Leben im Zoo © echomedia buchverlag

Fotos: Lukas Beck, Texte: Renate Pliem

Leben im Zoo


160 Seiten, echomedia buchverlag

Mit dem Bildband „Leben im Zoo" eröffnen Lukas Beck und Renate Pliem ungewöhnliche Einblicke in den Alltag im Tiergarten Schönbrunn.

Ein Jahr lang haben Lukas Beck und Renate Pliem die Zootiere und ihre Betreuer besucht und begleitet. Dabei haben sie schreckhafte Nashörner, aufgeweckte Seepferdchen, respektlose Tigerpythons oder flirtende Papageien kennengelernt. In einprägsamen Fotos und spannenden Geschichten erfahren nun die Leser vom Alltag, aber auch von den Besonderheiten des „Lebens im Zoo“.

71 Pflegerinnen und Pfleger erzählen von ihrer Begeisterung für die Arbeit mit Tieren: Sie erkennen das Leuchten in den Augen des Pandaweibchens, wenn das Training gelungen ist oder freuen sich über die Nachzucht von seltenen Elfenblauvögeln. Man erfährt weiters von „Wandelnden Ästen“, die eigentlich Insekten sind oder von Fidschi-Leguanen, die ihre Farbe wechseln, wenn ihnen ein Weibchen gut gefällt.

Wie anlehnungsbedürftig sind Wasserbüffel? Wie viel Kraft hat ein Orang-Utan? Und warum können Flusspferde nicht schwimmen? Das Buch „Leben im Zoo“ erklärt, erzählt und unterhält. Ein Fotobuch für die ganze Familie.

 

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Lesprobe

Einleitung Renate Pliem

Ein Tiergarten ist Bühne und Leben zugleich. Für die Besucher ist er vielleicht nur eine Kulisse, in der die Tiere posieren – allein dazu geschaffen, um das Publikum zu erfreuen. Die Menschen strömen in Scharen in den Zoo, mehr als zwei Millionen besuchen jährlich den Tiergarten Schönbrunn.

Doch wenn man nähertritt, tut sich eine neue Welt auf. Hier gibt es Geburt, Heranwachsen und Tod, hier ist 24 Stunden am Tag Betrieb. Wenn die Besucher gegangen sind, nehmen die nachtaktiven Tiere ihren Lebensraum in Besitz: Tapire galoppieren über die Anlage, Flughunde ziehen ihre Bahnen und Gürteltiere fressen über Nacht die Futterschalen leer.

Die Herkunft der Tiere erfordert unterschiedliche Lebensräume: So wurden Polarregionen nachgebaut, Wüstenböden geschaffen und Regenwälder im Kleinen gepflanzt. Die Tiere haben in diesem Bereich ihren Wohnsitz gefunden – so artgemäß und naturnah es in einem Zoo möglich ist.

Ein Tiergarten ist auch ein Wirtschaftsbetrieb: Tausende Kilo Heu, Stroh, Obst, Gemüse und Fleisch gehen durch die Hände der Pflegerinnen und Pfleger. Sie versorgen über 8.000 Tiere, die zu mehr als 700 Arten und Rassen gehören. Es ist eine Art „Wohngemeinschaft“ mit Beschäftigungsprogramm. Und doch will man die Tiere nicht vermenschlichen oder verniedlichen. Sie sind zum Großteil Wildtiere, die auch Rückzugsmöglichkeiten finden sollen.

In diesem Buch kommen die Hauptdarsteller eines Zoos zu Wort – es sind die Tiere und ihre Betreuer. Und obwohl die Tiere keine menschliche Sprache besitzen, ist es, als ob auch sie erzählen würden. Man lernt schreckhafte Nashörner, flirtende Papageien und anhängliche Flughunde kennen. Man erfährt, dass Flusspferde nicht schwimmen können und dass eine Riesenschildkröte auch mit hundert Jahren noch ihre Trainingseinheiten genießt. Es sind die Blicke, die faszinieren: jene eines Wasserbüffels, einer Löwin oder eines Seepferdchens, immer auf Augenhöhe mit der Pflegerin oder dem Pfleger. In diesen Blicken liegen Respekt und Vertrauen. Sie verbinden Mensch und Tier.

Wir geniessen die Zeit

Nicole Samek und das Pandajunge

Ein „glücklicher Tiger“ wird gewogen. Unser Pandajunges Fu Hu heißt deshalb so, weil es im chinesischen „Jahr des Tigers“ zur Welt gekommen ist. Ungefähr einmal in der Woche nehmen wir den Kleinen vorsichtig aus der Wurfbox und setzen ihn auf die Waage, um zu sehen, wie er sich entwickelt. Am Anfang saß der kleine Pandabär noch in einer Schale, jetzt ist der Behälter schon größer. Fu Hu bleibt auch nicht mehr ruhig sitzen, sondern will aus der Waagschale herauskraxeln.

