Romane & Belletristik

Lobo und die Frauen echomedia buchverlag

A. Groll

Lobo und die Frauen – Der Versuch, ein richtiger Mann zu werden


168 Seiten, echomedia buchverlag
High Noon in Las Vegas: Lobo, der virtuelle Herzensbrecher, startet voll durch und erobert das WWW!

Im 37. Stock des Wynn endet eine Beziehung. Die Wege trennen sich. Mit den letzten 100 Dollar in der Tasche und Van Morrisons „The Healing Game“ im Ohr fliegt Andreas zurück nach Wien. Dort beginnt etwas Neues und Faszinierendes für ihn. Im World Wide Web entdeckt er ein unüberschaubares Angebot an Flirts, Eroberungen und Begegnungen, die nicht nur die erwünschte Ablenkung, sondern auch einen neuen Kick in sein Leben bringen. Als Lobo, der virtuelle Herzensbrecher, beschließt er, sich seine ganz persönliche Barbie zu „schnitzen“. Doch wie geht es einem, der noch gedanklich in der Vergangenheit festsitzt, aber trotzdem die Versuchung neuer Abenteuer annehmen will? Was passiert mit Lobo, dem einsamen Wolf? In einer Zeit, die „Beziehung“ zu einem Auslaufmodell degradiert, beginnt sich mitten in Wien ein emotionales Karussell zu drehen.

Lobo im Internet: www.lobounddiefrauen.com
Lobo auf Facebook

 

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Leseprobe

Kapitel 1

Landeanflug auf München, wir durchqueren eine Gewitterfront. Wäre ich nicht angeschnallt, müsste ich mich an den Gepäckfächern über mir abstützen, um nicht mit dem Kopf dagegenzudonnern. Erinnert schon ein wenig an daheim – Wiener Wurstelprater, Hochschaubahn!

Und dann … „Verdammt!“ Die Turbinen werden ungewöhnlich laut, wir starten noch mal durch.

Andererseits egal, ich fühle mich seit dem Abflug in Las Vegas so bescheiden, dass es darauf nicht mehr ankommt.

High Noon im Wynn, im 37. Stock.

Ein paar Projektile verbaler Art, und sechs Jahre mit Daniella 
sind Geschichte. Ich war allerdings bereits angeschlagen, da ähnliche Geschoße – hinterrücks abgefeuert, täglich, und das zwei Wochen lang – schon einigermaßen meine Verfassung beeinträchtigt hatten.

Letzte kühle Verabschiedung am Flughafen in Vegas, noch dazu in Eile, denn meine Reisegruppe – das waren Daniella, drei Kinder und ihr (mittlerweile) Ex – ja, der war auch dabei, durfte sechs Jahre lang fast alles zahlen, meist ohne es zu wissen, sorry! – flog nach Hawaii weiter und musste sich beeilen, den Flug nicht zu verpassen.

Dafür hab ich meinen verpasst! Am Schalter gestanden 
mit hundert Dollar in der Tasche und einem Koffer voll Schmutzwäsche, den letzten Erinnerungsstücken an jahrelange Verbundenheit und den Versuch, jemandem aus selbst 
verursachter Lebensfehlplanung herauszuhelfen.

Meine Fehlplanung waren die vergangenen sechs Jahre, die mich fast an den Rand meiner Existenz gebracht hätten. Wohin es allerdings nicht weit gewesen war, muss ich zugeben.

In deprimiertem Überschwang, zitternd am Flughafen in einer Ecke am Boden sitzend, stellte sich Aufbruchsstimmung ein. Was werde ich nicht alles tun, wenn ich wieder daheim bin! 
Mit gutem Gefühl ins „Krawa“ – wie das Krapfenwaldbad von Eingeweihten genannt wird – gehen, ohne den überflüssigen Kommentar: „Glaubst, dass d’ so schön bist?“ … Was anscheinend die Eintrittsberechtigung für öffentliche Freibäder ist, mir aber offenbar nicht bewusst war. (Immerhin hab ich den ganzen folgenden Sommer dann wirklich dort verbracht …)

Mir Zeit nehmen für wichtige Dinge, ohne andauernd über 
Antworten auf die Fragen „Wo bist du?“, „Wann kommst du?“ nachdenken zu müssen.

Und letztendlich einen Blick auf die für einen Nichtuser geheimnisumwobenen Internetflirtseiten werfen. Mich umschauen und aussuchen können, wie früher als kleines Kind beim Herzmansky.

