Die Durchschnittsfalle ecowin

Anders ist viel besser / Markus Hengstschläger

Die Durchschnittsfalle


188 Seiten, Ecowin 

„Entweder man hat's oder man hat's nicht." Stimmt das? Kann man ohne bestimmte genetische Voraussetzungen nicht erfolgreich sein? Oder ist es umgekehrt? Ohne Fleiß kein Preis? In der vielbeschworenen Leistungsgesellschaft ist die Hervorbringung durchschnittlicher Allround-Könner zur obersten Priorität geworden. Aber wer bestimmt überhaupt, was „normal" ist? Wir kennen die Herausforderungen nicht, die uns die Zukunft stellen wird. Bewältigen können wir sie aber nur, wenn wir jene einzigartigen Talente fördern, die in uns allen schlummern. Es muss die Norm werden, von der Norm abzuweichen. Oder anders ausgedrückt: Wir brauchen Peaks und Freaks!

Mit 16 Jahren war Markus Hengstschläger als Punk unterwegs. Mit 24 Jahren promovierte er zum Doktor der Genetik und wurde 35-jährig zum jüngsten Universitätsprofessor für Medizinische Genetik berufen. Als Autor von zwei Nr. 1-Bestsellern „Die Macht der Gene" und „Endlich unendlich", vielfach ausgezeichneter Wissenschaftler und bekannter Ö1-Moderator beweist Hengstschläger eindrucksvoll, dass Erfolg aus Individualität entsteht und man alte Wege verlassen muss, um neue einzuschlagen. Ganz nach dem Motto: Gene sind nur Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst.

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Leseprobe:

 Wussten Sie, dass ...

... Individualität die einzige Möglichkeit ist, sich auf Fragen aus der Zukunft, die wir heute noch nicht kennen, vorzubereiten?
... umso schwieriger die zu lösende Aufgabe ist, umso individueller die Mitglieder des Teams sein sollten?
... Migration Teil der Evolution ist?
... genetisch eigentlich keine menschlichen Rassen existieren?
... der Mensch individuell ins Leben geht und sich sein Leben lang gegen Gleichmacherei wehren muss?
... der Durchschnitt die größte Gefahr für eine erfolgreiche Zukunft ist, weil er zu keinen Spitzenleistungen fähig ist?
... der Durchschnitt auch ungerecht ist, weil er keinem einzigen Individuum wirklich entspricht?
... der Durchschnitt eine evolutive Sackgasse ist und wir trotzdem gerade mit Vollgas in diese Gasse fahren?
... der Durchschnitt ein Würfel ist, bei dem jede Seite dieselbe Augenzahl hat?
... Kinder nicht sein dürfen (können) wie ihre Eltern?
... jeder Mensch mehrere Talente hat?
... es eigentlich keine besseren oder schlechteren Talente geben kann?
... Ihre persönlichen Talente vielleicht mehr zur Lösung zukünftiger Probleme beitragen als die von Plácido Domingo oder Lionel Messi?
... Erfolg immer das Produkt aus Genetik und Umwelt, aus individuellen Leistungsvoraussetzungen und harter Arbeit ist?
... kein Erfolg von nur einem Talent abhängt?
... Erfolg stets das Ergebnis vieler besonderer Leistungen ist, wofür es notwendig ist, viele verschiedene oft auch dünne Schnüre an Leistungsvoraussetzungen zu entdecken und durch harte Arbeit zu einem dicken Seil zusammenzudröseln?
... Kreativität, intellektuelles Leistungsvermögen (IQ), Empathie und Temperament besondere individuelle Leistungsvoraussetzungen des Menschen sind, die sich im Laufe eines Lebens kaum verändern, für die genetische Faktoren bekannt sind
und die für die Erreichung jeder besonderen Leistung (= Erfolg) von größter Relevanz sind?
... es auch ein Talent zum Glücklichsein gibt, das durch harte Arbeit entwickelt und umgesetzt werden muss?
... man Talente verschwendet, wenn man sich nur mit der Reproduktion von Bekanntem beschäftigt, ohne kreativ Neues dabei zu schaffen?
... wer den Wert einer gegenwärtigen Leistung für die Zukunft einschätzen will, die Vergangenheit kennen muss?
... die Psyche starken Einfluss auf die Verwendung unserer Gene nimmt?
... man auf seine Gene pfeifen kann (oder muss)?
... die Umsetzung besonderer Leistungsvoraussetzungen in Erfolg nicht extrinsisch erzwungen werden kann?
... bildungsferne Schichten zur Bildung geführt werden müssen, nicht um den Durchschnitt zu heben, sondern um mehr Talente entdecken / fördern zu können?
... einen neuen Weg nur gehen kann, wer den alten verlässt?
... wir die Norm dadurch endlich obsolet machen sollten, indem es unser aller Ziel wird, von der Norm abzuweichen?
... wenn alle verschieden sind, keiner mehr auffällt?
... es nicht eine Elite gibt, sondern so viele Eliten wie Menschen?
... es wieder „in", „cool", „erstrebenswert" werden muss, anders zu sein und hart und viel an der Perfektionierung einer Sache zu arbeiten, damit ein kumulativer Flow-Zustand in unserer Gesellschaft entstehen kann, der uns zukunftsfähig macht.

