Meine kleine große Welt styria premium

Begegnungen Erfahrungen Erinnerungen / Heinz Nußbaumer

Meine kleine große Welt


320 Seiten, styria premium

Mit Gaddafi im Zelt. Mit Arafat im Bunker. Mit Reagan und Clinton im Weißen Haus. Mit dem Dalai Lama im Kloster. Mit vielen Großen der Welt persönlich vertraut. Von Papst und Patriarchen empfangen. Über Jahrzehnte hinweg war Heinz Nußbaumer als außenpolitischer Journalist und Autor mit Königen, Präsidenten und Revolutionsführern im Gespräch - und als stiller Briefträger zwischen Fronten unterwegs. Von Agenten beobachtet, von Militärs wiederholt verhaftet, von Bestechungsversuchen begleitet.
Augenzeuge in Kriegen, Krisen und Katastrophen - aber auch Zeitzeuge dort, wo um den Frieden gerungen wurde. Für seine großen Interviews, seine Reportagen und Kommentare, aber auch für seine Fairness und Diskretion wurde er u. a. zum „Menschenrechts-Preisträger" gekürt - und mit zahlreichen Medienpreisen ausgezeichnet. Jetzt schildert er, was er bisher nie geschrieben hat - nicht ¬schreiben konnte und wollte: Die Geschichten hinter den Geschichten - auch hinter der Zeitgeschichte. Heinz Nußbaumers „kleine, große Welt"! 

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Amerika - welch unterschiedlichen Klang hat dieses Wort im Lauf meines Lebens bekommen: Da waren Zeiten der Nähe, ja Bewunderung, aber auch des Ärgers und Unverständnisses. Da war eine Kindheit und Jugend, geprägt von Dankbarkeit für all das, was uns das große Amerika geschenkt hat, um nach Diktatur, Krieg und Verwüstung wieder auf die Füsse zu kommen - von den Schokoladen für uns Kinder, über das „Amerika-Haus" in Salzburg mit seinen tollen Büchern und Schallplatten
bis hin zum genialen Marshallplan, dem Rettungsring für Europas Völker in Not. Da war meine Anerkennung und Hochachtung als Journalist für Amerika als Vorbild einer großen, idealistischen Demokratie: von der Luftbrücke für das eingeschlossene
Westberlin über Kennedys Peace Corps bis zur Wahl von Barack Obama, dem ersten farbigen Präsidenten in der Geschichte der USA. Da war aber auch Enttäuschung, ja Verbitterung: über den Vietnamkrieg, über manche Einäugigkeit im Nahostkonflikt, die Irak-Invasion und über die allen Rechtsnormen widersprechende Causa Waldheim.
Wie viel an Kraft und gutem Willen, die Welt besser zu machen, habe ich unterwegs durch die Vereinigten Staaten immer wieder gespürt. In den großen Stunden der Angelobung neu gewählter amerikanischer Präsidenten vor allem, den unvergesslichen Momenten einer in Europa undenkbar gewordenen patriotischen, fast religiösen Selbstdarstellung. Aber auch in so vielen Begegnungen mit US-Bürgern. Wie oft aber hat mich dasselbe Amerika auch abgestoßen: durch manch falsches Pathos, das nicht selten nur den Zynismus und die Gnadenlosigkeit einer von Einzelinteressen und Lobbys gesteuerten Politik überdecken sollte.
Lange habe ich gebraucht, um zu verstehen, wie viele ganz widersprüchliche Parallelwelten dieses riesige Land umschließt. Und wie sehr Amerika trotz seiner globalen Machtstellung ein letztlich unüberschaubares Mosaik kleiner und kleinster Provinzialismen geblieben ist. „Look boy", hat mir ein farbiger Taxifahrer schon bei meiner ersten Fahrt durch die Straßenschluchten von Manhattan zugerufen, „das hier ist New York - und hat nichts mit Amerika zu tun!". Ebenso mühsam war die Erkenntnis, wie wenig relevant für die US-Bürger zwischen Alaska und Kalifornien das Weltgeschehen jenseits der eigenen Küsten ist; vor allem dann, wenn es sich nicht mit amerikanische Interessen und/oder einer amerikanischen Mission verbinden lässt.

