Warum gibt es alles und nicht nichts? Goldmann

Richard David Precht

Warum gibt es alles und nicht nichts?


208 Seiten, Goldmann
 
Kinder, sagt man, sind die wahren Philosophen. Sie haben eine unbändige Neugier, und ihre Fragen bringen die Erwachsenen oft ins Grübeln. Wie erklärt man Kindern die Welt? Der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht hat mit seinem Sohn Oskar einen Sommer lang Spaziergänge durch Berlin gemacht: in den Zoo, auf den Fernsehturm, ins Naturkundemuseum oder zur Synagoge, und hat ihm dabei auf viele seiner Fragen geantwortet. „Bin ich wirklich ich?", „Darf man Tiere essen?" oder „Warum haben Menschen Sorgen?". Auf spielerische Art und Weise und mit vielen Geschichten zeigt Precht den Kindern unsere Welt und hilft ihnen, sie besser zu verstehen. Nach „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" nun das Buch zur Philosophie für alle jungen Menschen, die es genauer wissen wollen!

REVIEW:
AUTHORBIO: Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Autor, wurde 1964 in Solingen geboren. Er promovierte 1994 an der Universität Köln und arbeitet seitdem für nahezu alle großen deutschen Zeitungen und Sendeanstalten. Precht war Fellow bei der "Chicago Tribune". Im Jahr 2000 wurde er mit dem Publizistikpreis für Biomedizin ausgezeichnet. Er schrieb Romane und Sachbücher. Mit seinem Philosophiebuch "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?", das seit Jahren auf der Sachbuch-Bestsellerliste steht, begeisterte er Leser wie Kritiker. Auch seine Bücher "Liebe. Ein unordentliches Gefühl" und "Die Kunst, kein Egoist zu sein" waren große Bestsellererfolge. Seit Mai 2011 ist Precht Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg. Richard David Precht lebt in Köln und Luxemburg.
INSIDEFLAP: "Ein tolles Buch."
Markus Lanz

 

Werbung

Leseprobe:

Einleitung
Von Erwachsenendingen, Eidechsendingen und Kinderdingen...