Prolog

Das aktuell Erstrebenswerteste, was man offensichtlich über die (seine eigene) nächste Generation sagen möchte, scheint eher eine Beschreibung idealisierter Unsichtbarkeit zu sein. „Wie geht es Dir mit Deinem Sohn?", fragt der eine Vater den anderen. Die immer öfter gegebene, weil auch immer öfter gewünschte Antwort
darauf: „Meiner? Herrlich, großartig... so angenehm. Weißt Du, wir haben keinerlei Probleme mit ihm... so angenehm... der fällt überhaupt nicht auf, immer schön im Durchschnitt. Der ist noch nie unangenehm aufgefallen. Bitte, er ist
auch noch nicht besonders angenehm aufgefallen. Hauptsache ist aber doch - nicht auffallen. Das macht doch nur Probleme - für ihn und für uns. Nein, so etwas macht meiner mir nicht!" (Un)auffällig unauffällig - der Traum aller Erziehungsberechtigten,
Erziehungsverpflichteten.
Was mich daran stört? Warum ein Buch darüber? Weil diese beiden Väter das größte Kapital für die Zukunft unseres Planeten verschleudern. Sie meinen: Ach was, das größte Kapital sind Rohstoffe und billige Arbeitskräfte? Zugegeben, höre ich auch des
Öfteren. Aber wir wissen doch alle, die gehen uns schneller aus, als uns lieb ist. Das größte und einzige Kapital, auf das sich verlässlich und nachhaltig bauen lässt, ist die Individualität unseres Humankapitals.
Ein System, in dem alle Teile möglichst nah an einem gemeinsamen Durchschnitt sind, ist für die Zukunft in keinerlei Weise gerüstet. Selbst wenn man denkt, einen hohen Wert anzustreben. Das Problem ist die fehlende Varianz, die fehlende Individualität. Wenn in der Zukunft ein Problem auftaucht, das das System nicht kennt oder eben noch nicht kennt, so wird der Durchschnitt - und in diesem Fall damit alle (weil ja schließlich alle nah am Durchschnitt und daher sehr ähnlich wären) - keinerlei Antwort darauf bieten. Wenn das System aber eine höchstmögliche Streuung aufweist, also von Verschiedenartigkeit und Individualität nur so strotzt, wird vielleicht einer, oder auch ein zweiter, mit seinem individuellen Ansatz, mit seinen ganz eigenen Denkmustern eine Antwort finden können. Fragen, die aus der Zukunft auf uns zukommen, die wir heute (logischerweise) noch nicht kennen, werden dann von einem durchschnittsorientierten System beantwortet / gelöst werden können, wenn sie möglichst nah am Vorstellbaren, Kalkulierbaren, Einschätzbaren und Voraussehbaren sind. Aber was an der Zukunft ist schon wirklich vorstellbar, kalkulierbar, einschätzbar und voraussehbar? Eben.
Sie werden sagen, was soll's? Wer macht das schon? Wer orientiert sich denn schon am Durchschnitt? Das könnte doch nur jemand tun, der dumm genug wäre zu glauben, die Fragen der Zukunft heute schon zu kennen. Das könnte doch nur jemand
tun, der dumm genug wäre zu meinen, heute schon wissen zu können, was wir morgen wirklich brauchen, was morgen auf uns zukommt. Leute, die das von sich behaupten, sitzen üblicherweise in kleinen Hinterzimmern oder Zelten eines Wanderzirkus vor einer Glaskugel, leise, verraucht und ehrfurchtsvoll die Worte hauchend: „Ich sehe in Ihrer Zukunft einen Mann, schön, reich, klug und Ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesend!" Wer also ist dumm genug, sich an einem in der Verzweiflung des Gefechtes erfundenen und dann auch noch als ideal postulierten
Durchschnitt zu orientieren? Ein Schulsystem, das die Schüler anhält, doch dort am meisten zu lernen, wo sie die schlechtesten Noten haben, um sich auf Kosten jener Zeit, die sie mit ihren Stärken hätten verbringen können, doch rasch wieder im Durchschnitt einzureihen? Ein Schulsystem, das glaubt, das Entscheidende sei, dass am Ende alle das Gleiche können? Universitäten, die ihre Studenten danach aussuchen wollen, wie gut ihr Notendurchschnitt in der Schule war? Universitäten, die gerade zu Schulen werden mit dem Ziel, möglichst viele Studenten möglichst schnell, möglichst günstig, möglichst ohne Verluste (möglichst niedrige Drop-out-Quote), möglichst durchschnittlich auszubilden? Eine Bildungspolitik, die alles daran setzt, bildungsferne Schichten zur Bildung zu bringen, um den Durchschnitt zu heben? Eine Einwanderungspolitik, die heute schon weiß, welche Fachkräfte, welches Know-how wir morgen in