Romane & Belletristik

Letzte Nacht in Twisted River (John Irving) Diogenes Verlag

John Irving

Letzte Nacht in Twisted River


736 Seiten, Diogenes Verlag

Von der Sehnsucht und der Flüchtigkeit des Glücks. Die Odyssee eines Kochs und seines Sohns durch New Hampshire und halb Amerika, ausgelöst durch eine tragische Verwechslung. Die Geschichte einer großen Liebe und vieler kleiner.

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Leseprobe

Auf der anderen Seite der kanadischen Grenze herrschte – und herrscht nach wie vor – eine große Nachfrage sowohl nach Rundholz als auch nach Faserholz. Der Norden New Hampshires liefert weiterhin riesige Holzmengen an Papiermühlen in New Hampshire und Maine sowie an eine Möbelfabrik in Vermont. Doch von den einstigen Holzfällercamps zeugen nur noch kümmerliche Ruinen.

In einem Ort wie Twisted River blieb nur das Wetter unverändert. Von der Staumauer am unteren Ende des Little Dummer Pond bis zum Flussbecken unterhalb von Twisted River hielt sich zu jeder Jahreszeit, außer wenn der Fluss zugefroren war, bis weit in den Vormittag hinein ein hartnäckiger Nebel oder Dunst über dem unruhigen Wasser. Das durchdringende Wimmern der Sägeblätter von den Sägewerken her war so vertraut wie das Gezwitscher der Vögel, allerdings waren weder der Sägelärm noch das Vogelgezwitscher so verlässlich wie die Tatsache, dass es in diesem Teil New Hampshires nie Frühlingswetter gab – von jener scheußlichen Periode zwischen Anfang April und Mitte Mai abgesehen, die sich durch gefrorenen, langsam tauenden Schlamm auszeichnete.

Dennoch war der Koch geblieben, und nur wenige in Twisted River kannten den Grund. Noch weniger wussten, warum, woher und wann er überhaupt gekommen war. Doch sein Hinken hatte eine Vorgeschichte, das war allen klar. In einem Ort mit einem Sägewerk oder in einem Holzfällercamp war ein Hinken wie das von Dominic Baciagalupo nichts Ungewöhnliches. Wenn Stämme jeder Größe in Bewegung gesetzt wurden, war ein Knöchel rasch zerquetscht. Selbst wenn der Koch gerade nicht ging, fiel auf, dass der Stiefel an seinem kaputten Fuß zwei Nummern größer war als der an seinem intakten Fuß. Und wenn Dominic saß oder ruhig dastand, war der größere Stiefel immer abgewinkelt. Die Einwohner von Twisted River, die sich mit solchen Dingen auskannten, wussten, dass so eine Verletzung von allen möglichen Unfällen bei der Holzarbeit herrühren konnte.

Dominic hatte sich für den Job als Teenager ausgegeben. Seiner eigenen Einschätzung nach war er damals zwar nicht so unerfahren wie Angel Pope gewesen, doch »noch ziemlich grün hinter den Ohren«, wie er seinem Sohn erzählte. Er hatte nach der Schule auf einer Verladerampe in einem der großen Sägewerke in Berlin gejobbt, wo ein Freund von Dominics abwesendem Vater Vorarbeiter war. Dieser angebliche Freund von Dominics Dad war dort bis zum Zweiten Weltkrieg Teil des Inventars gewesen, doch der Koch hatte den sogenannten Onkel Umberto als Alkoholiker in Erinnerung, der wiederholt über Dominics Mom herzog. (Selbst nach Dominic Baciagalupos Unfall nahm dessen verschwundener Vater nie Kontakt zu ihm auf, und »Onkel« Umberto erwies sich kein einziges Mal als Freund der Familie.)
Auf dem Rundholzplatz hatte eine Ladung Hartholzstämme gelegen, hauptsächlich Ahorn und Birke. Der junge Dominic rollte gerade mit Hilfe eines Fällhebers die Stämme in das Werk, als plötzlich etliche gleichzeitig losrollten – er konnte ihnen nicht mehr ausweichen. 1936 war er erst zwölf; den Fällheber bediente er mit verwegener Selbstsicherheit. Dominic war damals genauso alt gewesen wie sein Sohn jetzt. Nie würde der Koch seinem geliebten Daniel erlauben, einen Rundholzplatz zu betreten, selbst dann nicht, wenn der Junge einen Fällheber rechts- und linkshändig bedienen könnte. Als Dominic damals von den rollenden Stämmen zu Boden geschleudert wurde, bohrte sich der Wendehaken seines Fällhebers wie ein Angelhaken in seinen linken Oberschenkel und sein linker Fußknöchel wurde seitlich weggedrückt und vom Gewicht des Holzes zerquetscht. Die Blutung aus der Fällheberwunde war nicht lebensgefährlich, doch damals konnte man leicht an einer Blutvergiftung sterben. Auch hätte er später wegen der Knöchelverletzung an einer Gangrän (damals noch Wundbrand genannt) sterben können oder – das war wahrscheinlicher – den linken Fuß, wenn nicht das ganze Bein, amputieren lassen müssen.