Eines Tages, vor etwa einem Jahr, standen Oskar und ich im Berliner Aquarium und beobachteten den Zitteraal. Zitteraale sind ziemlich fiese Ungetüme, dicke grau-rosa-farbene Würste. Ihre winzigen trüben Augen sind blind, und der Fisch ist stark elektrisch. Ein richtiges Monster war es, das da vor unseren Augen langsam durch die Wasserpflanzen glitt.
Nun findet Oskar Monster nicht nur gruselig, sondern auch äußerst spannend. Sollten wir nicht mal ein Kinderbuch schreiben, mit einem unglaublich riesigen Zitteraal als Bedrohung? Ein Ungeheuer mit tödlichen Stromschlägen? Zu Oskars Lieblingsbüchern gehört eine Reihe mit einem jungen Helden, der im Mittelalter eine ganze Serie von Monstern bekämpft. Warum sollten wir nicht auch ein solches Buch schreiben, eben mit einem Zitteraal? Mit wissenschaftlichem Namen heißt das Monster übrigens Electrophorus. Ein toller Name: »Electrophorus - der Schrecken des Amazonas «. Den Titel hätten wir schon.
Aber mit einem Mal wurde Oskar sehr nachdenklich. Ihm kamen Zweifel. »Papa, das geht nicht«, sagte er betrübt. - »Im Mittelalter gab es noch gar keinen Strom.«
Heute ist Oskar ein Jahr älter. Und er weiß natürlich auch, dass es im Mittelalter zwar schon Elektrizität gab. Aber niemand wusste damals, was das ist. Wenn es blitzte, entluden sich auch im Mittelalter elektrische Ladungen. Trotzdem hatte Oskar irgendwie recht: Strom und Mittelalter - das passt nicht richtig zusammen.
Ob etwas sachlich richtig ist oder ob etwas gefühlt zusammenpasst, sind zwei verschiedene Dinge. In diesem Buch soll es um beides gehen. Um das, wovon wir genau wissen, dass es stimmt, und um all die vielen Dinge, von denen wir nur ungefähr wissen, was stimmt. Sachen, bei denen wir aber ein Gefühl haben, was gut oder schlecht zusammenpasst. Man sagt oft, Kinder seien die wahren Philosophen. Sie sind neugierig und wollen alles ganz genau wissen. Und es gibt unendlich viel zu wissen in der Welt. Dabei gibt es Fragen, die man leicht beantworten kann. Und es gibt Fragen, die man nur schwer, nicht endgültig oder gar nicht beantworten kann. Solche Fragen sind oft philosophische Fragen. Viele dieser Fragen und Antworten, die für Kinder spannend sind, sind es natürlich auch für Erwachsene. Oft stellen sie sich die gleichen Fragen: Wo kommt alles Leben eigentlich her? Warum sind Menschen oft traurig? Und woran kann man eigentlich erkennen, ob das, was man tut, richtig ist oder falsch?
In meinen drei letzten Büchern für Erwachsene habe ich mich mit diesen Fragen beschäftigt. Und deshalb habe ich die eine oder andere Frage und Geschichte aus diesen Büchern übernommen. Natürlich habe ich sie umgearbeitet, damit auch Kinder sie verstehen können. Oskar ist inzwischen alt genug, dass er vieles davon verstehen kann.
Dazu gibt es manches, was ganz besonders für Kinder spannend ist. Der Philosoph Martin Heidegger meinte einmal, dass das, was Menschen denken, für Eidechsen todlangweilig und völlig unvorstellbar ist. In ihrer Welt gibt es nämlich keine Menschendinge, sondern nur »Eidechsendinge «. Aber was sind das - Eidechsendinge? Das verriet Heidegger leider nicht. Vielleicht sind es solche Dinge wie knusprige Insekten, tolle heiße Steine und kuschelig schützende Höhlen?
Ebenso wie es »Eidechsendinge « gibt, gibt es natürlich auch »Kinderdinge «. Lange Flure zum Beispiel, durch die man nicht langsam gehen, sondern nur rennen kann. Oder glatte Fußböden, über die man unbedingt auf Socken rutschen muss. Geländer, die zum Balancieren einladen. Kissen, die ihren Sinn erst durch eine Kissenschlacht bekommen. Sofas, die zum darauf Hüpfen da sind. Und genauso gibt es auch Kinderfragen. Dabei unterscheiden sich die Kinderfragen von den Erwachsenenfragen wie das langsame Gehen über einen glatten Flur vom Durchrutschen. Aber auch Erwachsene - zum Beispiel wenn sie sehr gut gelaunt, etwas betrunken oder frisch verliebt sind - erinnern sich manchmal daran, das Rutschen eigentlich schöner ist als langsames Entlangschreiten ...
Deshalb sind Kinderdinge oft etwas sehr Ähnliches wie Erwachsenendinge. Nur eben meist spontaner, lustiger und ehrlicher. Kinder wissen nämlich meistens, dass sie vieles nicht wissen. Wogegen Erwachsene immer glauben, sie müssten auf alles eine Antwort haben. Vermutlich deshalb, weil sie glauben, man hielte sie sonst für dumm. Und dumm will natürlich keiner sein. Erwachsene genauso wenig wie Kinder. Dabei sind vor allem die Menschen dumm, die glauben, dass sie alles wüssten ...
Für unsere vielen philosophischen Gespräche haben Oskar und ich uns Berlin ausgesucht. Die Stadt gehört zu unseren Lieblingsstädten. Es gibt unglaublich viel zu sehen, zu besichtigen und zu tun. Wie viele berühmte Philosophen, die ihre besten Gedanken beim Gehen hatten, haben wir viele Spaziergänge gemacht. Und so durften wir uns bei unseren Ausflügen in Berlin ein ganz klein wenig wie Jean-Jacques Rousseau fühlen, wie Martin Heidegger oder wie Immanuel Kant, nach dessen philosophischen Spaziergängen die Nachbarn sogar ihre Uhren gestellt haben sollen, weil sie so regelmäßig waren und so pünktlich ...  

Ich & Ich  

Im Museum für Naturkunde

Solange er zurückdenken kann, hat sich Oskar für Dinosaurier interessiert, für ausgestorbene Säugetiere wie Säbelzahntiger und für die früheren Erdzeitalter. Unsere erste Station in Berlin ist darum immer das Museum für Naturkunde in der Invalidenstraße.
Schon von außen wirkt das Gebäude stattlich und beeindruckend. Ein großes altes Haus aus der Zeit des Kaiserreichs mit etwas abgebröckelter Fassade, die das Museum so alt aussehen lässt, wie es ist. In der Eingangshalle wartet schon das Skelett des Brachiosaurus auf uns - das größte komplett aufgebaute Dinosaurierskelett aus echten Knochen. Zwar weiß man heute, dass es in der Jura-Zeit noch größere Saurier gab als den Brachiosaurus, zum Beispiel Supersaurus und Argentinosaurus. Aber es ist noch immer ein beeindruckendes Gefühl, wenn man unter dem alten Skelett steht, das doppelt so hoch wie eine Giraffe ist und fast so lang wie ein Blauwal. Daneben stehen die Skelette anderer Jura-Dinosaurier wie Diplodocus und Allosaurus. Sie lassen sich mit Computer- Simulationen gleichsam zum Leben erwecken. Und natürlich gibt es noch das wertvolle Fossil des Urvogels Archaeopterix in seinem Kalkstein.
Im Treppenhaus wird es richtig gemütlich. Hier befindet sich eine einladende Liegeinsel, auf die man sich am liebsten gleich draufwerfen möchte. Dies ist Oskars Lieblingsplatz im ganzen Museum. Wenn man sich auf den Rücken dreht, sieht man eine Multimediainstallation über die Entstehung des Universums, den Urknall, die Geschichte des Kosmos und der Erde. Entspannt und konzentriert sehen und lauschen wir, wie Galaxien entstehen und vergehen, Sterne aufblitzen und erlöschen. Bis wir am Ende in einen Spiegel schauen und uns selbst sehen, wie wir auf den Polstern liegen und nach oben blicken. Zwei winzige, aber hochvergnügte Kreaturen auf einem kleinen Planeten im riesigen Universum. Als wir das ehrwürdige alte Treppenhaus hochgehen in den ersten Stock, fragt Oskar auf einmal ganz ernst:
Papa, warum gibt es das alles?
--Wie meinst du das, Oskar?
-- Ich meine, warum es das alles gibt. Warum gibt es alles und nicht nichts?
-- Du meinst, warum es Sterne, Planeten, Pflanzen, Tiere und Menschen gibt?
-- Ja, warum ist das alles überhaupt da?