unserem Land brauchen werden? Das kommt Ihnen alles irgendwie bekannt vor? Nun, dann wissen Sie ja schon, warum etwas dazu gesagt, warum etwas darüber geschrieben werden muss. Weil der Durchschnitt so hilflos ist. Weil der Durchschnitt niemals besondere Leistungen erbringen wird. Weil der Durchschnitt kein Instrument zur Beantwortung noch ungelöster Fragen ist. Weil Anderssein viel besser ist. Weil es nicht darum geht, besser zu sein, sondern anders zu sein. Und weil wir gerade im Begriff sind, unsere Individualität aufs Spiel zu setzen. Eben. Ich möchte Sie jetzt an dieser Stelle am Anfang des Buches nicht gleich überfordern, indem ich Ihnen all jene Beispiele, die man aktuell beobachten kann, aufzähle, die das mir unverständliche Streben nach dem Durchschnitt belegen würden. Ich weiß ohnedies, dass Sie die meisten davon (und wahrscheinlich noch viel mehr) kennen. Vielleicht
halten Sie einmal kurz inne und überlegen sich selbst, wo Sie in Ihrer unmittelbaren Umgebung mit „zu viel Durchschnitt" konfrontiert sind oder waren.
Anders zu sein und möglichst viele andere (Andersartige), Verschiedene im System zu haben ist die mächtigste Eigenschaft (um nicht zu sagen Waffe) auf dem spannenden, aber eben auch herausfordernden Weg in die Zukunft. Niemand weiß, wie die Zukunft aussieht. Niemand weiß heute schon, welche Fähigkeiten wir eines Tages zur Lösung der noch kommenden Probleme benötigen. Ein Grundelement der Zukunft ist, dass sie Neues bringt, uns noch nicht Dagewesenes an den Kopf wirft, ohne Rücksicht auf unseren aktuellen Stand des Wissens. Daher kann auch niemand behaupten, der eine (das eine) wäre heute wichtiger und förderungswürdiger als der andere (das andere). Wer heute wertet, wer heute von sich behauptet zu wissen, was wir wirklich brauchen werden, der sollte wohl idealerweise eine Glaskugel haben und zumindest jemanden finden, der ihm Glauben schenkt. Niemand kann heute beweisen, was besser ist und sein wird, weil man die Zukunft nicht kennt. Niemand kann heute behaupten, was nötiger ist und sein wird, weil man die Zukunft nicht kennt. Und so lange das so bleibt (und wer glaubt schon, dass sich das jemals ändern wird), besteht die einzige Chance
darin, sich auf die Zukunft vorzubereiten, möglichst viele im System zu haben, die anders sind.
Wer einen neuen Weg gehen will, muss den alten verlassen. Individualität ist das höchste Gut, wenn es darum geht, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Der Durchschnitt erbringt keinerlei wissenschaftliche Spitzenleistungen, die wir für eine erfolgreiche Zukunft so bitter nötig haben werden. Der Durchschnitt erbringt aber auch keine sportlichen Spitzenleistungen, keinerlei künstlerische Ausnahmeleistungen und natürlich auch keine innovativen politischen Lösungen. Der Durchschnitt ist sinnlos und gefährlich, weil er so manche in dem Glauben wiegt: „Wenn es die anderen auch so machen, wenn die anderen auch nicht anders sind, dann kann mir ja nichts passieren." Nicht nur, dass es heute sehr beliebt ist, wenn die nächste Generation nicht auffällt. Es ist außerdem mehr als beliebt, selbst nicht aufzufallen. Nichts - so glaubt so mancher - macht stärker, als als Tropfen im großen Meer des Durchschnitts aufzugehen. Nichts - so irren so viele - macht stärker, als sagen zu können, „wir" (und nicht ich). Die Sehnsucht, sich hinter einer Phalanx Gleichgesinnter zu verstecken, war wohl noch nie so groß: „Wir - die Briefmarkensammler, wir - die Gartenzwergsammler, wir - die Sammler der Rechten, wir - die Linkensammler, wir - die Katholensammler, wir - die Protestantensammler, wir - die Zinnsoldatensammler, wir versammeln uns und beschließen, was für uns gut ist. Was für eine unglaubliche Freude und Macht, dass es mehr von unserer Sorte gibt." In Wirklichkeit sollten wir alles daran setzen, eine (An-)Sammlung von Individuen zu sein / werden mit dem höchstmöglichen Grad an Anderssein. Eben und darum ein Buch.
Aber warum von einem Biologen und Genetiker?
