rap-Musik, jede Musik von Schlagern, Schnulzen oder den Betroffenheits-Kisten zwischen Bob Dylan und den Beatles, von den Auswüchsen hin zu Björk oder Peter Alexander oder Madonna gar nicht zu reden, arbeitet mit Versatzstücken aus der Klassik und der Frühromantik, vor allem denjenigen, die rund um Wien inventiert, entstanden, konzipiert, vorangetrieben, als höchstes dialektisches Prinzip von Kunst und als eines der höchsten Prinzipien für die Manifestationen der Seele niedergeschrieben worden sind.

Ein Angebot kommt jetzt. Wir lassen uns von einer Haydn-Musik genauso wegtragen, fortziehen, einhüllen, bewegen, wegheben … wie von den eben geschilderten Klängen, Stücken oder Events.

Ein Quartett hebt an, das mit den zwei Geigen und der Bratsche und dem Cello.

Haydn macht nie viele Faxen mit dem Beginnen – er stellt sofort was hin. Und das ist viel, so viel, dass alles herauszuschälen ist – auch das ist unendlich viel schon. Wir wissen das zwar noch gar nicht so genau während der ersten paar Noten, wissen nicht, was tatsächlich und schlussendlich in denen steckt und was aus jenen paar Kombinationen der ersten paar Noten alles dann entstehen wird. (Später werden wir’s auf unseren Wegen mit Haydn noch oft wiederholen, werden diesen Erkenntnis-Satz, dass sein dialektisches Prinzip nur mehr mit dem erstmaligen, verbindlichen Kodifizieren und Beschreiben der Relativitätstheorie oder des heliozentrischen Systems zu vergleichen ist, in uns rumoren lassen. Ach, Papa Haydn, der Fortschrittliche.) Allein, das, was er uns anfangs gleich sagt, vorwirft, was da kommt daher als Haupt-, als Kopfthema, das ist voll nach allen Prinzipien der Themen- und Melodielehre erklärbar, beschreibbar, analysierbar, ist kein kakophoner Schrei und kein geheimnisvolles Versteckenspiel, aber wir stehen ihm trotzdem ohne Schutz gegenüber. Es zieht an und zieht weg. Und beinahe jeder andere Komponist der hohen Klassik und der frühen Romantik kadenzierte nun schlicht oder beschaulich oder feige ab, machte ein hübsches Phrasen-Ende. Aus, hieße es, vorbei. Nächster Gedanke fällig. Dialektik für einfache Gemüter halt. Aber nein! Nicht so bei Haydn. Denn diese anderen Typen sind ja deswegen dann zu dem geworden, was man Kleinmeister nennt. Pfui und selbst schuld. Haydn entwickelt schon in den ersten Takten alles aus und in sich weiter. Er greift ein, ohne dass der Anfang – wie langweilig wäre das doch – zu Ende gesagt wird. Bietet Lösungen an, bevor das Problem wirklich erkannt oder formuliert worden ist. Er lässt Nuancen schimmern, die man vielleicht gleich spürt (mehr nicht), die aber erst beim späteren Studium und Wiederhören, vor allem aber beim späteren Durchführen schlagend werden, die dann eigenständig sich räkeln. Haydn formuliert seine Gedankenstränge permanent neu, ab den Beginntakten, indem er ihnen Bedeutungsveränderungen verleiht oder – noch besser – indem er Bedeutungsveränderungen herauskitzelt, und das alles, bevor wir überhaupt gemerkt haben, was seine Musik zunächst alles zu bedeuten haben mochte. Und so weiter und so fort: Hauptthemata, Nebengedanken aus diesem ersten, selbst wenn das scheinbar dagegensteht, Verquickung, Repetitionen und Dehnungen, die Durchführung als Abspaltung des Genusses, Wiederholung des Ganzen mit gar verschiedenen Verschiebungen, noch eine Coda, bitte, ein endliches, aber schon geübtes Kosten sozusagen, vielleicht noch die Stretta, Schlussakkorde auf jeden Fall, egal ob laut oder leise, egal ob fein, strahlend, bestimmend, betonend, nachdrücklich oder gierig. Und wenn wir nun sagen, eigentlich ist das ziemlich erotisch, dann werden wir bald Recht bekommen.