Eine reizvolle Vorstellung, alles im Vorhinein klar festgelegt. Will man seitenspringen, sich verlieben oder (wobei das eine das andere nicht ausschließt) diskutieren? Oder bloß neue Bekanntschaften machen? Es gibt keine Missverständnisse, jeder weiß, was der andere erwartet. Sollte man glauben. Doch wo der Mensch die Hände im Spiel hat, geht sogar die virtuelle Welt in die Knie.

Aber erst mal nach Hause kommen! Die Landung in München gelingt im zweiten Anlauf. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend verlasse ich den Flieger, bin mir nicht ganz sicher, 
woher das kommt und habe plötzlich ein starkes Bedürfnis nach Kamillentee.

Das Handy läutet. Ein bekannter Name auf dem Display, dem ich zwei Wochen lang jeden Tag versprochen habe: „Du siehst mich nie mehr wieder.“ Allerdings nur in inneren Dialogen, die ich mit mir selbst führte. Und in diesem Moment wird das Versprechen auch aufs Telefonieren ausgeweitet. Ich lasse es läuten. Soll das Gegenüber sich doch fragen, ob ich noch in Vegas feststecke, irrtümlich Richtung Australien unterwegs bin oder es doch allein bis nach Hause geschafft habe.

Schließlich war ich, wie Daniella in diesen letzten Tagen festgestellt hat, schon „fast ihr viertes Kind …“. Viertes Kind einer großartigen Mutter, die mir im Zuge des Showdowns hoch über Las Vegas unbedingt mitteilen musste, dass sie jetzt endlich RICHTIGE Männer kennengelernt hat.

„Männer, die nur mich ansehen, wenn sie mit mir wo sitzen. Die mir sagen, was für eine tolle Frau ich bin!“

Na, gratuliere! Dafür sechs Jahre verschissen.

„Du hast jetzt nichts kapiert und in den Jahren davor noch weniger“, waren meine letzten (rückblickend betrachtet: viel zu freundlichen) Worte.

Ich kaufe mir einen Tee, setze mich in eine Ecke, die Kopfhörer auf und beruhige mich mit Van Morrisons „The Healing Game“. Hoffentlich hilft es.

Wie freu ich mich schon auf daheim! Marvin, mein einziger, wahrer und bester Freund, wird mich vom Flughafen abholen. Endlich wieder ein normales Gespräch und auf einer Ebene mit dem Gegenüber. Das erinnert mich an eine Aussage: „Du bist eben nicht auf dem selben Level wie wir.“ … Kann man natürlich in die eine oder andere Richtung auslegen. Ich hab mich für die eine entschieden und meinen Job als Chauffeur der ehrenwerten Familie erledigt.

Durch Kalifornien, Nevada, Utah. Traumhafte Landschaften. Der Grand Canyon, wo ich unbedingt noch mal hinmuss, um ein bestimmtes Foto zu schießen. Oder Bryce Canyon bei Sonnenaufgang, während alle anderen noch geschlafen haben. Auf der Terrasse einer Ranch am Colorado River im Holzschaukelstuhl (da haben ebenfalls noch alle geschlafen …) mit Erdhörnchen, Rehen – und Springsteen im Ohr.

Rückblickend war ich bereits auf meiner eigenen Reise. Die Dinge, an die ich mich gern erinnere, hab ich allein gemacht.

Daheim werde ich mein Internet gleich auf 10 GB aufrüsten, und dann gibt es kein Halten mehr.

Aber, wie gesagt, zuerst muss ich mal nach Hause kommen. Schlechtes Wetter, Verspätung … Knapp vor Mitternacht hole ich den Koffer (mit der Schmutzwäsche meiner „Geschwister“ und Ersatzmutter) in WienSchwechat vom Fließband und freu mich auf meinen Blutsbruder.

Endlich! Bei angenehmer Temperatur und leichtem Regen geht die Fahrt Richtung Döbling.

Gleich hinauf auf den Cobenzl, schlafen kann ich sowieso nicht. Es gibt genug zu erzählen – auf beiden Seiten.

Euphorie macht sich breit! Es wird Zeit, der Welt in den Arsch zu treten. Sich zu nehmen, was man will.

„Ich hab mir dich ausgesucht, aber du warst immer so negativ.“ Das aus dem Mund von jemandem zu hören, der eines Tages Tabletten (eine ganze Menge auf einmal) geschluckt hat, wobei ich nicht mal mehr weiß, warum, und alle zwei Wochen – obwohl selbst verheiratet – eifersüchtig explodiert ist, war schon sehr seltsam.