Einerseits, weil das Wissen um die Macht der Individualität die Konsequenz des wohl erfolgreichsten Konzepts überhaupt ist. Und dieses Konzept, das es ermöglichte, durch eine ständig aktive Interaktion aus Genetik und Umwelt einer „Urpfütze" zu entfliehen und über einen steinigen und mit so manchem Getier gepflasterten Weg letztendlich beim Homo sapiens anzukommen, ist nun mal ein biologisches beziehungsweise genetisches. Die unglaubliche Kraft der Individualität und die Aussichtslosigkeit des Durchschnitts sind gleichermaßen Antrieb und Ergebnis der Evolution. Der Durchschnitt ist eine evolutive Sackgasse - und wir fahren gerade mit Vollgas hinein.
Und andererseits stellt die Individualität unseres Humankapitals, auf die wir bauen müssen, immer das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen Genetik und Umwelt dar. Der Mensch ist individuell, weil er genetisch individuell ist und weil er seine individuellen Umwelteinflüsse hatte und hat. Wohingegen unsere genetische Individualität wohl (noch, solange Ideen um einen Klonmenschen Dolly nicht wieder aufflackern) unantastbar ist und bleibt, ist es die Individualität, Verschiedenartigkeit und Streuungsbreite unserer Umwelteinflüsse, die wir uns gerade selbst dezimieren. Leider vor allem auch mit negativen Auswirkungen auf die Nutzung unserer individuellen biologischen Leistungsvoraussetzungen.
Sie haben natürlich schon erkannt, dass es mir um das Engagement geht, mit dem wir darangehen, unsere individuellen Talente zu finden und es ihnen zu ermöglichen, sie optimal umzusetzen. Das Ergebnis ist in solch einem Ansatz notgedrungen immer individuell - es muss individuell sein und es muss es auch bleiben dürfen. Jeder muss daher möglichst anders sein. Dass Talent oft auch eine genetische Komponente hat, ist akzeptiert: Talentiert wird man selten nur durch seine Lehrer. Der Streit um die Frage, wie stark die genetische Komponente dabei ist, bleibt ein akademischer und aus meiner Sicht entbehrlicher. Zumeist handelt es sich ohnedies nur um eine Frage des Standpunkts. Steht man mehr auf der Seite der besonderen individuellen Leistungsvoraussetzung, mit der jeder Mensch zur Welt kommt, so müssen die Gene stark unter Verdacht stehen. Steht man aber mehr auf der ergebnisorientierten Seite, so wird vollkommen klar: Erfolg ist ausnahmslos die Konsequenz aus der Wechselwirkung zwischen Genetik und Umwelt.  Talente als genetisch zumindest mitbestimmte besondere Leistungsvoraussetzungen gibt es - sie entziehen sich aber eigentlich der Messbarkeit. Beobachten, bestimmen und messen kann man sehr oft nur den Erfolg - das Produkt aus Genetik und Umwelt.
Ich gebe gerne zu, dass das jetzt etwas viel auf einmal war. Ich versuche es noch zu verdeutlichen: Zwei Menschen, die zum Beispiel in Bezug auf ihre musische Ausbildung genau die gleiche Umwelt hätten, genau gleich viel gelernt, geübt und gearbeitet hätten, mit genau den gleichen Lehrern, würden wahrscheinlich trotzdem niemals „gleich" oder „gleich gut" singen. Ich hoffe, ich konnte das klarmachen: Die Stimme des Menschen hat ohne Zweifel biologische Komponenten, wie etwa die Länge der Stimmbänder, der Aufbau des Kehlkopfes, die umgebenden Muskeln - alles ausgesprochen individuelle und verschiedene Aspekte. Und trotzdem, ohne zu üben, üben, üben kann es nie etwas werden mit der Gesangskarriere. Jetzt haben Sie sicher verstanden, was ich meine. Der Mensch startet sein Leben nicht als Tabularasa. Wer glaubt wirklich, dass jeder singen kann wie Elína Garanca, oder jeder Fußball spielen kann wie Lionel Messi, oder dass in jedem von uns ein Albert Einstein steckt - es hängt nur von der Ausbildung und vom Einsatz ab? Besondere genetisch Leistungsvoraussetzungen gibt es und ich werde so manche in diesem Buch diskutieren. Viel wichtiger aber ist letztendlich die oben erwähnte ergebnisorientierte Sicht. Wenn wir uns auf die Zukunft heute optimal vorbereiten wollen, muss unser Ziel sein, jedem Einzelnen die Chance zu geben, seine individuellen Leistungsvoraussetzungen zu entdecken und sie durch harte Arbeit in eine besondere Leistung umzusetzen. Eine besondere individuelle Leistung ist dann schließlich der heiß ersehnte Erfolg. Besondere Leistungsvoraussetzungen allein sind eben keinerlei Erfolgsgarantie.
Besondere Leistungsvoraussetzungen (= Genetik) können nur
durch harte Arbeit (= Umwelt) entdeckt und in eine besondere
Leistung (= Erfolg) umgesetzt werden.