1936 gab es im Coos County keine Röntgengeräte. Einen zerschmetterten Knöchel zusammenzuflicken fiel den medizinischen Experten in Berlin nicht ein; in solchen Fällen empfahl sich ein kleiner oder gar kein chirurgischer Eingriff. Bei so einem Unfall hieß es abwarten: Entweder waren die Blutgefäße platt gequetscht, was eine Durchblutungsstörung zur Folge hätte – dann würden die Ärzte den Fuß amputieren müssen –, oder die gebrochenen und verschobenen Knöchelfragmente würden krumm und schief zusammenwachsen und irgendwie heilen und Dominic Baciagalupo würde zeitlebens hinken und Schmerzen haben (wie es dann auch kam).
Es gab auch noch die Narbe vom Haken des Fällhebers, die der Bisswunde eines seltsamen kleinen Tieres glich, eines Tieres mit einem einzigen gebogenen Zahn und einem Maul, das nicht groß genug gewesen war, um den Schenkel des Zwölfjährigen zu umschließen. Und ehe der Koch einen Schritt machte, zeigte sein linker Fuß scharf nach links. Seither fiel den Leuten, noch bevor sie Dominic hinken sahen, zuerst der missgestaltete Knöchel und die Fehlstellung des Fußes auf.

Eins war klar: Dominic würde nie Holzfäller werden. Bei dieser Arbeit musste man sein Gleichgewicht halten. Und der Unfall war in einem Sägewerk passiert – ganz abgesehen davon, dass der Trunkenbold und »Freund« seines durchgebrannten Vaters dort Vorarbeiter war. Nein, Dominic Baciagalupos Zukunft lag auch nicht in einem Sägewerk.

»He, Baciagalupo!«, hatte ihm Onkel Umberto oft zugerufen.
»Du magst einen neapolitanischen Namen haben, aber du hängst rum wie ein Sizilianer.«

»Ich bin Sizilianer«, erwiderte Dominic dann pflichtschuldig. Seine Mutter schien darauf ungemein stolz zu sein, dachte der Junge.

»Tja, aber dein Name ist napolitano«, entgegnete Umberto.
»Nach meinem Vater, nehme ich an«, mutmaßte der junge Dominic.
»Dein Dad war kein Baciagalupo«, teilte ihm Onkel Umberto mit. »Frag Nunzi, woher dein Name stammt – schließlich hat sie ihn dir gegeben.«
Dem Zwölfjährigen passte es gar nicht, wenn Umberto, der Dominics Mutter offenkundig nicht mochte, sie »Nunzi« nannte – eine Koseform von Annunziata. Aus Umbertos Mund klang es überhaupt nicht zärtlich. (In einem Theaterstück oder einem Film hätte das Publikum Umberto problemlos als Nebenfigur identifiziert, doch die beste Besetzung für die Rolle des Umberto wäre ein Schauspieler, der überzeugt ist, eine Hauptrolle zu spielen.)
»Und du bist wohl auch nicht mein richtiger Onkel?«, hatte Dominic von Umberto wissen wollen.

