Krimis & Thriller

Fetzer und die Ordnung der Dinge © echomedia buchverlag

Susanne Wiegele

Fetzer und die Ordnung der Dinge


184 Seiten, echomedia buchverlag
Auch als E-Book erhältlich!

Wiens neuer Ausnahmekommissar Fetzer räumt auf! Was wird aus jemandem, der kleinste Unterschiede wahrnimmt, einen Blick für Schönheit hat und einen analytischen Verstand? Aus einem, der den Menschen gnadenlos ins Herz sieht, ihre vielfältigen Lügen erkennt und jeden, aber auch jeden Tag an der Gleichgültigkeit beinahe zerbricht? Ein Philosoph. Wenn auch nur ein bisschen was schiefgeht, ein Verbrecher.

Oder er wird Kommissar. So wie Fetzer, der ebenso misanthropisch wie unkonventionell, aber äußerst exakt seine Fälle löst und sich dort herumtreibt, wo er sich wohl fühlt – auf dem Wiener Naschmarkt und im Milieu der Huren und der Kleinkriminellen. Eine Serie von Morden gibt ihm Rätsel auf, nicht nur weil der Mörder eine Botschaft hinterlassen hat, sondern weil er – mehr als ihm lieb ist – gezwungen ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

 

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Leseprobe

Kapitel IV

Der Blasse war, wie vorausberechnet, gerade beim Einräumen der Ware und bemühte sich redlich, den Besuch Fetzers mit Begeisterung aufzunehmen.

„Und, was hast mir zu sagen?“ Fetzer stellte sich an die Theke und begutachtete sein Achtel. Der Blasse rang sichtlich nach passenden Worten. Aber wie immer siegte sein inneres Wirt-Sein und er erzählte ohne Punkt und Komma, dass er den Bladen so gern hätte und nur deshalb habe er der Silvia genaue Anweisungen gegeben, damit der Blade sich ja wohlfühlen sollte, immerhin habe er ja einige Monate Stein hinter sich und er sei ein ganz Lieber, nur ein bissl ein Pech hätt er eben gehabt. Und die Silvia, ja, die habe der Kommissar ja kennengelernt, die wolle er heiraten. Und die Gina käme jeden Tag und plärre noch immer wegen dem Manni, dabei sei der eh ein gefährliches Stück Mensch, einer der nicht nur zuhaut, wenn’s berechtigt ist, wenn der Kommissar verstünde, was er meine.

Fetzer verdrehte innerlich die Augen zum Himmel. Wirte und Friseure. Allerweil die Goschen offen bei der Arbeit und heraus kommt nix als Blödsinn. Die Elvira hätte jetzt gesagt: Und die Kosmetikerinnen, wurscht ob s’ dir grad die Muschi harzen oder die Füß, man wird zwangsbeglückt mit schiachen Gschichten von schiachen Leuten.

„Giovanni, du Fetzendepp. Erstens: Der Blade versorgt dich mit Koks, wie wir, also ich und du, genau wissen. Drum hast ihn ja so gern. Zweitens: Du bist schon verheiratet. Drittens: Wenn diese Silvia beim Ficken genauso unaufmerksam ist wie beim Arbeiten, was wahrscheinlich ist, stornierst sie besser. Jedenfalls ist sie eine Zumutung. Schau zum Beispiel dein Gläserregal an. Wo is überhaupt dei Kellner, des hätt’s bei dem ned geben. Außerdem hat der ned amal dann gredt, wenn er gfragt worden ist. Der war mir fast schon sympathisch.“

Viertens, machte er sich eine geistige Notiz, eine Hur, die länger als 24 Stunden um ihren Zuhälter weint, und das öffentlich, hat was zu verbergen. Wetten, dass sie ihn selbst weggräumt hat. Na solln sich die Kollegen von der Sitte mal in ihrem Studio umschauen.