Es besteht kein Zweifel: Die Individualität in unserem System kann nicht auf die Genetik reduziert werden, der Mensch kann niemals auf seine Gene reduziert werden. Erfolg ist immer das Ergebnis der Wechselwirkung aus Genetik und Umwelt. Gene sind wie Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst. Doch es scheint, als wollten wir nicht mehr alle Geschichten lesen! Wir begehen gerade den fatalen Fehler zu glauben, nicht jeder Mensch habe Talente und nicht jedes Talent sei wertvoll. Mit diesen beiden Irrtümern muss aufgeräumt werden. Jeder
Mensch besitzt Talente, sicher mehrere, vielleicht sogar viele. Und
Talente können nicht gewertet werden.
Ich weiß, ich muss Sie nicht noch einmal daran erinnern, dass wir die Fragen der Zukunft nicht kennen und daher nicht wissen, welche Talente wir einmal brauchen werden, welche Begabungen einmal wichtiger sein könnten. Aber haben wir nicht ein Recht darauf, dass alles dafür getan wird, unsere Talente und die der nächsten Generationen zu entdecken? Und ja - natürlich haben wir auch das Recht, uns nicht von unserem Spektrum an persönlichen Leistungsvoraussetzungen einengen zu lassen. Wir können auf unsere Talente pfeifen. Wir können und sollen das fördern und fordern, was jeder Einzelne auch mit Begeisterung bereit ist zu tun. Der Erfolg wird größer sein, selbst wenn man von anderen in seinem Hauptinteressengebiet eine leicht talentfreie Zone bescheinigt bekommt. Was wissen die schon. Verblüfft darf man aber schon sein angesichts der Tatsache,
dass offensichtlich viele Menschen glauben, die Stimme von Elína Garanca und das Ballgefühl von Lionel Messi seien doch viel größere Talente als ihre eigenen. Sollten Ihre Freunde das nächste Mal Ihre eigenen besonderen individuellen Eigenschaften und Begabungen im Vergleich mit Garanca und Messi kleinreden, vergewissern Sie sich bitte, ob sie Besitzer von Glaskugeln sind, weil sie ja offenbar wissen, welche Begabungen zur Lösung zukünftiger Probleme gebraucht werden. Ganz egal, welche Talente Sie bei sich selbst oder bei Ihren Freunden oder Kindern entdecken, bitte fragen Sie sich einmal, ob sie (obwohl vielleicht nicht so prominent und gut bezahlt) zur Lösung von Fragen, die in der Zukunft auf uns warten werden, nicht mehr beitragen als die richtige Stimmlage oder ein Kreuzeckschuss. Ich werde das in diesem Buch tun. Das brauchen Sie an dieser Stelle noch nicht verinnerlichen, das kommt alles noch im Detail später im Buch. Verblüfft muss man aber auch sein, mit welcher Seelenruhe wir gerade im Begriff sind, unser größtes Kapital zu verschwenden. Wenn Sie den Weg konsequent mit mir gehen, ist Ihnen jetzt schon klar, dass ich argumentieren werde, dass wir auf kein einziges Talent verzichten können, ob wir es im Kleinkind entdecken oder bei unseren Großeltern. Lebenslanges Lernen und bildungsferne Schichten zur Bildung zu bringen, all das ist bitter nötig.
Aber nicht um den Durchschnitt zu heben, sondern weil es die einzige Möglichkeit darstellt, die sonst verborgenen Talente zu entdecken und durch Erwecken in besondere Leistungen umzusetzen. Es gibt nur eine Elite. Die Elite ist in der Lage, etwas Besonderes, etwas Neues, etwas noch nie Dagewesenes zu leisten. Sie hat schöpferische Kraft. Der Durchschnitt kann das nicht, aber jedes Individuum kann das. Darum sind wir alle Elite, eine Elite aus Individuen. Diese Elite muss aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt werden. Auch Rassen gibt es nicht. Genetisch können zwei weiße Menschen weniger verwandt sein als ein weißer und ein schwarzer. Erfolg, etwas Neues zu leisten, die tägliche Mondlandung ist keine Frage des Alters, der Religion, der Hautfarbe oder der geografischen Herkunft - jedoch eine Frage der
Individualität, der Chance, seine individuellen Leistungsvoraussetzungen zu entdecken und umzusetzen. Wann auch immer, wo auch immer, wie auch immer.

