Krimis & Thriller

Attentage echomedia buchverlag

Werner Bartl

Attentage


272 Seiten, echomedia buchverlag

Nach dem Tod des obersten Terrorchefs wird Europa zum erklärten Ziel islamischer Terroristen. Sondereinheiten aller Länder arbeiten in der FISA zusammen, um Anschläge zu verhindern.
Als das FISA-Team nach einem Attentat in Paris von einem anonymen Verräter aus dem Lager der Terroristen vor weiteren Selbstmordanschlägen in Wien und London gewarnt wird, beginnt unter der Führung von Commissaire Leconte ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Wiener Verhörspezialist Bruno versucht währenddessen dem Terroristen Ahmed in seiner Gefängniszelle wichtige Informationen zu entlocken. Der Hass des jungen Muslims auf den Westen macht diese Aufgabe beinahe unlösbar. Und so überschreitet Bruno bald selbst moralische Grenzen. Als sich herausstellt, dass es auch in der FISA einen Maulwurf gibt, überschlagen sich die Ereignisse …

 

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Leseprobe

FREITAG, 9. MÄRZ, 16.30 UHR / ÄRMELKANALTUNNEL

Es wird schlagartig dunkel im Abteil, als der Hochgeschwindigkeitszug kurz vor der Ärmelkanalküste in die Tunnelröhre rast. Als das Neonlicht im Waggon nach einer Schrecksekunde nervös aufflackert und das Abteil in grelles Licht taucht, blickt Hassan auf seine Digital-Armbanduhr. Er weiß, dass der Zug nun 23 Minuten unter dem Meer fährt, bevor er das französische Festland erreicht. Und er weiß auch, dass heute für ihn und über 200 Passagiere die Fahrt verkürzt sein wird.

„Allah, der Allerbarmer und Barmherzige, wird dir in der Stunde deiner Bestimmung als Märtyrer besondere Kraft geben“, hatte ihm Yusuf heute früh in verschwörerischem Tonfall mit gedämpfter Stimme versichert, als sie sich in dem schäbigen Hotelzimmer notdürftig Gesicht, Hände und Füße gewaschen hatten. Diese rituelle Reinigung war für Hassan heute besonders wichtig, um für das Paradies bereit zu sein.

Die fleckigen Vorhänge vor dem Fenster zum düsteren Innenhof des Hotels verbargen sie vor neugierigen Zufallsblicken. Die vergilbten Tapeten hatten den Alkoholdunst, das nuttige Parfüm und den Zigarettenrauch der letzten Jahre konserviert. Yusuf hatte ihm nicht gestattet, das Fenster in dem muffigen Zimmer zu öffnen, damit sie nicht bei ihrem Gebet, dem „Salat“, gehört wurden. „Einer, der den Koran nicht auf melodiöse Weise rezitiert, ist nicht einer von uns“, hatte Yusuf in der Moschee öfters in seinen Predigten den Propheten zitiert. Als sich ihre Stimmen vereinten, um den Allmächtigen zu loben, fühlte sich Hassan nach einer beinahe schlaflosen Nacht für seine Aufgabe gestärkt.

„Dieses Gebet ist das vortrefflichste Reisegepäck in die Welt der Ewigkeit“, sagte Yusuf danach ergriffen. Hassan erschien sein Lehrer heute ungewohnt fahrig, als wolle er mit seinen mutmachenden Worten die eigene Unsicherheit übertünchen, und er fühlte sich ihm trotz seiner Jugend erstmals überlegen. Durch seine Heldentat würde er in der Ewigkeit weit über ihm stehen.

Der lange Bart des Imam und die buschigen Augenbrauen in seinem hageren Gesicht wirkten auf Hassan heute widerspenstiger als sonst. Hassan sah ihn diesen Morgen erstmals in westlicher Kleidung statt im bestickten Kaftan mit weiten Hosen darunter. Yusuf steckte in einem billigen braunen Anzug und trug ein gelblich-weißes Hemd. Sogar die randlose weiße Kappe eines Imam hatte er an diesem Morgen vorsichtshalber nicht auf. Hassan fand das übertrieben und stellte stolz fest, wie stark hingegen sein Glaube war.

„Knock knock knockin’ on heaven’s door …“ Die Musikberieselung in dem Großraumwaggon erschwert es Hassan, sich auf seine Mission zu konzentrieren. In zwölf Minuten muss er die Bombe zünden. Der Zug befindet sich dann 40 Meter tief unter dem Meer. Hassan hat schon vor neun Wochen Sitz 31 in der Mitte des ersten Waggons reserviert. Dort erzielt die Detonation nach Yusufs Berechnungen die maximale Wirkung. „So Allah das bestimmt hat, wird es keine Überlebenden geben“, denkt Hassan und fühlt sich bei diesem Gedanken leicht und frei.