Naja, die persönliche Sicht der Dinge …

Die Chance auf lebenslanges Vertrauen war da, hat sich aber so schnell verabschiedet wie ein Magenkranker mit Dünnpfiff.

Jetzt heim und ins Bett! … Allerdings habe ich schon bessere Ideen gehabt. Jetlag! Ich liege putzmunter da, und im Kopf 
rotiert die Erinnerung an einen unvergesslichen Urlaub.

Unglaublich, wie sich manche Erfahrungen im Leben festsetzen und einen verfolgen.

Das U-Boot-Dasein hat sich auf mein Sozialleben ausgewirkt. Ich muss unbedingt wieder neue Leute kennenlernen und komme mir vor wie Robinson ohne Freitag … schreckliche Nächte, eine Woche lang!

Tagsüber Flucht ins Krawa, oder ich sitze auf meiner Harley, um das Hirn durchzulüften. Außerdem könnte es nicht schaden, ein bisschen zu arbeiten … lenkt zumindest ab. Harleyfahren ist mir allerdings lieber!

Man ist der Chemie des eigenen Körpers ausgeliefert, ohne Fluchtmöglichkeit. Wie in der Schule: „Alles Leben ist Chemie“, physisch und psychisch. Und jetzt heißt es, die Gegenreaktion zu finden. Aus Säure Base machen, aus Gelb Violett, aus Winterstiefeln Sommersandalen schnitzen.

Eine mögliche Lösung hat viele Namen: love.at, iLove.at, Friend
Scout24.at, match.com, … Das wird lässig! Ankreuzen, bestellen und genießen. Ganz einfach! Von der Haarfarbe bis zum Fitnesslevel werd ich mir meine persönliche Barbie zusammenstellen, dann suchen lassen und – Bingo! Männerträume werden wahr. Ein Leben wie Hugh Hefner.

In Los Angeles sind wir an seiner Villa vorbeigefahren. Bunny hab ich keines gesehen … besser so! Sonst hätte mein Mamahase sicher gemeint: „Sollen wir stehen bleiben und warten, bis du fertiggeschaut hast?“ So geschehen am Rodeo Drive. Ein Kellner, die Reinkarnation des verstorbenen Rudolph Moshammer (Ist er möglicherweise nach L.A. geflüchtet? Aus Steuergründen? Hat ihn sein Hund gebissen? Oder jemand anderer?), bediente zwei Blondinen.

Ich SCHWÖRE, nur auf den Kellner konzentriert gewesen zu sein! Jedenfalls musste ich mir oben genannte Aussage vor versammeltem Nachwuchs anhören. Hab nicht darauf reagiert. Es war für die Kleinen schon schwer genug, mit ihrem verkorksten Familienleben fertigzuwerden. Niemand hatte einen Ahnung, wer oder was ich wirklich war. Offiziell Trainer, Hausmeister und letztendlich Chauffeur, inoffiziell Fantômas, der Retter im Überfluss (kommt anscheinend von „überflüssig“) lebender Hausfrauen.

Mission erfüllt, der Mohr kann gehen. Und er ist gegangen. Wie John Wayne nach einem Duell mit bösen Banditen. Zwar hinkend, aber den Hut noch auf dem Kopf und mit dem Wissen: „Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit.“

Aber keine Sorge, ich habe und hatte weder Mord- noch Selbstmordabsichten. Nur einen Hang zu übertrieben melodramatischer Selbstinszenierung. Das wird sich nie ändern! Mühsam!

Kapitel 2

Ich überlege, welchen Nickname ich mir zulegen soll und kämpfe mich durch die Anmeldung. Die anfangs versprochene „Gratismitgliedschaft“ fungiert als Einstiegsdroge. Mittlerweile auf der Seite mit den Vertragsoptionen angekommen, entscheide ich, vorerst „gratis“ zu bleiben und die Sache zu beobachten.

Fotos hochladen, persönlichen Text ausfüllen … was ich auf später verschiebe. Schließlich will man ja möglichst originell sein, und mir fällt im Moment nichts ein.

Die Idee! „Lobo“: das perfekte Pseudonym. Klingt zwar nach mexikanischem Feldarbeiter, bedeutet aber „einsamer Wolf“. Damit kann ich mich sogar identifizieren.

Verdammt, gibt es schon! Als Alternativen werden mir „lobo2“, „lobo64“ und „lobo1964“ angeboten.

Mit dem zweiten Platz kann ich mich ganz sicher nicht anfreunden, also fällt die Wahl auf „lobo64“. So wissen alle sofort wie alt ich bin und können sich wundern, wie jung ich aussehe.