Markus Hengstschl.ger Perchtoldsdorf, Wien, Kitzbühel 2011

Die Gefahr des Gleichen

Ich weiß, dass wir alle genügend damit zu tun haben, die Probleme des Alltags, die Probleme, die wir kennen, weil wir sie ja schon haben, zu lösen. Spannender ist es aber doch, sich mit Problemen der Zukunft zu beschäftigen. Einerseits, weil wir sie eben noch nicht kennen. Weil wir daher zumeist keine Lösungsvorschläge in der Schublade haben und in den seltensten Fällen jemand kennen (können), der das Problem schon einmal hatte und daher eine Vorlage zum Abpausen für uns parat hält. Andererseits aber auch, weil es weitsichtig, innovativ und vorsorgend ist, sich mit
Problemen der Zukunft zu beschäftigen.
Das Unwohlsein bei so manchen im Auditorium, wenn ich solche Ideen präsentiere, zeigt mir immer wieder klar, wie wenig präsent in unserem Denken die Beschäftigung mit der Zukunft ist. Sich mit Problemen der Zukunft auseinanderzusetzen, die wir heute natürlich noch nicht kennen! Und dann auch noch jetzt Lösungsvorschläge dafür zu entwickeln - Lösungsvorschläge im Hier und Jetzt für Probleme aus der Zukunft, die wir nicht kennen! Das kann auch nur ein Genetiker tun wollen! Ich hoffe, dass
Sie mir, wenn nicht jetzt schon, so zumindest nach Lesen dieses Buches recht geben, dass dies das Wesentlichste ist, was wir eigentlich zu tun haben. Für uns, aber vor allem für unsere Kinder und alle darauffolgenden Generationen! Und hier auch schon
mein Lösungsvorschlag für alle zukünftigen Probleme: Individualität!
So - damit habe ich das Wichtigste bereits gesagt und das wäre es auch schon wieder. Natürlich, Sie haben recht: Das muss erklärt werden. Ich werde in diesem Buch für viele Thesen biologische Beispiele zur Erklärung und Untermauerung verwenden.
Nicht etwa aus dem Grund, an den Sie jetzt gerade denken: „Der
kennt ja eh keine anderen!" Stimmt schon, aber ... ich bin wirklich
zutiefst davon überzeugt, dass Argumentationen aus der
Biologie in der Tat die besten für das noch zu Sagende sind. Ich
muss an dieser Stelle aber auch darauf hinweisen, dass ich die
Beispiele natürlich sehr adaptieren werde, um damit noch klarer
zu verdeutlichen, worauf es mir ankommt.
Lassen Sie mich mit einem Beispiel beginnen, das ich selbstverständlich
- und Sie werden das sofort erkennen - für meine Argumentation sogar massiv adaptiert habe. In Pfützen lebt ein ganz kleines vielarmiges Wesen namens Hydra. Die Süsswasserpolypen Hydra gehören zur Klasse der Hydrozoen (Hydrozoa), die wiederum zum Stamm der Nesseltiere (Cnidaria) zählen. Nehmen wir einmal an, in unserer Pfütze lebt eine einzige Hydra. Der Süsswasserpolyp schaut sich um, stellt fest, er ist da ganz allein, und es ist ausgesprochen fad. (Ich habe Ihnen ja gesagt,
dass meine Beispiele so stark verfremdet sind, dass man sich zu Recht fragen kann, was das jetzt eigentlich noch wirklich mit Biologie zu tun hat - ein kleiner Polyp, dem fad ist?)
Wenn der Hydra also richtig fad ist, und sie findet kein zweites Tier in ihrer Pfütze, dann kann sie etwas dagegen tun, was wir in keiner Weise und unter gar keinen Umständen tun könnten. Sie kann sagen, hier ist es fad so ganz allein, jetzt pflanze ich mich einfach fort. Alles ignorierend, was Ihnen gerade an Mühsal, Strapazen, ökonomischen Aufwendungen und üblicherweise notwendigen
Überredenskünsten so einfällt, was normalerweise mit der Idee „Jetzt pflanze ich mich fort" verbunden ist, fängt der Süsswasserpolyp einfach ganz allein an, sich fortzupflanzen. An ihm selbst noch anhaftend, beginnen kleine Ausstülpungen zu neuen Tieren heranzuwachsen. Nachdem sie eine bestimmte Größe erreicht haben, lösen sie sich vom Muttertier ab und leben als eigenständige Hydren weiter. Aus genetischer Sicht ist hier einmal grundsätzlich noch nichts dazugekommen oder verloren gegangen. Die neuen Tierchen sind genetisch identisch mit dem ersten