(Keine Sorgen. Haydn-Pop die Zweite kommt sowieso noch.)

Haydn privater

Wie gönnen uns eine Zwischenstation während der Haydn-Umkreisungen, beim Haydn heute.

Frauen. Erster Teil.

Zunächst ein Zitat. Es stammt vom frühen Großbiographen, Griesinger, der noch Haydns ansichtig gewesen war. Seine Erinnerungen und Schilderungen wurden bereits kurz nach Haydns Tod verbreitet, im rechten Umfang aber erst hundert Jahre später weitläufiger publiziert. Es ist zum Teil und wie damals üblich ein schreckliches, süßelndes, Genieverherrlichendes und Genieverdummendes Buch. Dennoch stellt es weiterhin eine der Hauptquellen dar.

Haydn hatte in dem Hause eines Friseurs in Wien, (auf der Landstraße) namens Keller, öfters Unterstützung erhalten; er unterrichtete auch dessen älteste Tochter in der Musik, und seine Neigung zu ihr wuchs bey näherer Bekanntschaft; allein sie begab sich in ein Kloster, und nun entschloß sich Haydn, da sein Fortkommen durch einen fixen Gehalt einigermaßen gedeckt war, auf dringendes Zureden des Friseurs und aus Dankbarkeit gegen ihn, dessen zweyte Tochter zu heyrathen. Haydn zeugte keine Kinder in dieser Ehe; „mein Weib war unfähig zum Kindergebären; und daher war ich auch gegen die Reize anderer Frauenzimmer weniger gleichgültig“.

Selten gibt es aus der und für die Zeit der Mitte des 18. Jahrhunderts für eine in solch einer, für die damaligen Verhältnisse in höchster Intimität gehaltene Rede vergleichbare Aussagen, selbst aus dem Künstlerstand. Haydns Ehe war später noch viel Anlass für Spekulationen – über Nachkommenschaften außerhalb, über die Entwicklung seiner Psyche, über ganz banale und bis in wirklich wüste Handgreiflichkeiten reichende häusliche Auseinandersetzungen. (Haydn hat öffentlich, halb öffentlich, in Briefen, sich über seine Frau ausgelassen, wie das nur ein hasserfüllter, verbitterter, manchmal im Stammtischjargon redender Mann sonst tut.)

Überhaupt war seine Wahl nicht glücklich ausgefallen, denn seine Gattin war von einem gebieterischen, unfreundlichen Charakter, und er musste ihr seine Einkünfte sorgfältig verbergen, weil sie den Aufwand liebte, dabey bigott war, die Geistlichen fleyßig zu Tische lud, viele Messen lesen ließ, und zu milden Beyträgen bereitwilliger war, als es ihre Lage gestattete.

Manches erinnert an Mozart: Die ältere Schwester (in diesem Fall Aloysia Weber) hat man nicht gekriegt, das nächstfolgende Mädchen (Constanze) genommen. Es war solch eine familiäre Weiterbindung auch jenseits bereits vollzogener Hochzeiten gerade in dieser Epoche und in jenen Ständen nicht außergewöhnlich. Und – das soll immer im Kopf und in Gedanken behalten werden bei solchen vielleicht kritischen Gedanken! – die Mädchen, zumeist auch noch die Frauen, waren in dieser Epoche weitgehend rechtlos, jede Selbstbestimmtheit ist ihnen verboten gewesen (außer vielleicht der Klostereintritt).

Haydn antwortete mir einst, als ich den Auftrag hatte, mich zu erkundigen, wie eine erwiesene Gefälligkeit, für die er nichts annehmen wollte, seiner Frau erstattet werden könnte: „Die verdient nichts, und ihr ist es gleichgültig, ob ihr Mann ein Schuster oder ein Künstler ist.“

Über Haydn und seine Ehefrau ließe sich ein Strindberg-angelehntes Theaterstück schreiben.