Bundeskanzler Josef Klaus ist der erste österreichische Staatsgast, mit dem ich 1968 als Journalist nach Washington fliege. Seine Reise wird auch der erste von vielen bemühten Versuchen heimischer Spitzenpolitiker sein, die US-Öffentlichkeit zumindest
ein wenig für dieses kleine Österreich zu interessieren, das von den wichtigen US-Medien entweder ignoriert oder zum Alpen-Hollywood verkitscht wird. Was sich im übrigen später noch als Glücksfall erweist, als sich unter dem Donauwalzer- und Apfelstrudel-Image das Unverständnis Amerikas über Neutralität und demokratischen Sozialismus, vor allem aber ein latenter Grundverdacht von Neonazismus und Antisemitismus auszubreiten beginnt.
Unterwegs über dem Atlantik schlägt jemand dem Bundeskanzler vor, bei seinem Besuch im Weißen Haus doch Wien als Schauplatz einer künftigen Vietnam-Friedenskonferenz anzubieten. Klaus gefällt die Idee - und tatsächlich gerät er in diesen Tagensogar auf die Titelseite der New York Times. Nach seinem Besuch
bei Präsident Lyndon B. Johnson fliegen wir nach Chicago, der Heimat von zehntausenden Auswanderern aus dem Burgenland. Zur Pressekonferenz des Kanzlers kommen jetzt sogar drei USFernsehteams. Sie wollen wissen, wie Präsident Johnson auf das Konferenz-Angebot reagiert habe. Als Josef Klaus wahrheitsgetreu
berichtet, der US-Präsident halte „Wien für einen wunderbaren Verhandlungsort, vor allem im Frühling, wenn die Blumen blühen", da beginnen die hart gesottenen US-Medienleute über so viel vermeintliche Naivität zu lachen, bauen ihre Kameras ab
und verlassen den Raum. Josef Klaus ist zutiefst konsterniert. Tatsächlich findet die Vietnam-Friedenskonferenz später in Paris statt. Erst viele Jahre später enthüllt Lyndon B. Johnson in seinen Memoiren (Meine Jahre im Weißen Haus), dass er den Nordvietnamesen im April 1968 tatsächlich auch Wien als Verhandlungsort vorgeschlagen hat. Sie aber haben abgelehnt.
Die Methode österreichischer Selbstvermarktung in Washington wird in den kommenden Jahren noch oft kopiert: Außenminister Alois Mock etwa empfiehlt Wien als Schauplatz eines Supermächte-Gipfels Reagan-Andropow - und Vizekanzler Norbert Steger gleich „als idealen Gipfel-Schauplatz jeglicher Art". Meist bleibt es bei erzwungenen US-Komplimenten für das friendly Austria - jenes ferne Land, über das mir ein Direktor des Ford-Motorkonzerns einmal anerkennend sagt: „Ihr müsst ja viele
tausende Kängurus haben."
Und die Protokollchefin der Stadt Los Angeles empfängt Bundespräsident Rudolf Kirchschläger sogar begeistert als „König von Australien".

Von Strudel, Strauß und „Sound of Music"

Noch ehe Kirchschläger Ende Februar 1984 amerikanischen Boden betritt - es ist tatsächlich der erste Besuch eines österreichischen Staatsoberhauptes seit Gründung der USA -, teste ichprominente Amerikaner, vor allem Öl-, Bank- und Zeitungs-
Größen, auf ihr Wissen über Österreich. Ihre Antworten sind zum Verwechseln ähnlich: Sie schildern einen glücklich-weinseligen Operettenstaat zwischen Strudel, Strauß und Sound of Music, dem Traumfilm aller Amerikaner. Dazu kommen gelegentlich die Namen Arnold Schwarzenegger, Niki Lauda und im Einzelfall
auch Bruno Kreisky. Von „einem Land schneebedeckter Berge, tiefer fruchtbarer Täler, randvoll mit Kirchen, Museen und Traumstädten" schwärmt Präsident Ronald Reagan dann auch beim Gala-Diner für Rudolf Kirchschläger. Nur Art Buchwald, Amerikas berühmtester Zeitungskolumnist jener Jahre (er ist 2007 verstorben), bringt es origineller auf den Punkt und sagt am Telefon: „Mein Vater kam aus Österreich. Wenn wir jetzt den österreichischen Bundespräsidenten zu Gast in Washington haben, bin ich also der einzige Mensch in dieser Stadt, der das wirklich ernst nimmt ..."
Unterwegs durch Amerika versucht Bundespräsident Kirchschläger, die Windmaschine österreichischer Eigenpropaganda auf würdevolle Bescheidenheit herunter zu regeln. „Ich habe nie zu denen gehört, die mit einem Gipfeltreffen hausieren gehen", sagt er uns Begleit-Journalisten. Und: „Ich verstehe, dass mein Besuch für Ronald Reagan ein mehr oder weniger verlorener Tag ist - ich habe ihm halt nichts zu bieten." So viel feine Unaufdringlichkeit stärkt bei den Gastgebern prompt die Neigung, ihr Lob für Österreich ganz auf die Ebene eines glücklichen Edelweiß' zu reduzieren. Baronin Maria von Trapp, meine bald 80-jährige Tischnachbarin beim Staatsdinner im Weißen Haus, wird prompt zum Mittelpunkt der Tischrede Ronal Reagans: Er rühmt sie als ein weithin leuchtendes Symbol für die Standhaftigkeit und Musikbegeisterung, den Witz und Charme der Österreicher.