Unangenehmerweise sitzen neben ihm und auf den Sitzen gegenüber Mädchen in kurzen Röcken, die sich verführerisch in ihren Sitzen räkeln. Ihr Interesse gilt vor allem den Burschen auf den Sitzen an der gegenüberliegenden Seite, die beim immer intensiveren Wortgeplänkel von Zeit zu Zeit unverhohlen auf die Brüste der jungen Französinnen, die luftige Blusen tragen, starren.

Hassan schließt die Augen, doch die Bilder der nackten Oberschenkel und der Rundungen in den Ausschnitten haben sich in seiner Vorstellung festgesaugt. Diese Teufel wollen mich unrein vor Allah treten lassen. Das frivole Kichern der Mädchen irritiert ihn und er empfindet es als einen Angriff auf seinen starken Glauben.

Als Hassan die Augen wieder öffnet, erstarrt er. Eine pausbäckige Französin mit kurzen schwarzen Haaren und dunkelrot geschminkten Lippen lächelt ihn an. Hassan wendet seinen Blick abrupt ab. Er merkt, wie ihm die Hitze in den Kopf steigt, und beginnt sich fiebrig zu fühlen. Schlampe. Er hört, wie das Mädchen mit ihren Freundinnen tuschelt. Hassan ahnt, dass sich diese Teenager über seine vermutete Schüchternheit amüsieren. Es ist ein kühler Tag und diese Weibsdämonen tragen trotzdem aufreizend kurze Röcke und schwarze Nylonstrümpfe, die sie noch begehrenswerter erscheinen lassen.

Yusuf hatte darauf bestanden, dass er ein violettes Shirt und eine rote Cordhose trug, die er mitgebracht hatte. Hassan empfand die Kleidung als der Situation unwürdig und lächerlich. Nur widerwillig zog er sich nach dem Gebet um. Seinen schütteren Vollbart musste er ebenfalls auf Drängen seines Mentors hin abrasieren: „Du bist für die Ungläubigen sonst verdächtig. Gegenüber den Gottlosen ist sogar Allah listig.“

Zuerst hatte er vehement abgelehnt, aber die Autorität seines Lehrers war stärker gewesen und er hatte widerstrebend gehorcht. Als er sich danach in dem matten Spiegel über dem Waschbecken betrachtete, starrte ihm ein fremdes schmales Burschengesicht mit makelloser olivfarbener Haut, umrahmt von kurzem schwarzem Haar, entgegen. Mit seinem glatten Gesicht sah er trotz seiner 25 Jahre wie ein Teenager aus.

Die Kontrolle beim Einchecken in den Eurostar-Zug auf dem Londoner Bahnhof eine Stunde später war fast so streng wie jene auf internationalen Flughäfen. Die Chance, dass die 90 Gramm Plastiksprengstoff Nitropenta und die Spritze mit dem Zündmittel entdeckt werden würden, war aber verschwindend gering.

Kurz befürchtete Hassan dennoch, durchsucht zu werden, als er sich eine halbe Stunde vor Abfahrt der Sicherheitskontrolle beim Durchgang zum Bahngleis näherte. Der Beamte schien ihn schon von weitem zu fixieren. Die dunklere Hautfarbe und das dichte schwarze Haar hatte Hassan von seinem pakistanischen Vater geerbt. Seiner Mutter, einer gebürtigen Holländerin, verdankte er die grünbraunen, beinahe sanft wirkenden Augen. Der Beamte verlor jedoch schon nach einem kurzen Blickkontakt beim Näherkommen das Interesse und winkte ihn – wie Hassan schien mit einer verächtlichen Handbewegung – durch.

Diese ungläubigen Bastarde sind so arrogant und von sich selbst eingenommen. Sicherlich hat der Prophet auch deswegen in Sure 8,39 befohlen: „Und kämpft gegen sie, damit keine Verführung mehr stattfinden kann, und kämpft, bis sämtliche Verehrung auf Allah allein gerichtet ist.“ Heute werden meine Brüder einen großen Sieg Allahs feiern können.

