Romane & Belletristik

Yellowstone © echomedia buchverlag

Wolfgang Katzer

Yellowstone


204 Seiten, echomedia buchverlag

Alle sechshunderttausend Jahre ist er bisher explodiert: der Megavulkan unter dem amerikanischen Nationalpark Yellowstone. Wolfgang Katzer geht der Fiktion nach, es wäre wieder so weit, schildert in dichter bis dichterischer Sprache das immer mehr aus den Fugen geratende Leben in Österreich, während eine erstickende Wolkenschicht sich langsam über die Welt schiebt: Dreiunddreißig Geschichten aus dem Alltag, die einander die Hand reichen, dreiunddreißig Schritte zum Untergang.

 

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Leseprobe

... Er hielt in einer engen Gasse, Lagerhäuser zwischen Nachtbars, eine geschlossene Fabrik; saß ein paar Minuten unbeweglich im Auto, beobachtete die Umgebung ohne den Kopf zu bewegen im Rückspiegel, einen halben Meter über dem Boden: Flachwelt, die milchigen Kalotten der Straßenlaternen zirkelten Leben auf den Asphalt, schwarz aufragend die nassen Planken der Holzwände vor dem aufgelassenen Schrottlagerplatz einer Fabrik, gebleichte Plakate vom Vorjahresgschnas, Wahl der Miss Dirndl. Daneben rote Leuchtgirlanden um eine herzförmige Tür, graue Menschen auf den Gehsteigen mit eingezogenen Köpfen wie schlafende Tauben. Zwischen ölverschmierten Pflastersteinen pressten sich Grasbüschel durch den Boden. - Wachsen überall, Leben aus Dreck, und keiner sieht's.

Plötzlich stieg Khier ruckartig aus, hielt mit langen Schritten auf eine der Türen zu, läutete, legte die flache Hand an das kleine Fenster, wartete ungeduldig, bis geöffnet wurde. Für einen Augenblick strömte mattgelbes und rotes Licht auf den grauen Gehsteig, pumpten basslastige Rhythmen zu rappigem Sprechgesang. Roger Khier wurde abgefangen - er würde nie begreifen, wie derart lange Fingernägel nicht ständig brachen -, eingesaugt. Hey, Rogilein, heute so spät! Die Tür hinter ihm wurde zugedrückt, der schwere, doppelte Vorhang einen Meter dahinter roch nach Rauch; die Welt blieb draußen. Heute ist Hochbetrieb! Lou spuckte beim Sprechen. Sie wandte sich an einen gelbgesichtigen Mann mit schlechten Zähnen. Holst du Gabi? Der Mann schlurfte gebückt nach hinten, einen Kugelschreiber in der Hand. Lou trug wie immer Spitzen bis an die aufgespritzten Lippen. Khier hatte den Namen immer schon abgeschmackt gefunden, aber er hatte sie ja nicht so genannt. Er musste sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Höllenschlund, feurige Hitze, durch rote Spots kaum etwas zu sehen. Gib mir deinen Mantel! Als wäre die Stadt gekippt, in ein Erdloch gerutscht, auf Wiedersehen! Eine Sekunde zur Seligkeit. An den Wänden übertrieben große erotische Fotografien, Monitore wie helle Augen im Rot: rosa Brüste, der Kopf der Frau hängt über den Bettrand, ein schwarzer Mann zwischen ihren Beinen, geölte Muskeln, knackiger Arsch, Waschbrettbauch. Nur zehn Minuten täglich auf diesem Gerät, und Sie haben in wenigen Wochen Ihre Traumfigur. Rückgabegarantie! Khier hatte nach drei Tagen gewusst, dass es sinnlos war, den Apparat trotzdem behalten, wollte Diskussionen ausweichen. Hallo, Roger! Gabi trug nur einen Slip und ihr langes Haar. Weißt du, wie lange ich dafür beim Friseur sitze?, hatte sie schon beim zweiten Mal erzählt. - Scheinbare Vertraulichkeit schafft Dauerkunden. Die Steuer nimmt die Friseurrechnung nicht, obwohl die Haare doch Dienstbekleidung sind! Lautes, aufschreiartiges Lachen, blitzende Zähne, alle falsch. Können sich Kassierinnen im Supermarkt um die Ecke nicht leisten, hatte Khier gedacht. Gabi schälte ihn aus dem Sakko, zog ihn an der Krawatte in den nächsten Raum, das Jackett am Finger über der nackten Schulter. Mehr Rauch als Sauerstoff, hochstelzige Hocker vor der gläsernen Bar, Flaschen in Regalen, giftgrüne Flüssigkeit in Stielgläsern, neue Monitore, der gleiche Waschbrettbauch. Von den Gästen, dicht gedrängt wie selten, kannte Khier auf den ersten Blick niemanden, schaute unwillkürlich zu Boden. In Sexshops sieht auch keiner den anderen an, wie Kinder, die sich beim Versteckspiel ins Eck stellen, die Augen schließen und überzeugt davon sind, dass sie niemand sehen kann.