Wo seine Mutter Yang Yang gerade ist? Sie geht am Morgen immer zum Fressen hinaus und diese Zeit nutzen wir. Schritt für Schritt haben wir uns ihr Vertrauen erarbeitet. Zuerst haben wir den Schieber offen gelassen, als sie draußen war. So wusste sie, dass sie jederzeit zu ihrem Baby zurückkann. Dann haben wir den Schieber zugemacht und geschaut, wie sie reagiert. Wenn sie nervös geworden wäre, hätten wir wieder aufgemacht. Mit der Zeit ist sie immer lockerer geworden.

Auch der kleine Fu Hu kennt uns schon. Mit seinen drei Monaten wird er immer neugieriger und macht sich lang, weil er alles sehen will. Er krabbelt herum und wenn er ganz mutig ist, geht er ein bisschen. Dann ist er aber schnell erschöpft und schläft gleich wieder ein – wie ein Menschenbaby. Die schlafen ja auch mehr als die Erwachsenen. Ob Fu Hu auch wie ein Baby schreit? Nein, aber er quietscht, wenn er zum Beispiel bei der „Milchbar“ seiner Mutter die Zitzen nicht gleich findet.

Für uns Tierpfleger ist es wichtig, dass Fu Hu mehr mit seiner Mama aufwächst als mit uns. Er lernt viel von ihr. In China werden die Tiere mit einem halben Jahr von der Mutter getrennt und bekommen die Milchschüssel. Sie kommen in eine Art „Kindergarten“, wo sie mit gleichaltrigen Bären zusammen sind. Aber ich finde, es ist besser, mit der Mama aufzuwachsen als mit einer Schüssel. Fu Hu wird zwei Jahre lang bei seiner Mutter Yang Yang in Schönbrunn bleiben. Dann läuft der Vertrag mit China aus und der „glückliche Tiger“ wird uns verlassen, wie schon sein großer Bruder Fu Long. Aber daran denke ich noch nicht – ich genieße einfach die Zeit, die er da ist.

Mit 100 Jahren im besten Alter

Wilhelm Radobersky und die Seychellen-Riesenschildkröte

Ich kenne Schurli seit 36 Jahren. Als ich gleich nach dem Bundesheer mit 20 in den Tiergarten gekommen bin, war er schon da. Er dürfte fast 100 Jahre alt sein. Auf seinem Panzer gibt es eine Verletzung, die soll vom Zweiten Weltkrieg stammen. Wenn man bedenkt, dass diese Riesenschildkröten 170 werden können, ist Schurli eigentlich im besten Alter. Er hat aber noch nie für Nachwuchs gesorgt, denn es war kein passendes Weibchen da.

Als ich im Zoo begonnen habe, hat man nicht daran gedacht, die Tiere zu beschäftigen. Man hat nur geschaut, dass sie es warm haben und dass es genug Futter gibt. Im Vorjahr hat mir eine Trainerin gezeigt, wie ich mit Schurli arbeiten kann. Er verfolgt den Stab mit dem blauen Ball. Wenn er ihn erreicht hat, mache ich mit dem Gerät „Klick“ und er bekommt zur Belohnung eine Karotte. So kann ich ihn dirigieren, wohin ich will. Schurli wird nämlich jeden Tag gewogen und seine 200 Kilo könnte man schwer tragen. Früher habe ich ihn einfach mit einer Karotte gelockt.

Ich kraule Schurli oft am Hals, das mag er gerne. Wenn ich in der Früh komme, begrüße ich ihn schon: „Guten Morgen, Schurli.“ Er schaut dann immer gleich, ob ich etwas zu fressen in der Hand habe. Ich beginne zu reinigen, gebe frisches Wasser, versorge die Blumen. Wenn ich warmes Wasser verwende, kommen die Schildkröten, stellen sich auf und lassen sich besprühen. Wir haben Seychellen-Riesenschildkröten und Galápagos-Riesenschildkröten. Um zehn Uhr warten sie schon und schauen hinauf, ob ein Kisterl mit Futter kommt. Sie dürfen nie zu viel Obst fressen, sonst bekommen sie Durchfall.

Als ich im Tiergarten begonnen habe, haben meine Kollegen gesagt: „Willi, geh nie verschwitzt hinaus, der Temperaturwechsel tut dir nicht gut.“ Ich war damals jung und habe geglaubt, die Alten halten nichts aus. Aber jetzt habe ich gesundheitliche Probleme. Ob mir der Abschied von Schurli schwerfallen wird? Sicher. Aber ich hoffe, dass ich als Pensionist freien Eintritt bekomme und ihn ab und zu besuchen kann.

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