Hassan blickt wieder auf seine billige japanische Digitaluhr. Noch acht Minuten. Es ist Zeit, den Rucksack aus der Gepäckablage zu holen. Wochenlang hat er trainiert, die Bombe im kleinen Rucksack zu zünden. Manchmal hat Yusuf den Rucksack in der Nacht auf sein Bett geworfen und befohlen: „Zünde!“ Zuletzt hat er schon im Halbschlaf mit einer Hand in Sekundenschnelle die Spritze entsichert, die Nadel in die Knetmasse gerammt und mit einem einzigen Stoß die Flüssigkeit injiziert. Heute werden es nun erstmals echter Sprengstoff und echte Zündsubstanz sein.

Beim Aufstehen sieht Hassan unbeabsichtigt dem pausbäckigen Mädchen in den tiefen Ausschnitt, wo die festen Brüste den dünnen Stoff von sich drücken. Er wird noch ärgerlicher, als er bemerkt, dass er davon erregt wird. In einigen Minuten werden ihn großäugige Paradiesjungfrauen in den Gärten der Wonne empfangen, um ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Nun hat er sich mit diesem Blick verunreinigt. Noch dazu hat diese Schlampe sofort die Wölbung in seiner Cordhose bemerkt und sieht ihn spöttisch an. Wütend lässt sich Hassan wieder auf den harten Sitz fallen und nimmt seinen Rucksack auf den Schoß. So ist zumindest seine sexuelle Erregung nicht mehr für alle erkennbar. Wie oft hat er sich die heroischen letzten Minuten vor seinem endgültigen Triumph ausgemalt. Und nun muss er gegen seine Begierden ankämpfen.

Die anderen Mädchen beachten ihn nicht, sondern unterhalten sich angeregt mit den jungen Burschen auf der gegenüberliegenden Seite. Hassan versteht kaum Französisch und ist daher erstaunt, als ein Bursch sein Shirt auszieht und sich mit nacktem Oberkörper zu ihnen setzt, während die pausbäckige Französin zu den Jungen wechselt. Erst als eines der Mädchen einen dicken schwarzen Filzstift aus einer Leinentasche hervorkramt und alle unter albernem Gekicher ihre Namen und Telefonnummern auf das Shirt kritzeln, kann er die Situation einordnen und entspannt sich wieder etwas.

Aus den Gesprächsbrocken, die er aufschnappt, versteht er zumindest, dass sich die Jugendlichen bereits von gemeinsamen Sprachferien in Wales kennen. Ihre Fröhlichkeit erscheint Hassan angesichts der Ernsthaftigkeit seiner Mission unangebracht. Erleichtert stellt er fest, dass seine Erregung abgeklungen ist. Allahu akbar – Allah ist groß. Hassan atmet tief durch und öffnet bedächtig den Reißverschluss seines Rucksacks.

Sobald sich die Zündflüssigkeit mit dem Sprengstoff vermischt hat, wird die Explosion alle Menschen im Umkreis von zehn Metern in diesem Abteil töten und den Zug vermutlich zur Entgleisung bringen. Ob der Tunnel durch die Explosion undicht und überflutet werden wird, liegt in Allahs Hand. In Sure 8,13 steht: „Und wisset, dass Allah streng im Strafen ist.“

Als Hassan den Rucksack öffnet, bemerkt er, dass seine Hände schweißnass sind und leicht zittern. Daran sind nur diese Teufel schuld. Sein Puls rast und plötzlich befürchtet er, sich noch im letzten Augenblick durch seine Nervosität zu verraten. Doch als er mit der rechten Hand die Plastikspritze im Innern des Rucksacks ertastet und sie aus der Schutzhülle befreit, wird er ruhiger. Diese Handlung ist ihm nach wochenlangem Training zur vertrauten Routine geworden. Hassan blickt auf die Uhr an seinem linken Handgelenk. Noch fünf Minuten.

„We are on time“, sagt eine Französin unvermittelt zu ihm. Hassan starrt sie an. Diese schamlose Ungläubige wagt es, ihn anzusprechen. Sicherlich will sie ihre paar erlernten Brocken Englisch praktizieren. Lächerliche Touristen. Hassan ist in London aufgewachsen und hat einen britischen Pass. Nur für seine Spezialausbildung im Jemen hat er das Land einmal verlassen. Er sagt nichts, sondern wendet seinen Kopf verächtlich zum Fenster und blickt in die Dunkelheit des Kanaltunnels.