Tier (Sie erinnern sich, dem fad war). Das Tier lebt quasi in vielen Teilen von sich selbst weiter. Es können theoretisch unzählige Hydren entstehen, die aber alle genetisch identisch sind (geklont - wenn auch das ein etwas anderer Prozess ist). Man nennt diese Art der Fortpflanzung ungeschlechtlich oder asexuell. Und, wie schon gesagt, wir können das nicht.
Nehmen wir hypothetisch an, das Tierchen pflanzt sich asexuell weiter und weiter fort - das Ergebnis wäre doch eigentlich so schlecht nicht. Einerseits wäre das eine gegenwärtige Problem gelöst - jetzt sind viele Hydren in der Pfütze und es wäre nicht
mehr fad. Und andererseits? Betrachten wir es einmal aus der Sicht einer Firma, die ein bestimmtes Produkt an den Mann bringen will. Der Markt (die Pfütze) ist leer und unerschlossen. Die Firma glaubt an ihr Produkt (auch die Hydra glaubt an sich - es hat ihr ja auch noch nie jemand gesagt, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmen könnte - sie war schließlich bis vor Kurzem noch ganz allein in ihrer - unserer - Pfütze). Nun, wenn der Markt noch unerschlossen ist und ich glaube an mein Produkt, warum
sollte ich mein Produkt dann nicht möglichst kopiengetreu, möglichst effizient reproduzieren? So lange und so oft, bis der Markt voll mit meinem Produkt ist. Das hätte schließlich auch noch die marktwirtschaftlich angenehme Tatsache zur Folge, dass mein Markt jetzt mit Millionen meiner Produkte so voll ist, dass gar kein anderes Produkt mehr in diesen Markt eindringen kann. Was kann es Besseres geben? Zugegeben, die Probleme der Gegenwart scheinen gelöst zu sein. Für die Zukunft ist solch ein System aber sehr schlecht gerüstet, vorausgesetzt es wären wirklich alle Nachkommen untereinander und auch mit dem Muttertier vollkommen identisch. Das Problem dieses Systems wäre die vollkommen fehlende Individualität! Ein derartiges System hätte ein paar Probleme der Gegenwart gelöst, wäre aber unglaublich anfällig unter neuen aus der Zukunft kommenden Bedingungen. Gesetzt den Fall, es käme aus der Zukunft ein Problem, das die Pfütze und ihre Bewohner so noch nie hatten. In der Tat ist die Hydra ein sehr sensibles Tier, was auch dazu geführt hat, dass sie als Indikator, als Anzeiger etwa für Wasserverunreinigungen mit Schwermetallen und anderen Schadstoffen zum Einsatz kommt. Nehmen wir an, es ist aus ungeklärten Gründen in der Pfütze einfach zu warm geworden. Die Wassertemperatur steigt unnatürlich hoch an und der erste Polyp stellt fest: „Dafür bin ich biologisch nicht ausgerüstet. So ein Problem hatte ich noch nie." Die Hydra kann sich gegen diese Veränderung aus der Zukunft, die sie bisher noch nicht kannte, nicht wehren und muss sterben. Aber wer muss noch sterben?! Wenn als Konsequenz asexueller Fortpflanzung alle Tierchen in unserer Pfütze (mehr oder weniger) vollkommen gleich sind. Wenn keinerlei (oder kaum) Individualität herrscht! Wenn das erste Tierchen das nicht aushält, dann halten es natürlich alle anderen auch nicht aus. Und ... das erste Problem, die erste Veränderung aus der Zukunft, wovon man (die Hydren) natürlich nicht wusste, dass es kommt, ja dass es überhaupt jemals existieren könnte, führt dazu, dass alle Hydren sterben! Die Pfütze ist leer. Verlustig gegangen all jener Tierchen, für die sich das erste so abgemüht hat. Aber auch das erste Tierchen stirbt. Und die Pfütze ist plötzlich vollkommen leer. Dieser Markt ist für mein Produkt für immer verloren! Ich hoffe, dieses zugegeben etwas stark modifizierte Beispiel (vor allem auch, weil asexuelle Fortpflanzung aufgrund zufälliger Mutationen in Wirklichkeit durchaus auch eine gewisse Individualität mit sich bringt) konnte Ihnen doch klar verdeutlichen, wie anfällig ein System ist, in dem keinerlei Individualität herrscht, in dem alle und alles gleich ist.
„Ich muss mich halt auf die Zukunft gut vorbereiten!", könnte der eine oder andere jetzt kontern. Aber wie kann man sich auf die Zukunft vorbereiten, wenn man sie (ausgenommen man hat eine Glaskugel und entsprechend zahlungswillige und manipulierbare Kundschaft) doch niemals voraussagen kann?

