Romane & Belletristik

Das Streichelinstitut (Cover) Wallstein Verlag (Freigabe am 16. 9. 2010)

Clemens Berger

Das Streichelinstitut


Wallstein Verlag

Dass Sebastian sie so beruhigend und aufregend zugleich streicheln konnte, genoss Anna durchaus, aber trotzdem war es eher eine Urlaubsalberei, als sich die beiden ausmalten, damit Geld zu verdienen. Nötig hätten sie das eigentlich schon, denn Sebastian hatte nach dem Ende seines Philosophiestudiums überhaupt keine Arbeit gefunden, und Anna verdiente als Lektorin in Foucaultseminaren an der Wiener Uni auch nicht eben reichlich.

Als Sebastian geschlagene anderthalb Jahre später wirklich zum Gewerbeamt geht, um in der Mondscheingasse ein Streichelinstitut zu eröffnen, stößt er schon bei der Anmeldung auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten: »Massagesalon« schlägt ihm die Beamtin als Rubrizierung vor, weil ihre Liste unter »Streicheln« nichts hergibt. Schließlich einigen sie sich auf »Lebensberatung«. Dass tatsächlich Leute kommen und auch noch eine Menge Geld bezahlen, überrascht Sebastian fast selbst. Endlich ist er ein »nützliches Mitglied des menschlichen Marktes«, denkt er sich, wenngleich er sich eingestehen muss, dass Zielgruppe und Wunschgruppe nicht unbedingt identisch sind und sich überhaupt plötzlich ganz ungeahnte Probleme auftun.

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Leseprobe

Meine Zielgruppe war die desillusionierte Mittelschicht, das traurige, kulturell deklassierte Bürgertum, das ich Lumpenbourgeoisie nannte. Ich hätte keinen besseren Ort für mein Institut finden können als die Mondscheingasse in Wien-Neubau - nicht nur ihres Namens wegen.

Neubau, das war der Spielplatz der alternativen Bürgerkinder, welche die Grünen zur stärksten Partei im Bezirk gemacht hatten, eine Oase der Toleranz und Aufgeklärtheit. Es war haarsträubend, an solch einem Ort beschäftigt zu sein. Ich gab es bald auf, mit meinem Auto einen Parkplatz finden zu wollen, nach zwei, drei Wochen stundenlangen Fahrens im Kreis kapitulierte ich vor der radfahrerfreundlichen Politik und zwängte mich in überfüllte U-Bahnen, Tramways und Busse, wenn ich mir nicht zähneknirschend ein Gratis-Eingangrad mit ungepolstertem Sattel auslieh. Abgesehen von den ohnehin spärlichen Parkplätzen gab es so viele Behindertenparkplätze, dass ich kaum glauben mochte, es gebe so viele Behinderte in einem einzigen Bezirk. Ich fragte mich und Anna, die solche Scherze nicht sonderlich lustig fand, ob ich nicht auch einen Behindertenparkplatz beantragen sollte - wegen meiner Behinderung, mich nicht ins soziale Gefüge einpassen zu können. Mich tröstete die Vorstellung, dass es die guten Menschen in Magistrat und Bezirksrat nicht übers Herz brächten, den Antrag eines Menschen mit speziellen Bedürfnissen abzulehnen.

Die Mondscheingasse zweigt von der Neubaugasse ab, und diese Straße der Spezialisten, die ich Straße der Schar­ latane nannte, konnte man nicht ohne Nasezuhalten entlanggehen. Überall roch es nach Räucherstäbchen, vor den Geschäften hingen bunte indische Kleider. Wenn der Wind auch nur leicht wehte, bimmelten Glockenspiele; das Wasser, das in Auslagen über heilende Steine plätscherte, meinte man noch hundert Meter weiter zu hören. Hier gab es Sinnangebote und Lebensgefühle, Rebellion, Anderssein und Ganzheitsstimmung in Hülle und Fülle. Die Hüllen konnte man ebenerdig erstehen, für die Kopffüllungen musste man Stiegenhäuser und Aufzüge bemühen. Allein die Schilder neben den Hauseingängen! Von Yoga und seinen siebenhundertdreiundzwanzig Unterarten über Trommelkurse, Urschreitherapie, Kineseologie, Kartenund Tarotlegen, von Wahrsagern über Wünschelrutengeher, vom Rebirthing zum Schamanen war alles zu finden, was Halt unter unhaltbaren Zuständen geben sollte. Wie praktisch war dagegen meine bürgerliche Josefstadt, die ebenfalls kurz vorm Ergrünen war. Was konnte nützlicher sein als ein Institut zur Bekämpfung der Rechenschwäche auf der Lerchenfelder Straße?