Die Fotos hat Marvin von mir gemacht. Sogar sehr gute, wie wir beide zufrieden feststellen. Jetzt hinein ins Profil damit und die Frauen werden Schlange stehen. Balsam für die geprügelte Seele.

Ich sende meine Daten zur Überprüfung ein, bekomme eine Mail, um zu bestätigen – und es kann losgehen. Bin schon sehr gespannt!

Jetzt schau ich mich einmal um. Suche: weibliches Wesen, 
30–45 Jahre, Wohnort egal, alles andere ebenfalls … vorerst! 583 Ergebnisse – uff! Und alle für mich …

Ein breites Grinsen legt sich über mein Gesicht. Vielleicht sollte ich noch schnell einkaufen gehen. Im Kühlschrank herrscht gewohnte Leere und ich will nicht vor dem Laptop verhungern, womöglich ohne es zu merken, fasziniert vom weiblichen Überangebot.

Super Sache! So stell ich mir die Wohlstandsgesellschaft vor und kann mich voll mit ihr identifizieren. Na, dann los!

Wie im Paradies! Alle lächeln mich an, schauen mich an … hin und wieder auch ihre Haustiere, und ich will gar nicht wissen, wie viele Fakes über meinen Bildschirm wandern. Fürs Erste aber, völlig geblendet, beginne ich mich durch die Suchergebnisse zu arbeiten. Adieu, armselige Vergangenheit, ein neues Leben beginnt!

Nach dem hundertsten inspizierten Profil fange ich langsam an zu schielen. Die Hälfte davon „Mausis“, „Puppis“, „Angels“, „Hexis“. Anscheinend haben es andere auch nicht leicht, einen 
originellen Nickname zu finden. Oder steht der Intellekt des Users in direktem Zusammenhang mit seinem Pseudonym? Ein Verdacht, der sich noch bestätigen wird.

Zunächst zählt jedoch die optische Wirkung. Arme Kandidatinnen ohne Profilfoto! Ihr werdet nie in den Genuss meiner Aufmerksamkeit kommen, aber möglicherweise einen Grund für die selbst verordnete Anonymität haben. Verheiratet? Gerade in Scheidung? Schüchtern? Unattraktiv?

Ich beschließe, dieses Rätsel nicht zu lösen. Viel zu riskant, frei nach Goethe: „ Die Geister, die ich rief …“

Langsam durchblicke ich das System. Favoriten anlegen, sehr praktisch! So hab ich meine Spitzenkandidatinnen immer unter Kontrolle und sehe, wann sie online sind.

Zwinkerer schicken … was ist das, bitte? Ich kann schon in natura nicht zwinkern, wenn eine Frau vor mir steht. Kriege dann eher einen Schweißausbruch. Lächerlich! Diese Funktion werde ich boykottieren.

Und schon trifft der erste Zwinkerer ein. Mir wird heiß!

Nur nicht das Profil aufmachen. Es könnte als Interesse ausgelegt werden. Cool bleiben, du bist Lobo!

Ich lasse ein paar Anstandsminuten verstreichen (etwa eine Stunde) und schleiche mich langsam an. Die Zwinkerliste ist geöffnet. Ich kann das Foto erkennen und den Begrüßungstext gleich daneben … sehr praktisch. „Zimtschnecke“: blond, nettes Gesicht, mehr ist nicht zu sehen. Meine Zielgruppe!

… Was soll ich hier über mich schreiben? Ist schwer, sich selbst zu beschreiben. Bin intelligent, 
empathisch, naturverbunden und stehe mit beiden Beinen im Leben …

Das klingt ganz gut!

Attraktiv wäre mir zwar lieber als intelligent, aber vielleicht lässt sich ja beides vereinen. Empathisch ist o.k., naturverbunden auch. Und mit beiden Beinen im Leben stehend … 
Anscheinend sind alle Gliedmaßen noch vorhanden, den linken und rechten Arm kann ich auf dem Foto erkennen. Eine Sorge weniger.

Zimtschnecke ist weiterhin online. Hat sie keine Kinder, die etwas zu essen brauchen oder irgendein anderes Bedürfnis? Ich werde warten, bis sie aus dem System ausgestiegen ist und ihr dann einen Besuch abstatten.

In der Zwischenzeit füllt sich meine Besucherliste. Als Neumitglied in einer speziellen Spalte der routinierten Flirtmeute zum Fraß vorgeworfen, erregt man schnell Aufmerksamkeit. Ich fürchte nur, das wird sich bald legen. Erst mal genießen!