Yusuf hatte ihm erklärt, dass der Zug unterirdisch maximal 160 km/h fahren dürfe. Diese Geschwindigkeit reiche aber aus, dass sich nach der Explosion die Waggons in der engen Röhre ineinander verkeilen und zu brennen beginnen würden. Es sei unwahrscheinlich, dass dies viele überleben. „Aber was ist, wenn Muslime mitfahren und sterben?“, hatte Hassan ihn gefragt. „Auch am 11. September starben Muslime“, hatte Yusuf, ohne nachdenken zu müssen, gesagt. „Der Allmächtige und Allwissende hat Pläne, die wir nicht verstehen.“

Hassan beschließt, sich nicht mehr in Richtung dieser ordinären Französinnen zu drehen. Sein letzter Blick soll nicht auf eine Ungläubige gerichtet sein. Der Prophet lehrte, dass ein Gebet ungültig ist, wenn ein Esel, ein schwarzer Hund oder eine erwachsene Frau vorüberläuft. Hassan rezitiert innerlich die erste Sure, al-F¯atiha. Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen … Hassan ist jetzt voll auf seinen Auftrag konzentriert und er spürt wieder diese vogelfreie Leichtigkeit. Ein letztes Mal blickt er auf seine Uhr. Noch drei Minuten. Er wird jetzt noch mit geschlossenen Augen die Schutzsuren al-Ihlâs und al-Falak innerlich auf Arabisch rezitieren. Yusuf hatte ihm erklärt, dass im Paradies Arabisch gesprochen wird. „Wenn du eine Sure in Arabisch betest und dabei die Bombe zündest, kannst du die Sure im Paradies ohne Unterbrechung weitersprechen.“ Hassan hat einige Suren auswendig gelernt und sich dann für diese beiden vor und während der Tat entschieden. Er liebt die Worte der Sure 112: „Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden! Und keiner ist ihm ebenbürtig!“ Dieses erbärmliche Christenvolk von Kreuzrittern und Unzüchtigen sollte man zwingen, dies zu wiederholen, bis es endlich verstanden hat, wie minderwertig seine Religion ist.

Hassan drückt im Rucksack den Inhalt der Spritze in den Strumpf mit dem Plastiksprengstoff und schreit gleichzeitig triumphierend: „Allahu akbar!“ Er fühlt sich wie entrückt. Es ist plötzlich ganz still um ihn herum, obwohl er keinen Knall gehört hat. „Du wirst die Explosion nicht mehr mitbekommen, denn da wirst du schon im Paradies sein“, hatte Yusuf betont.

Er hatte auch angedeutet, dass gleichzeitig mit Hassans Anschlag ein weiteres Attentat in Europa geplant war. „Die Ungläubigen werden zittern“, hatte er ihm im Hotelzimmer mit diesem besonderen Flackern in den Augen zugeflüstert, als ob Hassan das eigentlich gar nicht wissen dürfe.

Hassan lächelt und öffnet langsam die Augen. Er erschrickt, denn vor ihm ist alles dunkel. Es kommt ihm vor, als ob er noch immer auf die Tunnelwand starren würde. Erst als das Gekicher der Mädchen wieder einsetzt, begreift Hassan, dass es keine Explosion gegeben hat. Er spürt, dass seine Hand im Rucksack von der Zündflüssigkeit leicht verätzt wird, und zieht sie abrupt heraus. Die Mädchen und sein Sitznachbar starren ihn verwundert, aber nicht verängstigt an.

„Are you okay?“, fragt der Junge neben ihm, der mittlerweile das beige Shirt wieder angezogen hat, auf dem die hingeschmierten Namen und Telefonnummern der Französinnen prangen. Hassan findet die Situation völlig absurd. Als er eine Erklärung stammeln will, versagt seine Stimme. Abrupt erhebt er sich, stolpert über die Beine eines der Mädchen und läuft hinaus. Hinter sich hört er schallendes Gelächter.

Er durchquert den Zug wie in Trance. Eine ältere Frau hat ihren Kopf ans Fenster gelehnt und ist eingenickt, Geschäftsleute blättern in ihren Unterlagen, ein Baby schläft in den Armen seiner Mutter, die es beruhigend schaukelt, ein älteres Paar scheint zu streiten, andere schweigen sich an oder blättern in Illustrierten, ein junges, verliebtes Pärchen döst ineinander verschlungen vor sich hin.

Sie alle sollten eigentlich nicht mehr leben. Die Bombe hat versagt. Oder habe ich versagt? Hat Allah das Attentat verhindert, weil ich nicht rein und würdig genug bin, als Märtyrer ins Paradies einzugehen? Oder waren es böse Geister, die Dschinn? Was wird die Bruderschaft wohl dazu sagen? Wird sie mir glauben? Oder mich beschuldigen, die Bombe aus Feigheit nicht zur Explosion gebracht zu haben?