»Frag deine Mama«, antwortete der. »Wenn sie gewollt hätte, dass du siciliano bleibst, hätte sie dir ihren Namen geben sollen.« Der Mädchenname seiner Mutter war Saetta, worauf sie ebenfalls sehr stolz war, genau wie auf alle Saettas, von denen Dominic sie je hatte erzählen hören, wenn sie über ihre Abstammung
sprach. Über Dominics Abstammung sprach Annunziata nur äußerst
ungern. Das wenige, was der Junge wusste, hatte er eher schlecht als recht aus Informationsoder Desinformationsbröckchen zusammengetragen, ähnlich den unvollständigen Beweisen und lückenhaften Indizien in dem zunehmend beliebten Brettspiel Cluedo, das der Koch und Ketchum mit Dan spielten und zu dem sich manchmal auch Jane gesellte. (War es Oberst Günther von Gatow in der Küche mit dem Kerzenleuchter, oder hat Fräulein Ming den Mord mit dem Revolver im Musikzimmer begangen?)

Als Kind wusste Dominic nur, dass sein Vater, ein Neapolitaner, die schwangere Annunziata Saetta in Boston sitzengelassen hatte. Es ging das Gerücht, er habe ein Schiff zurück nach Neapel genommen. Auf die Frage »Wo ist er jetzt?« (die der Junge seiner Mutter oft gestellt hatte) zuckte Annunziata seufzend die Achseln, schaute entweder gen Himmel oder zu der Dunstabzugshaube über dem Küchenherd und sprach die geheimnisvollen Worte: »Vicino di Napoli.« – »In der Gegend von Neapel«, vermutete Dominic. Mit Hilfe eines Atlas und weil der Junge gehört hatte, wie seine Mutter im Schlaf die Namen zweier Bergstädte (und Provinzen) in der Gegend um Neapel murmelte – Benevento und Avellino –, kam Dominic zu dem Schluss, dass sein Dad in diesen Teil Italiens geflohen war.

Umberto, der war eindeutig kein Onkel – und auf jeden Fall ein »legendäres Arschloch«, wie Ketchum es formuliert hätte.
»Was ist denn Umberto für ein Name?«, hatte Dominic den Vorarbeiter gefragt.
»Der vom König!«, hatte Umberto entrüstet geantwortet.
»Ich meine, das ist doch ein neapolitanischer Name, stimmt’s?«, hatte der Junge gefragt.
»Was fragst du mich hier aus? Du bist zwölf und tust, als wärst du schon sechzehn!«, rief Umberto.
»Ich soll doch allen sagen, ich sei sechzehn, das war doch deine Idee«, hatte Dominic den Vorarbeiter erinnert.
»Hast ja auch einen Job gekriegt, Baciagalupo«, hatte Umberto gesagt.

Dann rollten die Baumstämme, und Dominic wurde Koch. Seine Mutter, eine auf Sizilien geborene Italoamerikanerin, die eine ungewollte Schwangerschaft von Boston nach Berlin in New Hampshire verschlagen hatte, konnte kochen. Sie war aus der Großstadt nach Norden gezogen, nachdem sich Gennaro Capodilupo in Richtung der Docks in der Nähe von Atlantic Avenue und Commercial Street geschlichen und sie in anderen Umständen zurückgelassen hatte, um, ob buchstäblich oder im übertragenen Sinn, das Schiff »zurück nach Neapel« zu nehmen.

Arschloch (wenn schon nicht Onkel) Umberto hatte recht: Dominics abwesender Vater war kein Baciagalupo, sondern ein Capodilupo – was, wie Annunziata ihrem Sohn erklärte, »Wolfskopf« hieß. Was sollte die ledige Mutter schon machen? »Nach all den Lügen, die dein Vater erzählt hat, müsste er eigentlich Boccadalupo heißen!«, sagte sie zu Dominic. Das bedeutete »Wolfsmaul«, wie der Junge später erfuhr – ein passender Name für das Arschloch Umberto, dachte er oft. »Aber du, Angelù€, du bist mein Wolfskuss«, sagte seine Mutter.