In den Tagen, als ich mich mit meiner Institutsidee herumschlug, ging ich anders durch die Neubaugasse, die Gasse mit dem großen roten Herzen, das auf ein über ihren Eingang gespanntes Banner gedruckt war, beschwingter, belustigter, ja, geschäftstüchtig. Während Anna Seminare über Marx, Foucault oder Agamben hielt und von Studenten bewundert wurde, die ihr aus Tugendhaftigkeit nicht auf den Hintern zu sehen wagten, freute ich mich über die junge Frau, die mit einem seligen Lächeln und durchaus stäbchengeräuchert aus einem Geschäft trat. Ich freute mich über die, die mit großen Augen vor einer Auslage stand und im Kopf den Inhalt ihrer gestrickten Geldbörse überschlug. Ich freute mich über die, die die Weisheit des Ostens in sich aufsaugen wollten, über die, deren verächtlichstes Wort Schulmedizin lautete, über die, die Unbekannte zuerst nach Sternzeichen und Aszendenten befragten. Ich fand seltsamen Gefallen an denen, die frohlockten, die Mutter dessen, in den sie sich verliebt hätten, sei auch eine Indianerin. Zwar wusste ich nicht, was eine Indianerin in diesen Systemen bedeutete, doch ich beschloss, dazuzulernen, Augen und Ohren offenzuhalten, mich dem Übersinnlichen und Feinstofflichen aufzuschließen und nur noch in Lokale zu gehen, in denen man auf dem Boden sitzen konnte, um zu demonstrieren, was man von der steifen westlichen Lebensart hielt. Einmal blieb ich vor der Auslage der größten Buchhandlung stehen, in der über bunten Büchern ein Spiegel in Form einer riesigen goldenen Sonne hing. Ich trat so nah an die Auslage, dass mein Gesicht die Mitte der Sonne darstellte. Mein Gesicht strahlte, meine Kraftquelle schien Feuerzungen auszusenden, mein inneres Licht war entzündet. Ich freute mich über mein Zielpublikum. Allerdings würde ich ihm keine spirituellen Zugeständnisse machen. In Neubau musste man beinahe überlegen, ob man sonntags nicht doch einen Gottesdienst besuchen sollte.

Aber auch die Kultur suchte ihr Zuhause in dem einstmals verlotterten Bezirk. Alle paar Wochen eröffnete eine neue Galerie mit sehr ausgeweitetem Kunstbegriff, Maler, Grafikerinnen, Musiker, Architektinnen, Konzeptkünstler, Tänzerinnen, Schauspieler und Dichterinnen - alle zog es in den von der Mariahilfer und Lerchenfelder Straße umgrenzten Wienplanausschnitt. Sie tranken viel, sie kifften gern, sie koksten brav, sie versuchten, so promisk wie nur möglich zu leben, um ihren Eltern oder Lehrern oder denen, die etwas aus ihren Leben machen wollten, eine Nase zu drehen. Ich fragte mich oft, wie ihre Welten aussahen, wenn sie nach Hause kamen, allein oder mit jemandem, den sie am nächsten Tag schon nicht mehr sehen konnten. Ich fragte mich, wohin all die lokale Prominenz strömte, wenn sie morgens mit dröhnendem Kopf erwachte und ihrem Traum von internationalem Ruhm noch immer so fern war. Wer würde da nicht gern gestreichelt werden?