Es ist überraschend, wie positiv die virtuell anwesende Weiblichkeit wirkt. Männliche Konkurrenz beschließe ich zu ignorieren. Wer weiß, welche Verwicklungen daraus entstehen können. Und Verwicklungen hatte ich genug in den letzten sechseinhalb Jahren.

Beim ersten „Überfall“ in der Au, als Daniellas Gesicht plötzlich über mir auftauchte, ich am Rücken liegend wie ein wehrloser Maikäfer, wusste ich: „Das wird Probleme geben.“ Ich hätte auf mich hören und die Beine in die Hand nehmen sollen. Abenteuerlust und Sympathie haben mich gelähmt. Abenteuer gab 
es jedenfalls genug, ein Ehemann und drei Kinder, die allesamt gute Bekannte waren, haben dafür gesorgt. Wenn auch unwissend und unfreiwillig, aber davon später mehr.

Jetzt suche ich aus! Und betrachte meine Besucherinnen. Naja … einigen würde ich im wirklichen Leben nicht begegnen wollen. Der Rest wirkt ganz nett, aber etwas Umwerfendes ist nicht dabei – noch nicht! Die Hoffnung lebt.

Chatanfrage! Hilfe, ich hab noch nie gechattet! Silli69 aus Knittelfeld … so schnell ist man (inter)national bekannt. Allerdings scheitere ich an meinen virtuellen Möglichkeiten. Als Nichtzahler ist meine Chatfunktion deaktiviert. Beim Versuch, die Unterhaltung zu starten, öffnet sich sofort wieder das Fenster mit den Zahlungsmöglichkeiten.

Sch…! Aber Silli war sowieso nicht mein Typ und wird wieder ins Nirwana geschickt.

Na endlich, ein interessanter Besuch. Bettina39 aus Wien, mit Vollkörperfoto in Jeans und Top. Super Figur, blond (schon wieder, was aber kein Fehler ist), das Gesicht elegant hinter den Haaren versteckt. Wen interessiert schon das Gesicht – bei dieser Figur! Und, wie in meinem Profil, kein Begrüßungstext! Ich glaube, wir würden uns gut verstehen.

Zum Abwarten verurteilt, da ich niemand anschreiben kann, werde ich zunehmend nervöser.

Bitte, Bettina, schreib eine Nachricht! Ich weiß, wir passen 
zusammen. Oder, übersetzt: Lass uns doch wenigstens einmal bumsen!

Nichts passiert. Keine Nachricht, kein Zwinkerer, K. o. in der ersten Runde.

Letzter Hilferuf: Ich werfe einen Blick auf ihr Profil und verewige mich in der Besucherliste. Keine weiteren Fotos, Beruf: freischaffend, Kinder: null … interessante Voraussetzungen.

Leider ist es wieder mal wie im wirklichen Leben. Die Richtigen (und ich weiß, das wäre die Richtige gewesen; ich hab es gespürt …) machen einen Bogen um mich und die Falschen hängen mir am Rockzipfel (zumindest sechs Jahre lang).

Meine Besucherinnen geben sich die Klinke in die Hand: „hexenkessel44“ „traumfee“, „groovy0567“, „bettymaus“, „edelweiss“.

Zum Teil originelle Namen und mehr oder weniger interessante 
Bilder und Selbstbeschreibungen.

Langsam verliere ich die Scheu und öffne ein Profil nach dem anderen. Als Folge geht mein Interesse in stetigen Sinkflug über. Ganz nett, aber … Niemand dabei, mit dem ich 
mir interessanten Mailverkehr, geschweige denn ein Treffen vorstellen kann.

Ich sehe gerade, Zimtschnecke ist online – ich bin schon gespannt, was mich erwartet. Es gibt sogar weitere Fotos. Was die zeigen, bringt mich an den Rand einer Depression.

Enorme Körperfülle, die auf dem Profilfoto nicht zu erkennen war. Ihr Nickname ist also Programm! Zimtschnecke kann sich bestimmt genauso damit identifizieren wie ich mich mit meinem. Mit rapide abnehmendem Interesse lese ich mich durch die Angaben. 171 cm, 85 kg … doch nicht meine Zielgruppe. Danke fürs Zuzwinkern!

Langsam frage ich mich, ob meine Taktik die richtige ist. Oder sollte ich die Initiative übernehmen? Einzahlen und jene anschreiben, die interessant wirken. Wobei ich riskiere, mir einen Korb nach dem anderen zu holen. Nicht sehr gut fürs Ego, aber anders wird es anscheinend nicht funktionieren. Ich muss darüber nachdenken. Erst mal bin ich noch am Schauen und Staunen ...

 

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