Über Haydn und seine Ehefrau könnte ein I. Bergman-angelehnter Film gedreht werden.

Oder eine Brutal-Sitcom für das Vorabendprogramm der Privat- und Pay-Fernsehsender?

Oder?

Die Ehen der tatsächlich großen Musiker sind überhaupt nicht in eine Kategorie zu setzen.

Oder, viel banaler, sie sind unterschiedlich, so unterschiedlich wie alle die der Übrigen. Manchmal, gelegentlich, waren sie wohl ein bisschen spannend(er), aber das liegt vielleicht in / an den Menschen.

Beethoven und Schubert sind überhaupt nicht verheiratet gewesen. Erster hat sich in seiner Musik, mit steten Werbungen und dem Brief an eine ferne Geliebte (unter welcher einige, zumeist adelige Frauen zu subsumieren sind) abreagiert, Zweiter hat ebenfalls darüber und dafür und dagegen komponiert, hat die schönsten Liebestexte am schönsten vertont, hat hingegen live bei Frauen sonst wenig bis nichts „g’rissen“, war Freunden und geistig eher Seltsamen mehr zugetan. Brahms detto. Liszt und Wagner stellten sich individuell und leidend mit jeder tatsächlich Begehrten und Adorierten, aber voll mit innovativsten Kompositionen und gemeinsam mit der Ausgezeichneten vor die Schranken und Gräber und Löcher der eigenen Existenz. In den Haushalten von Lanner, Monteverdi, Kálmán & Co. gab es Szenen à la Schnitzler. Berg führte eine Ehe aus hysterischer Besorgtheit und Betrug. Schönberg lebte dagegen ganz spießig und heimlich-sexuell, von Webern detto. Schumann hatte an seiner Clara zu tragen, Bach besaß mehrere sehr fruchtbare Hausfrauen. Händel und Tschaikowsky litten an ihren Männern. Ravel an sich selbst. Janáˇcek verehrte hochstilisiert mit Intimen Briefen den mährischen satten Weib-Typus. Gesualdo brachte alle um. Bruckner machte Heiratsanträge. Verdi nahm, was zu kriegen war. Chopin ließ mitleiden. Berlioz brachte sich gern, aber doch bloß temporär, an Wahnsinnsgrenzen. Wolf schreckte sich vor allem. Strawinsky ist eher brav gewesen, Debussy vielfältig. Viele, wie zum Beispiel Sibelius, versoffen sich lieber. Mahler war zunächst ein Affairen-Kaiser, dann ein genussvoll vor, an und mit seiner Frau Leidender. Strauß, Johann, der Sohn, der Jean, der Schani, führte zuerst ein wüstes Backstage-Leben mit schweren Ödipus-Komplexen, dann ein hypertrophes vor allem in seinen Phantasien, dann drei Ehen, die erste mit einer sieben Jahre älteren Frau, welche schon sechs Kinder von jeweils anderen hatte, dann mit einer Soubrette, die ihn sofort hinterging, dann mit einer jungen Dame, die das Gesucht-Mütterliche dennoch still und höchst bestimmt einzubringen verstand. Strauß sen., der Papa und Erfinder der U-Musik, hatte zwei Parallel-Familien mit jeweils einem halben Dutzend an Kindern. Manche Typen, vor allem jene, die sich gern als Ikonen der Pop-Musik hochstilisieren, die prügeln sich auch mit ihren Partnerinnen, bis das Blut kommt. Und so weiter.

Und eben Haydn?