Es gibt ein Bild von Parmigianino, das Selbstbildnis im Konvexspiegel heißt. Darauf hat sich der Künstler ein Denkmal gesetzt, wie er, die Lider halb über den Augen hängend, das Gesicht leicht abgewandt, den Betrachter vergebend anblickt. Das dünne, leicht gewellte rötlichbraune Haar ist in der Mitte gescheitelt, verdeckt die Ohren und fällt bis zu den Wangenknochen. Die Nase ist kerzengerade, die schmalen Lippen ruhen aufeinander, da ist etwas Melancholisches, etwas Überzeugtes, etwas Wissendes. Der Raum im Hintergrund ist merkwürdig verzogen, links oben fällt Licht durch ein Fenster, das wie eine Dachluke aussieht. Das Rundherum ist kahl, der junge Künstler trägt einen Pelzmantel, die weißen Ärmelenden aufgebauscht. Im Vordergrund des Bildes, im Brennpunkt, ist die rechte Hand Parmigianinos, die vor ihm auf einem Tisch zu ruhen scheint, weiß, entspannt, elegant, vom Spiegel vergrößert und in die Länge gezogen; am kleinen Finger steckt ein schmaler Ring. Eine noble, sehr blasse Hand. Das ist das Werkzeug des Künstlers. Seht, damit werde ich meine Meisterwerke malen! Seht, damit werde ich meine Meisterwerke gemalt haben! Leben im Futurum Exactum.

Parmigianino war von einem Barbierspiegel und den seltsamen Effekten, die er hervorrief, wie die Balken der Decken sich krümmen, Türen und alle Gebäude ganz selt­ sam sich verkürzen, wie Vasari schreibt, so beeindruckt, dass er sich die Technik aneignete. Mit einundzwanzig Jahren schenkte er Clemens VII. das Bild als Visitenkarte. Der Papst war begeistert, vermachte es aber bald einem Dichter, von dem es über den Prager an den Wiener Hof kam.

Jedes Mal, wenn ich im Kunsthistorischen Museum war, blieb ich lange vor dem Selbstbildnis stehen. Nicht nur, weil ich mit sechzehn, siebzehn ähnlich ausgesehen hatte, das helle Gesicht an den Wangen und auf der Nase leicht gerötet, als sei etwas peinlich, was noch nicht ansatzweise verstanden wird; nicht nur, weil meine halblangen Haare damals die gleiche Konsistenz, die gleiche Welle (Dachrinne) und eine sehr ähnliche Farbe gehabt hatten; nicht nur, weil ich mich ähnlich spöttisch, abgewandt und skeptisch in Erinnerung hatte; und auch nicht nur, weil da kein Ansatz eines Bartes, kein unmissverständliches Zeichen war, ob aus dem jungen Mann nicht doch noch eine hübsche Frau werden könnte. Das Bild erzählt von einer Einsamkeit, einem dräuenden Vorwissen. Es hat etwas ungemein Zartes, das gleichzeitig äußerst entschlossen wirkt. Der so jung schon so grandios malte und seine Zeitgenossen entzückte, wollte später reich werden, Magier, Naturkünstler, Elementbezwinger, auf die andere Seite gelangen. Er versuchte sich in der Alchimie, an deren Folgen - eingeatmete Dämpfe, geschmolzene Metalle, geheime Versuche in abgedunkelten Räumen - er gestorben sein dürfte, mit siebenunddreißig Jahren, früh gealtert und dem Selbstbildnis nur noch sehr entfernt ähnlich.

So musste die Hand eines Streichlers aussehen! So musste sie gezeigt werden! Die Visitenkarte eines Berufsstreichlers musste für diesen jene Bände sprechen, in denen stand, wie gut, ja lebensgeisterweckend ihre Berührung tat. Seit der Rückkehr aus der Blauen Lagune hatte ich mich gefragt, ob ich mir schon vor der Eröffnung des Instituts eine Seite im potentiell weltweiten Netz einrichten lassen oder abwarten solle, ob dem Angebot eine gewisse Nachfrage entspreche. Ich versuchte, ökonomisch zu denken. Vorher, was sonst! Die Interessierten wollten sich vorher über die Seriosität meines Unternehmens informieren, noch vor dem Anruf, einer E-Mail, einer Terminanfrage sehen können, was sie davon zu halten haben. Erleichterung natürlich, Entspannung, Kontakt zum ureigensten Selbst!