Dieser Gedanke lässt Hassan erzittern. Er würde dann geächtet sein und man würde ihn wie einen Ungläubigen jagen und töten. Die Führer hatten viel Zeit und Geld in seine Ausbildung investiert und ihm vertraut! Hassans Puls rast. Aber sie werden ja feststellen, dass er den Zündstoff in den Sprengstoff gespritzt hat. Nein, nein, er ist weder ein Feigling noch ein Dummkopf.

Die letzte Tür ist verschlossen. Hassan realisiert, dass er am Ende des Zuges angelangt ist. Er betritt die Toilette und inspiziert den Rucksack. Der Sprengstoff hat sich mit dem Zündmittel vermischt und schwelt leicht. Alles fühlt sich warm, aber nicht heiß an. Auf jeden Fall ist es besser, in der Toilette zu warten, bis der Zug in wenigen Minuten Paris erreicht. Es wäre grotesk, mit einer schwelenden Bombe im Rucksack verhaftet zu werden, um dann die nächsten Jahre in Hochsicherheitsgefängnissen zu verbringen. So bleibt ihm zumindest die Chance auf einen zweiten Versuch.

Als der Zug hält, bahnt sich Hassan behände mit seinem Rucksack den Weg durch die aussteigenden Passagiere mit schweren Koffern und Reisetaschen, bis er die geräumige Ankunftshalle mit dem rötlichen Marmorboden im Gare du Nord erreicht. Er atmet tief durch. Er muss nun nur noch einen geeigneten Platz finden und den Rucksack unauffällig dort deponieren. Sollte der Rucksack später nicht explodieren, würde ihn jemand finden und man würde die Bombe entdecken. Damit würde er zumindest Angst und Panik auslösen. Es tröstet Hassan, dass seine Aktion nicht ganz umsonst war.

Er setzt sich auf eine Metallbank gegenüber dem Auskunftsbüro und schiebt seinen Rucksack unter die Bank. Bei der nächsten Möglichkeit wird er unauffällig ohne ihn verschwinden. Hassan merkt, dass der Rucksack bei seinen Füßen warm wird, und er kann den Geruch des Schwelbrandes immer stärker riechen. Ein dicker älterer Mann setzt sich neben ihn und kramt eine französische Zeitung aus einer braunledernen Aktentasche. Auch er scheint den Geruch zu bemerken, rümpft die Nase, blickt fragend um sich und dann zu Hassan.

Eine persische Reisegruppe verstellt Hassan die Sicht auf den Auskunftsschalter. Die meisten Frauen tragen einen Tschador und ziehen damit auch auf dem Pariser Gare du Nord einige Blicke auf sich. Fast alle iranischen Frauen legten im Ausland sogar das Kopftuch ab, aber hier waren die Ehemänner offenbar gute Muslime und ließen es nicht zu. Hassan lächelt still in sich hinein. Der Islam ist die einzig reine und wahre Religion und solch ein Anblick ist Allah wohlgefällig.

Er steht auf, um zu gehen. Er wird sich nicht umdrehen, falls ihm jemand wegen des „vergessenen“ Gepäckstücks etwas nachruft. Die ersten beiden Schritte geht er konzentriert langsam. Als er beim dritten Schritt beschleunigen will, dringt ein dumpfes, verpuffendes Geräusch durch die Halle. Es klingt fremd, wie nicht von dieser Welt, und es passt vor allem nicht zu dem lauten Stimmengewirr, das wie eine Decke über der Ankunftshalle des Bahnhofs liegt.

Hassan hört die Detonation der Bombe noch, aber die Schreie der Menschen, die von umherfliegenden Metallteilen der Bank getroffen werden, erreichen ihn nicht mehr. Die Druckwelle schleudert ihn mit dem Kopf gegen eine Säule und der Aufprall bricht ihm das Genick. Er liegt seltsam verrenkt auf dem Boden und es sieht aus, als würde er das Plakat auf der Säule verwundert anstarren. Ein barbusiges Mädchen wirbt darauf für „Last-Minute-Reisen“ und blickt freundlich, aber unverbindlich lächelnd auf die Szenerie aus Toten und Schwerverletzten, deren Blut sich mit dem rot gesprenkelten Muster des Marmorbodens zu einem überdimensionalen abstrakten Gemälde vermischt.

 

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  • Werner Bartl privat

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