Man hing an der Bar. Diejenigen, die davor standen, bemühten sich nicht einmal mehr, gerade zu stehen; ausschließlich Männer, Frauen wurden nicht gern gesehen, kämen auch nie freiwillig her. Verena hatte schon Wodka eingeschenkt, tiefgekühlt, ohne Eis, die Flöte Bier dazu kostete so viel wie eine Flasche Sekt im Supermarkt, beste Sorte. Aber dort trug Verena nicht bloß einen Tanga und Stiefel. Khier drängte sich zwischen den Männern durch. Er kletterte auf den letzten freien Hocker an der Bar. Er beobachtete Gabi, wie sie sein Sakko an einen Haken hängte. Einer der Gäste griff ständig vergeblich über die Bar nach Verenas Brüsten, glasiger Blick, wirres Haar. Khiers Nachbar wachte kurz auf, als der neue Gast sich setzte, hob den Kopf aus den Armen vor sich.

Verena strahlte Khier an. Ich darf etwas mittrinken? Extrem kurzes Haar, riesige Ohrgehänge. Klar. Sie öffnete den Piccolo mit einer einzigen Handbewegung, ließ den Schaum überfließen, schenkte sich ein. Prost! Khier stieß mit dem Bierglas an. Einer der Männer erhob sein Glas: Auf den Weltuntergang! Er fiel mit dem Hocker nach hinten um, polterte zwischen den anderen zu Boden. Glasscherben, Cola Rum auf der Stofftapete. Lou und der Gelbgesichtige, den Kugelschreiber hinters Ohr geklemmt, zerrten die Alkoholleiche ins Atrium. Khier kippte den Wodka auf einen Zug, schob das leere Glas Verena hin. Einen Doppelten! Wow, sagte das Mädchen. Wenn sie sich nach der Kühlbox bückte, hatte sie einen herzförmigen Hintern. Die Musik war so laut, dass eine Unterhaltung unmöglich war, ohne dem anderen ins Ohr zu kriechen. Alle dümpelten vor sich hin, stierten auf die Monitore, rauchten. Hie und da drückte sich einer durch eine Türöffnung mit bunten Plastikschnüren, kam ein anderer zurück, bestellte Whisky Soda. Gaby lehnte neben Khier, rauchte; sie hatte eine tätowierte Rose über der linken Brust. Der Mann neben Khier wachte erneut auf, schaute angestrengt ins Leere. Willst du noch Sekt?, fragte Verena, hielt die Flasche schon in der Hand, näherte ihr Gesicht dem des Mannes, und ihre Brustspitzen berührten die Bar. Der Mann nickte. Sie ließ den Korken fliegen, schenkte in zwei Flöten ein. Prost, Liebling! Er konnte das Glas nicht mehr an den Mund führen, bemühte sich, etwas zu sagen, aber sie verstand ihn nicht, kicherte, schenkte sich erneut ein. Ja, was ist denn heute mit dir? Weltuntergang? Er versuchte aufrecht zu sitzen, krampfhaft das Gefühl zu vermitteln, er hätte alles unter Kontrolle; schaute eine Weile mit schwankendem Kopf und halb geschlossenen Augen Khier ins Gesicht, als wolle er etwas sagen, gab es wieder auf. Verena hatte die Sektflasche umgeworfen. Oje, na so etwas! Die Flüssigkeit wurde vom tiefen Teppich geschluckt. Müssen wir eine neue aufmachen! Der nächste Korken flog. Prost, Liebling! Als er nicht hersah, goss sie den Inhalt ihres Glases ins Spülbecken.