In dem Bemühen, ihn für ehelich zu erklären, und weil sie Wörter liebte, aber sehr eigenwillig damit umging, nannte seine Mutter Dominic nicht Kopf (noch Maul) des Wolfes; für Annunziata Saetta kam nur ein Wolfskuss in Frage, Baciodalupo. – Doch wegen Nunzis verschliffener Aussprache und wegen eines Tippfehlers im Kindergarten war der falsch buchstabierte Name hängengeblieben. Noch ehe er Koch wurde, war aus Dominic Baciodalupo ein Dominic Baciagalupo geworden.

Seine Mutter benutzte auch die Kurzform Dom – Dominic leitet sich von domenica ab, was »Sonntag« bedeutet. Nicht, dass Annunziata eine strikte Anhängerin des von Ketchum so genannten »katholischen Zeugs« gewesen wäre. Was an der Familie Saetta katholisch und italienisch war, hatte die junge, unverheiratete Frau schließlich gen Norden nach New Hampshire getrieben; in Berlin würden sich andere Italiener (vermutlich auch Katholiken) ihrer annehmen.

Hatte Nunzis Familie erwartet, dass sie ihr Kind zur Adoption freigeben und ins Bostoner North End zurückkehren würde? Nunzi wusste, dass so etwas gang und gäbe war, aber sie dachte nicht daran, ihr Baby wegzugeben, und geriet – trotz ihres beträchtlichen Heimwehs nach dem italienischen North End – auch nie in Versuchung, wieder nach Boston zu ziehen. Sie war ungeplant in andere Umständen geraten, worauf sie weggeschickt worden war, was sie verständlicherweise übelnahm.
Auch wenn Annunziata in der Küche eine treue Sizilianerin blieb, waren die sprichwörtlichen Familienbande endgültig zerrissen. Ihre Bostoner Familie – und mit ihr auch die italienische Gemeinschaft im North End und alles, was dort das »katholische Zeug« verkörperte – hatte sie verstoßen. Jetzt verstieß Nunzi sie. Weder ging sie selbst zur Messe, noch schickte sie Dominic hin. »Es reicht, dass wir bei Bedarf zur Beichte gehen«, sagte sie zu Dom, ihrem kleinen Wolfskuss.
Und weder brachte sie dem Jungen Italienisch bei – von ein paar unentbehrlichen Kochbegriffen abgesehen –, noch war Dominic gewillt, die Sprache der »alten Heimat« zu lernen, die für ihn das Bostoner North End war, nicht Italien. Die Sprache und der Ort hatten seine Mutter verstoßen. Italienisch würde nie Dominic Baciagalupos Sprache sein, und er betonte entschieden, nichts ziehe ihn nach Boston.

Alles in Annunziata Saettas Leben in Berlin war ein Neuanfang. Die jüngste von drei Schwestern konnte so gut Englisch lesen und sprechen wie sizilianisch kochen. Nunzi brachte Kindern in einer Grundschule in Berlin das Lesen bei, und nach dem Unfall nahm sie Dominic aus der Schule und lehrte ihn die Grundlagen der Kochkunst. Außerdem legte sie Wert darauf, dass der Junge Bücher las – nicht nur Kochbücher, sondern alles, was sie selbst las, Romane vor allem. Ihr Sohn hatte die allgemein missachteten Gesetze zur Kinderarbeit übertreten und war dabei zum Krüppel geworden, und Annunziata hatte ihn aus dem Verkehr gezogen; zum Hausunterricht gehörte für sie kulinarische und literarische Bildung.

  • Letzte Nacht in Twisted River (John Irving) Diogenes Verlag
  • John Irving Jane Sobel Klonsky

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