Helfen sollte mir ein Bekannter, der Fotograf war, ein witziger Mensch mit langen Haaren, der sich ständig über seinen Bauch mokierte, der nicht halb so groß war, wie er spottete. Er fotografierte Politiker, Wirtschaftskapitäne, Künstlerinnen, Sportlerinnen, versuchte bei Großereignissen im richtigen, also für den Dargestellten falschen Moment abzudrücken. Durch ihn verstand ich, warum ein Foto geschossen wurde. Ich rief ihn an, erzählte von meiner Idee, er lachte lange und immer wieder, bevor wir einen Termin vereinbarten.

In meinem Streichelzimmer setzte ich mich auf das Sofa und stützte die Rechte vor mir auf die Lehne. Ich trug einen leichten grauen Anzug und mein schönstes weißes Hemd. Zwei Tage vor dem Fototermin hatte ich mich rasiert, um eine sanfte, gleichzeitig von ersten Stoppeln übersäte Haut zu erwirken; außerdem waren mir die Haare gewaschen und geschnitten worden. Aus Erfahrung musste ich erstens darüber schlafen und sie zweitens zumindest einmal beim Duschen nass gemacht haben, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

Peter Kornfeld, der seine E-Mails, Kurznachrichten und Fotos mit Kornfeld unterschrieb, hatte seinen hellbraunen Porsche in der Mondscheingasse gegenüber meinem zukünftigen Institut und knapp vor dem türkischen Änderungsschneider geparkt. Als am Vorabend wunderbarerweise ein Parkplatz frei geworden war, der von keinem Rollstuhl bezeichnet war, hatte ich einen Nachbarn gebeten, sofort seinen Wagen aus der Garage zu holen und so lange den freien Platz zu besetzen, bis der rasende Kornfeld anrausche. Während er mich fotografierte, lief er immer wieder zum Fenster.

»Ist er nicht geil, Sebastian?« »Bin ich nicht geil, Kornfeld?« »Kann sein, aber schlag die Augen nicht so von unten auf, wir machen ja keine Partnerannonce.« »Ich darf nicht ernst schauen, verstehst du, arrogant zu wirken wäre das Schlimmste, was sage ich, geschäftsschädigend!«

»Du hast doch Anna.« »Ich hasse Anna nicht.« »Schau normal, wie dein Maler, aber weniger traurig.« Ein paar Stunden später saß ich mit Kornfeld an seinem Computer und sichtete die Fotos. Zwei Drittel waren sofort auszuschließen, weil ich bisweilen dümmlich, manchmal allzu anzüglich, meistens aber irgendwie teuflisch lachte. Wir tranken Kaffee und redeten Unsinn, als sein Mobiltelefon läutete.

»Scheiße! Ich werd gleich depressiv. Arschlöcher! Schick's mir durch, alle Preisträger, ja. Bitte, danke.«

Kornfeld vergrub das Gesicht in den Händen und seufzte, bevor er sehr laut lachte. Wieder hatte er nicht den Fotopreis der österreichischen Presseagentur gewonnen, obwohl man ihn in die engere Auswahl genommen und ihn unentwegt seiner guten Chancen versichert habe. Irgendein Nichtskönner sei bei irgendeiner Papstaudienz zufällig gut gestanden und habe zufällig genau in dem Moment geschossen, in dem ein Windstoß dem an einem Pult stehenden Stellvertreter Gottes auf Erden den roten Umhang ums Gesicht geweht habe, dass nur ein paar Büschel aufgewirbelter weißer Haare und ein schwarzer Brillenbügel an der Schläfe zu sehen seien. Kornfeld zeigte mir sein Bild, den Vorstand eines großen Konsortiums, einen gedrungenen Mann, den er vor einem Geweih an dessen Bürowand geschossen hatte, dass er wie ein Hirsch aussah. Mir gefiel das Foto, weil ich daran denken musste, wie ich im Sonnenspiegel der esoterischen Buchhandlung ausgesehen hatte. In diesem würde ich mich erst schießen lassen müssen, sollte ich mit einem vernünftigen Institut scheitern.