Bruno Kreisky ist da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt, das in Washington keine Walzer-Seligkeit aufkommen lässt. Mit einer für Amerikaner irritierenden Mischung aus intellektueller Originalität, vertraulichen Diensten und kalkuliertem Ärgernis erzwingt er sich die Aufmerksamkeit der westlichen Supermacht. Kreisky weiß durchaus um seinen weltpolitischen Stellenwert, der in der Wahrnehmung Washingtons erheblich größer ist als der seines Heimatlandes. Für sechs US-Präsidenten (seit Harry Truman) war der Kanzler ein spannender Gesprächspartner, beim siebten - Ronald Reagan - will und will dieser Gesprächsfaden lange Zeit nicht zustande kommen. Reagan ist über Kreiskys
Nahostpolitik, vor allem über seine Alleingänge mit Palästinenser-Chef Arafat und dem Libyer Gaddafi ergrimmt. Und umgekehrt lässt Kreisky an Reagans Neo-Konservativismus lange kein gutes Haar und hält seine Politik öffentlich für eine Bedrohung des Weltfriedens.
In diese Sprachlosigkeit hinein, die auch das amerikanisch-österreichische Verhältnis tiefgreifend belastet, bekomme ich plötzlich einen Auftrag: Der Kanzler hat erfahren, dass ich über persönliche Kanäle, die noch ein Thema dieses Kapitels sein werden, einen recht unmittelbaren Zugang zu Reagans engster Umgebung habe. Im Oktober 1982 - Kreisky ist inzwischen ernsthaft erkrankt und im letzten Jahr seiner Kanzlerschaft - bittet er mich zu einem Gespräch unter vier Augen ins Parlament: Er habe nichts gegen die sich abzeichnenden Einladungen für Rudolf Kirchschläger oder Alois Mock nach Washington, sagt er nachdrücklich. Nur: Noch vor diesen Besuchen müsse ein Treffen zwischen Reagan und ihm zumindest fixiert und offiziell verlautbart
werden. Sollte Reagans Umgebung eine solche Begegnung verweigern, dann würde er, Kreisky, nie wieder ins Weiße Haus kommen - selbst dann nicht, wenn er in anderer Mission in den USA unterwegs sei.
Kreisky macht mir klar, dass er nicht um einen solchen Besuch bettle, aber dass es von Amerikas Führung kurzsichtig sei, seine Rolle im Nahost-Konflikt, sein Engagement bei der Ausreise von Sowjetjuden, seine lebenslange Freundschaft mit US-Spitzenpolitikern und seine erprobt pro-amerikanische Haltung im Kreis
der Sozialistischen Internationale derart zu unterschätzen. Dann sieht mir der Kanzler tief in die Augen und sagt: „Machen Sie mit diesem Gespräch, was Sie wollen - ich nehme an, Sie werden das an geeigneter Stelle deponieren."
Also schreibe ich einen vertraulichen Brief an Bill Clark, der seit Reagans Gouverneurstagen in Kalifornien einer seiner engsten Vertrauten und derzeit machtvoller Sicherheitsberater des US-Präsidenten ist. Die Antwort aus dem Weißen Haus kommt rasch - die Informationen über den Bundeskanzler seien „most helpful
for us"
. Und nahezu gleichzeitig ist auch schon eine offizielle Einladung für Kreisky nach Wien unterwegs. Am 2. Februar 1983 landet „der Rebell aus Österreich" (so die Washington Post) in der US-Hauptstadt - und erlebt dort staunend eine riesige jubelnde Menschenmenge; sogar die Kinder haben an diesem Tag schulfrei erhalten. Aber die Massenhysterie gilt nicht dem österreichischen Kanzler, sondern den heimischen Redskins, die eben die Superbowl gewonnen haben, die begehrteste Trophäe im US-Football. „Normalisierung einer traditionellen Freundschaft - auch so
etwas gibt es also", schreibe ich nach dem Treffen zwischen den beiden alten Herren Reagan und Kreisky, natürlich ohne die Vorgeschichte zu enthüllen. Beim abendlichen Dinner in Washington aber lassen Sicherheitsberater Bill Clark und ich vor ratlos
zuschauenden Festgästen die Gläser „auf unsere kleine Verschwörung" klingen ...
Wie so oft in diesen Jahren, ist der Dialyse-Patient Kreisky auch
in Washington gesundheitlich rasch an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit
angelangt, dennoch erntet er im National Press Club von den Spitzen des US-Journalismus stehenden Applaus - ausgerechnet zu seinen Erklärungen, weshalb er den Libyer Gaddafi, Amerikas Todfeind, nach Wien eingeladen hat. (Reagan lässt
Gaddafis Zentrale in Tripolis drei Jahre später bombardieren.) Von „enormer Kontinuität, Kreativität und Kompetenz" des österreichischen Kanzlers schreiben anderntags die US-Zeitungen.