Joseph Haydn war lange verheiratet. Eine bürgerliche, kleinbürgerliche Existenz führten die Eheleute, Jahrzehnte hindurch. In biederen Häuschen lebend. Er ist kinderlos geblieben – mit ihr. Gut, die Ehe war überhaupt nicht glücklich, man lebte Jahrzehnte nur feindselig nebeneinander her. Die Ehe soll in den späteren Jahren sogar eine Katastrophe gewesen sein. Der Mozart-Vergleich? Nur teilweise zulässig. (Mozart hat seine Constanze schon gemocht – Aloysia hat er lebenslang heftig geliebt; Mozart hat Constanze ein wenig teilhaben lassen an seinem Leben – aber die Beziehung war wohl eine vor allem des körperlichen, vielleicht ein wenig des beidseitig schmutzigen Eros.) Haydn bekam seine Therese Keller nicht (sie war wahrscheinlich auch nicht mit Mozarts Aloysia vergleichbar, außerdem vermählte sich dieses Mädchen, damals nicht wirklich unüblich in einer Familie aus mehreren jungen Damen, lieber mit Jesus Christus, außerdem war der – in Vergleich gesetzt – 26-jährige Mozart beim hochzeitlichen Werben schon ein Weltstar, Haydn noch ein unsicherer, aufbegehrender, erst in den Startlöchern scharrender Musiker). Maria Anna Aloysia Haydn née Keller wird – positiv – als praktische Frau geschildert, sie wird – negativ – eine zänkische, desinteressierte, kunstfremde, Musik hassende, dumpfe Frau genannt. Ihr an- und dargebotener Alltag war oft schlimm, war nur mehr Anlass zum Eskapismus.

Es sind so manche und oft ungemein brutale, grausliche Aussagen Haydns über seine Frau überliefert. Er soll sie schlussendlich als „höllische Bestie“ beschrieben haben. Man möge sich aber doch hüten, dieser Diktion ganz zu folgen und den Stab über Maria Anna Haydn zu brechen. Ihr Mann war ein Egoist wie alle ganz großen Musiker – nicht immer ein aufbrausender oder selbstzerfleischender Egoist, ein geordneter vielmehr. Ein Manager musste er auch sein, ein Erfinder von Musikpraxis, ein im musikalischen Tagesgeschehen hektisch beschäftigter Mann. Vielleicht wollte er, suchte er nur, brauchte er einen Ruheplatz mit Verstehen, Nachsicht, als Fluchtort. Haydn entdeckte sich als Genie, das über allen Meistern seiner Zeit stand, es geschah das sukzessive, aber stringent. Seine Xanthippe entdeckte nichts, weder an sich noch an ihm, sie wollte das alles auch nicht wissen oder kennen lernen. Vielleicht war für sie das Leben an seiner Seite einfach zu kompliziert, entgegengesetzt jedem ihrer Bedürfnisse. Zudem blieb die Frau kinderlos. In dieser Zeit des Massengebärens war Unfruchtbarkeit eine gesellschaftliche Schande, ein Makel, etwas, das sie möglicherweise zwang, sich etwa im vordergründig Religiösen einen Ersatz zu suchen. Es gab noch keine begleitenden Therapien, keine Psychopharmaka, keine entsprechende ärztliche Betreuung gynäkologischer, physischer und psychischer Natur.

Szenen einer Ehe und Nichtehe.

Man weiß manches dann von Haydns Affairen, ahnt oder flüstert von jahrelangen Geliebten noch in Esterháza. Es existierten dazu noch Beziehungen auf Briefwechselbasis, dann ganz andere mit Gesellschafts-Tussis und mit Nachwuchskünstlerinnen, ziemlich folgenreiche wohl.

Es gibt weder von der Maria Anna noch von so manch anderer (vielleicht ihm Kinder gebärenden) Hauptgeliebten ein Portrait. Leider.

(Wir warten noch und verweisen locker auf ein paar Seiten später im Text, dann auf Haydn und seine Wege hinaus, in der Komposition, in sein gelegentlich recht dümmlich männliches Verhalten, wir verweisen auf: Frauen. Zweiter Teil.)

  • Haydn © echomedia buchverlag
  • Otto Brusatti © Ludwig Schedl

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