»Such dir eins aus und verschwind, ich muss mich beruhigen und dann wieder Geld verdienen. So eine Kacke!«

Was am nächsten Morgen in meinem Posteingang landete, gefiel mir außerordentlich. Es erstaunte mich, wie leicht der Effekt, den Parmigianino zwar nicht entdeckt, aber so kunstvoll für sich verwendet hatte, mit ein paar Knopfdrücken zu haben war. Der Hintergrund war dunkelweiß, wenn man so sagen kann, im Vordergrund war meine auf einer Lehne ruhende Hand zu sehen, gebräunt, entspannt, elegant, vergrößert und in die Länge gezogen. Anstatt des Ringes konnte man auf dem Knöchel des kleinen Fingers eine ovale, glatte Narbe sehen; ein mittelmäßiger Hautarzt hatte mir als Bub, während er halblustige Witze erzählt hatte, eine Warze weggebrannt. Ich blickte die Betrachterin entspannt, freundlich, etwas schelmisch und, wie ich hoffte, nur so anzüglich an, dass es geschäftsfördernd wirken könne. Den möglichen Eindruck auf mögliche Betrachter vernachlässigte ich.

Das war das Werkzeug des Streichlers. Seht, damit streichelt er seine Rücken, Gesichter und Hände! Seht, damit wird er seine Rücken, Gesichter und Hände gestreichelt haben! Curriculum vitae in futuro exacto. Ich hatte schöne Hände, lange, feine Glieder, zumindest hatte ich das von vielen Frauen zu hören bekommen; von Männern hatte ich eher zu hören bekommen, ich hätte zwei Linke - bloß den Menschen, der zwei Linke hatte, hatte mir keiner zeigen können. Frauen waren es gewesen, die meine Hand in ihre Hände genommen und im ernsten Scherz meine Handflächen gelesen hatten. Ich hätte ein langes Leben vor mir, hatten sie erklärt und mir meine Lebenslinie gezeigt. Ich hatte nie widersprochen oder die Seriosität dieser Methode auch nur scherzhaft in Zweifel gezogen. Erstens wegen der Frauen, zweitens wegen mir - oder umgekehrt. Nur die Frau, deren Namen ich vor Anna nicht erwähnen durfte, hatte gestutzt.

»Du hast eine sehr lange Lebenslinie, Sebastian. Aber da, schau, ist sie unterbrochen.«

Mihail war Bulgare, der Bekannte eines Bekannten aus einem Lokal, in dem ich abends zu oft zu viel trank, wenn ich nicht bei Anna oder sie nicht bei mir war, weil es mich ohne Anna so sehr nach Gesellschaft verlangte, auch nach der einfältigsten. Seit der Rückkehr aus der Blauen Lagune war ich nur einmal zum Essen dort gewesen, um mit Mihail über meine Visitenkarte zu sprechen und demonstrativ direkt gepressten Apfelsaft mit Leitungswasser zu trinken. Er hatte die Seite meines Bekannten entworfen, er hielt sie auf dem Laufenden, mir wollte er schnell und günstig zu meiner verhelfen. Er trank viel Bier, rauchte gierig und hatte seine Augen ununterbrochen auf den Bildschirm eines sehr kleinen Laptops gerichtet. »Multitasking«, sagte er und kicherte dabei nervös in sich hinein. Ich warf meinem Bekannten einen fragenden Blick zu, er nickte grinsend.

Wählte man die Seite an, sah man das Bild mit der Hand, sonst nichts. Klickte man darauf, kam man auf die Hauptseite, auf die man auch kam, wenn man das Bild lange (staunend oder bewundernd) angesehen hatte, ohne etwas zu tun. Die schwarzweiße Hauptseite war einfach und elegant, im Hintergrund war leicht verfremdet mein Streichelzimmer zu erahnen. Es gab einen ersten Punkt, der die erste Regel, die Anna aufgestellt hatte, Kein Sex, niemals, das Streicheln und seine wissenschaftlich nachgewiesenen Vorteile vorstellte, einen zweiten Punkt mit Einheiten und Preisen, an einem dritten Punkt konnte man die Lage des Instituts auf einem Wienplanausschnitt sehen, und im vierten Punkt waren Telefonnummer, E-Mail-Adresse sowie mein Künstlername angegeben: Severin Horvath.