Bella wartet auf dich, raunte Gabi Khier ins Ohr, legte ihren Arm um seine Schultern. Khier ging nicht darauf ein, bestellte noch Wodka. Verena bückte sich nach der Tiefkühlbox. Wieder betrat ein Mann die Bar. Tiefe Augenringe, vorspringender Unterkiefer, Zigarettenstummel im Mund; hatte Schwierigkeiten, geradeaus zu gehen, verlor im Rücken der Sitzenden seine Zigarette, fand sie nicht mehr, ging wieder. - Ist ja egal, die Welt geht unter. Khier beobachtete die Glut in dem hochflorigen Teppich, winkte Gabi zu sich. Er fingerte nach einem Portemonnaie in der Gesäßtasche seiner Hose, öffnete es, zog mehrere große Geldscheine heraus, legte sie vor das Mädchen hin. Hol Bella heraus. Er legte noch zwei Scheine dazu. Gabi schaute ihn amüsiert an, nahm die Scheine an sich, verließ die Bar. Die Glut auf dem Boden war stärker geworden. Khier stellte sich Holzer vor, seinen brennenden Kopf, wie er die Hände vors Gesicht schlug, die Flammen durch die Finger drangen, die Haare sich einrollten, schmolzen, seine Schreie im Tumult untergingen. Jeder hat seinen eigenen Weltuntergang, nur für sich allein, erste Reihe Parkett, sonst sitzt niemand im Saal. Vorhang auf, Apocalypse Now! Als Herwig Essl aufs Gesicht fiel, hatte er Premiere und letzte Vorstellung in einem, merkte nicht mehr, dass ihm alle ins Kreuz stiegen. Im Herbst war ein Freund Khiers, ein ehemaliger Restaurantbesitzer, auf der Autobahn bei Gleisdorf um drei Uhr früh ungebremst von hinten in einen Lkw gekracht: Privatweltuntergang auf Raten. Konkurs, Alkohol, Scheidung. Applaus. Verena warf zum zweiten Mal die Flasche um, gluckste, wartete, bis alles ausgeronnen war. Wir werden eine neue nehmen! Angeblich hatte Chwatal in einem Nachtlokal einmal zweiunddreißig Flaschen Sekt in einer einzigen Nacht konsumiert; den Prozess, den er deshalb angestrengt hatte, hatte er verloren. Alle leeren Flaschen waren angeblich dem Gericht als Beweis zur Verfügung gestellt worden.

Khier konnte die Glut sehen. Der Teppich sollte schwer entflammbar sein. Bella kam durch den Vorhang. Großer Busen, blondiertes Haar, Lippen geschürzt, als wollte sie ihr eigenes Klischee einholen. Sie trug ein grünes Negligé und hohe Schuhe. Khier warf nur einen flüchtigen Blick auf sie, winkte Gabi heran, die hinter Bella wieder die Bar betreten hatte. Mach für einen Augenblick die Musik leiser. Gabi schaute ihn verwundert an, griff zwischen die Gläser auf den Regalen an der Wand. Alle horchten auf. Ich spendiere eine Runde, sagte Khier kühl. Jubel. Khier wehrte ab, zog sein Sakko über. Nicht so, wie ihr denkt. Er sprach leise, man verstand ihn schwer. Räumt die Bar ab! Er befahl dem Mädchen, sich auszuziehen, sich der Länge nach vor die Männer zu legen. Alle schrien vor Vergnügen. Wer ist der Typ? Keine Ahnung, ist öfter da! Man trank die Gläser leer, um die Hände freizubekommen, redete durcheinander. Der Mann neben Khier klammerte sich am Bargeländer fest, hatte nicht alles verstanden. Khier ging mit langsamen Schritten hinter die Bar, nahm eine Flasche hochprozentigen Rum vom Regal, steckte Verena einen Geldschein ins Höschen, leerte den Inhalt der Flasche über das nackte Mädchen vor ihm. Johlendes Geschrei. Khier beobachtete die Gesichter der Männer, wartete, ließ die Musik wieder aufdrehen. Bässe dröhnten, die Männer schrien durcheinander. Ein Cola zum Mischen, rief einer. Gibt's die auch mit Scotch? Der Rauch brannte in den Augen. Khier griff in seine Tasche, zog sein Feuerzeug heraus, hielt es hoch, genoss das plötzliche Abreißen des Geschreis. Jeder Handgriff saß. Marionetten, besoffene Puppen mit Holzköpfen; füllten täglich die Straßenbahn, verstopften die Straßen, glaubten, sie seien etwas Besonderes, schrumpften mit jedem Schritt, den man zurückging, zu Ameisen, ferngesteuert, vorprogrammiert. Sekunden wurden zu Ewigkeiten, doch zu kurz für das Mädchen, um aufzuspringen, das Programm zu ändern. Khiers Augen blitzten, als er das Mädchen ansteckte. Er tauchte unter den brüllenden Menschen durch, war schon beim Eingang, als die aufschießenden Flammen die ganze Bar erfassten, nahm seinen Mantel vom Haken, verließ ruhig das Lokal. ...

 

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  • Wolfgang Katzer © Ludwig Schedl

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