Warum gibt es alles und nicht nichts? Wie oft haben sich Menschen das schon gefragt. Immer und immer wieder. Wahrscheinlich ist es die älteste Frage der Philosophie überhaupt. Die Frage, die vor allen anderen steht. Immer wieder und in allen Ländern haben Menschen versucht, Antworten darauf zu geben. Und meistens haben sie dafür Geschichten erfunden.
Die alten Chinesen erzählen im "Buch der Berge und Meere " vom Chaos als Urzustand. Das Chaos ist ein bunter Vogel ohne Gesicht, der auf sechs Füßen tanzt. Die Germanen nannten das Chaos Ginnungagap - die gähnende Schlucht. Die Juden nannten es Tohuwabohu - das große Durcheinander. (Auch heute noch benutzen viele Eltern das Wort, wenn sie meinen, dass ihr in den Zimmern mal wieder ein Tohuwabohu angerichtet habt. Aber ihr dürft ihnen dann ruhig erklären, dass es kein Tohuwabohu ist, sondern ein Ginnungagap...)
Für die alten Ägypter stand am Anfang das Urwasser, aus dem sich eines Tages der Urhügel - die Erde - erhob. 22 In einer anderen altägyptischen Geschichte entstehen die Götter aus dem Urschlamm. Der Erste, der sich daraus befreit, ist Atum, der Schöpfergott. Er erzeugt die Welt, indem er den Gott der Luft und die Göttin des Feuers hervorbringt. Die Geschichte vom Urhügel oder Weltenberg findet sich auch bei den Sumerern, die ihre Tempel nach dem Modell des Weltenbergs bauten.
Eine andere beliebte Erzählung in vielen Kulturen ist, dass die Welt aus einem Ei entsprungen ist. Solche Geschichten gibt es in Osteuropa, in Nordasien, bei den Griechen, den Persern und den Ägyptern. Auch die alten Chinesen kennen den Ursprung der Welt aus dem Ei. Es ist die Erzählung vom Riesen Pangu. Zun.chst war er ein winziger Zwerg und wurde aus einem Urei geboren, und zwar vor ziemlich genau 18 000 Jahren. Aus der unteren H.lfte der Eierschale entstand Yin - die Erde. Und aus der oberen Eierschale wurde Yang - der Himmel. Dazwischen eingeklemmt wuchs Pangu zu einem Riesen heran und zerbrach in viele kleine Teile: in den Mond, die Sonne, die Berge, die Flüsse, den Wind und so weiter. Ein ganz besonderes Schicksal aber ereilte die Flöhe auf seiner Haut. Aus ihnen entstanden die Menschen. --Aber Papa, diese Geschichten stimmen doch gar nicht! All diese komischen Götter und Eier.
-- Nein.
--Aber warum erzählst du sie mir dann? Geschichten erzählen, die nicht stimmen - ist das Philosophie? Da kann man sich ja gleich Geschichten ausdenken so wie aus "Star Wars" oder so ...
-- Ja, das k.nnte man. Jeder kann sich seine eigene Geschichte ausdenken, woher die Welt kommt. Und weißt du, woran das liegt? Weil man niemals herausfinden wird, was die Wahrheit ist.
--Aber was wir gesehen haben, ist doch die Wahrheit. Das Universum ist durch den Urknall entstanden.
-- Ja, das vermuten wir. Jedenfalls, soweit wir das heute wissen. Vielleicht gibt es aber auch bald eine neue Theorie. Und in hundert Jahren sieht man die Sache wieder anders. Genau wissen werden wir es nie.
--Wenn es den Urknall gab, wodurch alles auseinandergeflogen ist, dann muss es auch etwas vorher gegeben haben, vor dem Urknall.
-- Ja, so einen riesigen Klumpen.
-- Und der Klumpen, wo kommt der her?
-- Das ist ja das Problem. Wenn die Welt aus einem Ei entsprungen sein soll, woher kommt dann das Ei? Und wenn am Anfang ein Klumpen war, woher kommt dann der Klumpen? Schon die alten griechischen Philosophen haben sich mit dieser Frage besch.ftigt und festgestellt: "Aus nichts entsteht nichts!"

  • Warum gibt es alles und nicht nichts? Goldmann

« back

Werbung