Wie schön man die positiven Effekte des Streichelns neurowissenschaftlich erklären konnte! Ein schwedisches Forscherteam hatte Erstaunliches herausgefunden und die ersten Befunde eines Wissenschaftlers aus den Vereinigten Staaten, der vor fünfzig Jahren Versuche an Ratten durchgeführt hatte, eindrucksvoll bestätigt. Am Ende meiner Ausführungen hatte ich den Streicheleintrag aus Wikipedia sowie zwei Zeitungsartikel über die schwedischen Entdeckungen verlinkt, wie man sagt. Ich lernte täglich dazu.

Es gibt bestimmte Nervenfasern der Haut, die sogenannten taktilen C-Fasern, deren Signale ausschließlich in einen Bereich des Gehirns geleitet werden, der von Wärme, optisch hervorgerufener romantischer Liebe (so verliebte ich mich mindestens dreimal täglich!) und vor allem sexueller Erregung aktiviert wird. Die schwedischen Forscher hatten eine Dreiundfünfzigjährige untersucht, der von der Nase abwärts die für Hautempfindungen verantwortlichen Nervenfasern fehlten. Wenn man ihr mit einem sieben Zentimeter breiten Aquarellpinsel über die Unterarme und Handrücken strich, konnte man zwar messen, dass sie weder Intensität noch Ort der Berührung empfinden konnte, wohl aber einen angenehmen Reiz in jenem Teil des Gehirns, der für all diese wunderbaren Phänomene empfänglich war. Zu diesem Zweck hatte man sie und vierundzwanzig sogenannte normale Individuen in einen Scanner geschoben, der die Signale und deren Intensität im Gehirn aufzeichnete - rot eingekreiste blaue Punkte in den Lappen, einmal vor und einmal nach der Streicheleinheit. Am Ende eines kurzen Artikels in Nature Neuroscience, den ich sehr genau lesen musste, um das für mich Bedeutsame herauszufiltern, und aus dem ich auch lernte, das Streicheln der von Natur aus haarlosen Hautteile stimuliere keine derart wunderbaren Regionen im Gehirn, erklärten die Autoren, sie hätten keine mit ihrer Untersuchung unvereinbaren finanziellen Interessen. Natürlich, sie kannten mich auch nicht! Ich überlegte, ihnen zu schreiben. Sie sollten in Gottes Namen weiterforschen, Gehirn um Gehirn scannen und noch mehr schlagkräftige Beweise für die überaus positiven Effekte des Streichelns menschlicher Tiere heranschaffen!

Versuche an Ratten, deren hormonelle Stresschemie jener der menschlichen Tiere gleicht, hatten ergeben, dass diejenigen Ratten, die vom Team täglich gestreichelt und Schrägstrich oder von ihren Müttern sorgsam geleckt worden waren, sich in Stresssituationen weitaus gelassener verhielten als Tiere, denen man keine Streicheleinheiten hatte angedeihen lassen. Außerdem fanden sie, war die aufregende Situation vorbei, schneller in den (als angenehm angenommenen) Ausgangszustand zurück. Die als Babys zärtlich umsorgten Ratten, las ich in der Berliner Zeitung, zeigten unter Stress sehr viel weniger Unruhe und Angst. Als man sie in eine enge Schachtel sperrte, ließen sie sich wenig Erregung anmerken. Und als man sie mitten auf eine große, freie Fläche platzierte, begannen sie munter, das Territorium zu erkunden. Verängstigte Tiere verkrochen sich in eine Ecke. Mich irritierte nur ein Satz: Nun liegen erstmals nachprüfbare Ergebnisse dafür vor, dass die frü­ hen Streicheleinheiten die Funktion des Gehirns dauerhaft beeinflussen. Bislang hatte ich die Funktion meines Gehirns als äußerst erfreulich empfunden. Ich konnte mich nicht erinnern, als Kind übermäßig gestreichelt worden zu sein.

Ich hatte eine eigenartige Freude an der Tatsache, dass menschliche Tiere und Ratten auf Streicheln nicht nur ähnlich reagierten, sondern dass ihre Gehirne beinahe zum Verwechseln ähnlich strukturiert waren; ein paar hundert Jahre zuvor wäre man für die bloße Vermutung dieses Sachverhalts zum Tode verurteilt worden. Allerdings leiten die sogenannten taktilen C-Fasern die Streichelreize mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Meter pro Sekunde ins Gehirn, was der Neurowissenschaft sehr langsam erscheint. Gut Ding braucht also nicht nur Weile, es ist zuallererst nachhaltig. Und das war wiederum das Wort, um das sich alle Bemühungen und Hoffnungen und Beschwörungen des zeitgenössischen Kapitalismus drehten. Ich würde mich mit ihm gegen ihn um Nachhaltigkeit bemühen.