Helene von Damm - „die gute Fee" des Präsidenten

Spätestens an dieser Stelle ist ein kleiner Rückblick notwendig: Noch ehe Ronald Reagan im November 1980 zum 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird, erfahre ich von einer Österreicherin in seinem engsten Umfeld: Helene von Damm. Das Ehepaar Irmgard und Klaus Emmerich, beide Korrespondenten
österreichischer Medien in den USA, stehen schon in Kontakt mit ihr - ihnen verdanke ich auch die erste Begegnung. Unmittelbar nach Reagans Wahlsieg besuche ich Helene von Damm in ihrem transition office während der hektischen Vorbereitungen auf die Machtübernahme im Weißen Haus.
Ihre Lebensgeschichte ist weithin bekannt: Geprägt von bitteren Erfahrungen im Nachkriegs-Österreich ist sie 1959 als armes Mädchen in die USA ausgewandert. Mit 26 hört sie eine Reagan- Rede und meldet sich als Wahlhelferin, mit 28 ist sie die Sekretärin des kalifornischen Gouverneurs Ronald Reagan und zieht 1981 - 14 Jahre später - mit Präsident Reagan ins Weiße Haus. Anfangs noch Privatsekretärin und „Special Assistant to the President", wird sie bald zur machtvollen Personalchefin, verantwortlich für alle Führungsposten an den Schaltstellen der Reagan- Administration. Mit 38 Mitarbeitern besetzt sie die rund 3.000 Regierungs- und Botschafterposten, Aufsichtsräte und Kommissionen in der Zuständigkeit des Präsidenten und das Personal des Weißen Hauses.
Als „zweitmächtigste Frau nach Nancy Reagan" (US-Magazin US News and World Report) und als „die Frau, die man 1983 am meisten beachten muss" (US-Magazin New Yorker) gilt sie bald in der US-Öffentlichkeit - und „Die gute Fee des Präsidenten" heißt meine Reportage über sie nach unserer ersten Begegnung. „Sie hat keine Macht - sie ist die Macht", sagt mir Sicherheitsberater Bill Clark eines Tages. Und Ronald Reagan, um ein persönliches Zeugnis für Helene von Damm gebeten, beschreibt ihre Fähigkeiten handschriftlich so: „Hingabe, Loyalität, Unermüdlichkeit und mehr um mein Wohlergehen besorgt als ich selbst". Und meint zusammenfassend: „Scharfe Intelligenz, Tüchtigkeit, Fachwissen" und „Ein Mensch für gute und schlechte Tage". Ihre Karriere ist wie ein Beleg für Reagans Credo „Nichts, was ihr wirklich wollt,
ist in eurem Leben unmöglich"
und für den Amerikanischen Traum.
Helene von Damm verdanke ich in den kommenden Monaten den Zugang zu den wichtigsten Mitarbeitern Reagans: zu Bill Clark vor allem, aber auch zu Ed Meese, Charles Wick, Lynn Nofziger, Mike Deaver und anderen. Am 16. Mai 1983 bin ich mit dabei,
als Ronald Reagan seine engste Mitarbeiterin persönlich als neue US-Botschafterin in Österreich angelobt - „mit sehr gemischten Gefühlen", wie er sagt, aber „bei aller Trauer doch hocherfreut, dass sie künftig doch einen Chauffeur haben wird. Denn das einzige, was sie in Amerika nie wirklich bewältigt hat, war der Straßenverkehr ..." Bei ihrer Abschiedsparty ist das gesamte Who is Who der amerikanischen Hauptstadt versammelt, und zwei von Reagans Spitzenpolitikern spielen für Helene von Damm vierhändig Sentimental Journey auf dem Klavier.