Kein Sex ist gefährlich?

Nun, wie kann man es aber besser machen? Wie bereitet man sich jetzt wirklich auf Fragen aus der Zukunft vor, von denen man heute nicht weiß, wann sie kommen und wie sie aussehen? Der wohl berühmteste (und das zu Recht, weil wohl auch bedeutendste) biologische Forscher aller Zeiten, Charles Darwin, hat
die Antwort darauf entdeckt und 1859 in seinem Buch „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life" beschrieben. Er würde mir jetzt auf die Schulter klopfen und sagen: „Etwas schnell und stark vereinfacht." Aber trotzdem, eine seiner Hauptentdeckungen könnte zu dem folgenden (aus biologischer Sicht nicht wirklich umsetzbaren) Ratschlag an die Hydra, der fad ist, führen. Wenn sie sich wirklich für die Zukunft rüsten möchte, so
muss sie wohl oder übel aus ihrer Pfütze, in der in unserem Beispiel sonst ja kein zweites Tierchen war, raus und in eine andere Pfütze rein. In dieser anderen Pfütze befindet sich auch eine Hydra, die allerdings genetisch nicht ganz identisch mit dem
ersten Tierchen ist, und der von mir aus auch fad ist. Und jetzt muss das wandernde Tierchen die andere Hydra überreden, sich doch gemeinsam über Teamwork fortzupflanzen: Du gibst die Hälfte und ich gebe die Hälfte. Ja, das kommt Ihnen jetzt bekannt vor. Jetzt redet er von Sex und was Sie schon immer einmal darüber wissen wollten (hätten sollten). Freilich, Sie kennen gute Gründe, warum sexuelle Fortpflanzung viel besser ist als asexuelle. Ich muss Sie enttäuschen, das, worum sich unsere Gedanken so oft und vielschichtig drehen, ist alles nur Beiwerk. Jetzt kommt
der wirkliche Grund für Sex.

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