Mihail brauchte viel länger als versprochen. Er war zum zweiten Mal Vater geworden, arbeitete viel und verdiente mit mir nicht gerade das, was die gelernten Österreicher eine goldene Nase nannten, wobei sie bei der Nase an eine bestimmte Gruppe von Menschen dachten. Üblicherweise unterhielten wir uns über Skype, aber jetzt kam ich nicht an Mihail heran. Ich hätte ihn würgen wollen. Es kam ihm nicht einmal ungeheuerlich vor, mir im Nachhinein zu erklären, er, der mit seinen Computern nachgerade verwachsen war, habe einen Monat lang keinen Netzzugang gehabt. Als die Seite fertig war, betrachtete ich meine Handflächen. Ich war mir sicher, seinetwegen einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Lebenslinie eingebüßt zu haben.

Die kleine Wohnung in der Mondscheingasse hatte ich liebevoll eingerichtet, ja sanft, wie es einem Streichler von Berufs wegen geziemt. Im Vorzimmer hatte ich ein Plakat aufgehängt, auf das ich Verse August von Platens hatte drucken lassen. Ich musste mich nicht fürchten, irgendeiner der vielleicht mich aufsuchenden Männer könnte eine heimliche Selbstaussage bezüglich einer Homosexualität herauslesen. Lumpenbourgeoisie, wie gesagt, geschichtsvergessene. Vom Besitz mochte etwas geblieben sein, er mochte sich vervielfacht haben, nur die Bildung war dahin. Sollte dennoch ein Klient im Streit zwischen dem Juden Heine und dem Schwulen Platen Partei ergreifen, würde ich »Halleluja« rufen.

Mein Geist, bewegt von innerlichem Streite, Empfand so sehr in diesem kurzen Leben, Wie leicht es ist, die Heimat aufzugeben, Allein wie schwer, zu finden eine zweite.

Abgesehen von ein paar Fotografien, die ich hatte ausarbeiten lassen (ein kleines Mädchen mit Strohhut am Strand des Toten Meeres, mobiltelefonierende Beduinen in der Felsenstadt Petra, ein in der Pariser Metro erschöpft schlafender Freund, das Minarett der Damaszener Omayadenmoschee, von dem dereinst Jesus steigen wird, um den Antichrist zu besiegen, ein roter Rettungsring auf einem Steg über dem Plattensee, der Blick aus Annas Schlafzimmer), waren die Wände nackt. Im Vorzimmer hatte ich einen Kleiderständer aufgestellt, das Kabinett hatte ich zum Warteraum umgestaltet - zwei Lehnstühle, ein Sofa, ein niedriges Tischchen, ein Regal mit Büchern an der Wand, Körbe mit Zeitschriften und Kunstkatalogen auf dem Boden. Ich rechnete damit, die meiste Zeit selbst in diesem Raum zu sitzen, und zwar wartend. Das Streichelzimmer war beinahe leer. Neben das Fenster stellte ich meine Stereoanlage, zwei Boxen standen in entgegengesetzten Ecken, an die Wand war ein dunkelgrünes Sofa gerückt, das mir ein Freund geschenkt hatte, der nach Neapel gezogen war. Für die Wände wollte ich mir noch etwas einfallen lassen, als ich vor einem Café an der Burggasse die erste Anzeige formulierte.
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Ich sandte die Kleinanzeige der linksliberalen Wiener Stadtzeitung, die ich zweimal jährlich äußerst befremdet durchblätterte. Ich konnte ihre Leser an deren Taschen erkennen, und ich wusste, was sie lasen, um sich mit ihren Meinungen immer auf der richtigen Seite wiederfinden zu können. Aus Abneigung wurde Zielgruppe. Anna meinte, ich formulierte eine neue Sozialfaschismusthese.

Auch Anna war nicht immer gerecht.

  • Das Streichelinstitut (Cover) Wallstein Verlag (Freigabe am 16. 9. 2010)

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