Im Oval Office: Zu Gast bei Ronald Reagan

Zwei Wochen später kommt dann jener Augenblick, der vermutlich die Erfüllung jedes Journalistentraums ist: Mein Exklusiv-Interview mit Ronald Reagan im Oval Office. Helene von Damm und Bill Clark haben Türöffner gespielt. Meiner Redaktion zuhause habe ich bis zuletzt nichts davon erzählt. Reagan hat an diesem Tag ein Monster-Programm. Während ich im Empfangsraum des Weißen Hauses bei einer Tasse Tee dem einschläfernden Ticken einer großen vergoldeten Wanduhr lausche, berät der
Präsident nebenan mit seinen Beratern den bevorstehenden Weltwirtschaftsgipfel in Williamsburg.
Irgendwann aber werde ich weiter gebeten: durch das elegante Roosevelt-Zimmer und den Kabinettsraum mit seinen verspielten Kandelabern hinüber ins Oval Office. Sichtlich gewollt tritt hier alles zurück, was die Supermacht Amerika auszeichnet: technischer Fortschritt, politische Größe und militärische Stärke. Hier atmet alles zurückhaltende Gediegenheit und stilvolle Kontinuität. Nichts in diesem Weißen Haus erinnert mich an die kalte Weitläufigkeit oder den überladenen Prunk so vieler Präsidentenpalais rund um den Globus. Hier ist alles seltsam klein, angenehm diskret und überraschend ruhig. Als ich eintrete, stehen die mächtigsten Männer der Vereinigten Staaten - Ronald Reagan, sein Vizepräsident George Bush, Sicherheitsberater Bill Clark, Außenminister George Shultz und Verteidigungsminister
Caspar Weinberger - noch diskutierend am Kamin beisammen. Der Präsident, tief braungebrannt und im hellbeigen Sommeranzug, löst sich aus der Gruppe, streckt mir die Hand entgegen und legt die zweite fast freundschaftlich um meinen Arm. Fotografen sind jetzt wie aus dem Nichts aufgetaucht, ihre Blitzlichter zucken. Reagans Hände bleiben so lange liegen, bis die Fotografen zufrieden sind - Hände, die alleine seine 72 Jahre verraten. Unglaublich aber, wie jung das Gesicht und die Mimik wirken. Ich denke mir: Es ist der erste Präsident Amerikas seit Jahrzehnten, dem die Jahre im Amt keine Wunden geschlagen haben (sieht man von den tatsächlichen Attentatsverletzungen ab, die er erlitten hat); der sichtlich nicht unter der Last täglich neuer, weit reichender Entscheidungen leidet.
Wir stehen am Fenster zum Rosengarten. Reagan spricht über Österreich und dessen Mission des Brückenbauens für Flüchtlinge, auch für den Nahostfrieden. Kreiskys Name taucht auf und bleibt eine Konstante unseres Gesprächs. Und natürlich auch der Name Helene von Damms, die schon drei Wochen später als neue Botschafterin in Österreich eintreffen wird. Es ist nicht zu überhören: Das Persönliche, das Ungezwungen-Zwanglose abseits der Fallstricke der Tagespolitik, erleichtert und erfrischt diesen Präsidenten Amerikas.
Reagan führt mich zu seinem schweren dunkelbraunen Schreibtisch, ein Geschenk von Queen Victoria aus dem Holz eines alten britischen Kriegsschiffes - mit den Bildern der Reagan-Familie und Erinnerungsfotos an sein größtes Hobby, das Reiten. „Für das Innenleben eines Menschen gibt es nichts Besseres als den Rücken
eines Pferdes"
, sagt er lachend zum Abschied. Und: Ich möge doch schauen, dass Helene endlich vernünftig isst - nicht immer nur die Reste vergangener offizieller Essen ...
In diesen Minuten löst sich für mich das Rätsel, warum dieser Ronald Reagan trotz so vieler umstrittener Entscheidungen und seiner viel diskutierten Inkompetenz, trotz Intrigen und Führungschaos, der populärste Präsident der Vereinigten Staaten ist
und auch nach seinem Tod im Juni 2004 bleiben wird. Und als

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