„Und, Giovanni, ab jetzt haltst die Goschen und lasst mich nachdenken.“

Ob der Navratil schon was hatte? Marius, Marius, bald wissen wir, wo du dich rumgetrieben hast. Und wo du deine teuren Schuh gekauft hast und das passende Leintuch dazu. So feine Dinge gibt’s in den hiesigen Sexshops nicht, und deine Pumps hat zwar der Stiefelkönig in der Kärntner Straße, aber sicher nicht in deiner Größe.

Ich wette, das waren echte Nylonstrümpfe. Auch schwer zu kriegen hier.

„Giovanni! Was macherst, wennst piekfeine Louboutin-Pumps haben wolltest und echte Nylons?“

„I lassert mir a Nuttn kommen, die welche anhat. Wolln S’ die Nummer von der Madame Pia, weil die …“

Fetzers Blick ließ den Blassen mitten im Satz innehalten und einen nicht vorhandenen Fehler an einem Rotweinglas studieren.

„Blasser, i sag dir jetzt was. Ich ignorier für den Moment, dass du mir die Frage, wo dein Kellner ist, nicht beantwortet hast. Dafür fragst du mir bei deinen perversen Swingerfreunden nach, ob die einen großen, schwarzhaarigen Typen kennen, der trotzdem er hetero war, auf solche Schuh und solche Strümpf gstanden ist. Zum Selberanziehen, und nicht an deiner Madame Pia, wohlgemerkt. Die sich übrigens endlich einen Deckel holen soll, sonst lass ich sie nächstens bei einer Veranstaltung der feinen Gesellschaft, in der sie sich so gern bewegt, verhaften. Wenn sie sich unbedingt ohne magistratische Genehmigung und Kontrolle prostituieren will, soll s’ reich heiraten und für ihre Apanage die Füß aufstellen. So wie’s die andern anständigen Weiber machen.

Habe die Ehre.“

Fetzer wusste nicht, was in ihn gefahren war, aber als er auf der Straße stand, rief er die Elvira an.

Sie hatte Zeit. Gut so.

Und auf dem Weg zu ihr hob sich nicht nur seine Laune.

Sorgsam strich er sich durch die Haare und kontrollierte seine Schuhe. Sie ließ ihn immer zwei Minuten warten nach dem Klingeln, manches Mal weniger, aber nie mehr.

Wortlos ging er durch die Tür, zog Schuhe, Hose, Hemd und Unterhose aus, legte alles sorgfältig zusammen, kniete sich hin und senkte den Blick.

Erst als Elvira ihm nach einigen Ohrfeigen befahl, ihr auf allen vieren zu folgen, riskierte er einen Blick. Diese Göttin trug heute zu ihren überkniehohen Stiefeln eine Gardeuniform des Bundesheeres und bekleidete offensichtlich den Rang einer Generalin.

Als er des Knebels und der Fesseln gewahr wurde, die sie nachlässig neben das Bett gelegt hatte, konnte er sich nicht mehr beherrschen. Sein arg verfrühter Orgasmus ließ ihn wimmern und Elvira die Augenbrauen hochziehen. Fetzer war brüskiert.

Die Generalin jedoch reagierte sowohl ihrer Erfahrung als auch ihrer Profession gemäß mit Gleichmut und Sachverstand und brachte Fetzer in der nächsten Stunde, sozusagen nach langen und mit Geduld ertragenen Leiden, zu einem für beide Teile höchst befriedigenden Höhepunkt.

Später kochte ihm die Elvira einen Kaffee. Weder fiel ihm auf, dass ihre Küche ziemlich unaufgeräumt war, noch hatte er das Bedürfnis, die Zuckerstücke (Wiener Mokkazucker in Form von Pik, Herz, Kreuz und Karo) nach den Kartenfarben zu ordnen. Innere Ordnung, Fetzer, kann auf äußere verzichten.

Sie beratschlagten das Problem der Louboutin-Pumps und der Nylons. Recht hast, meinte die Elvira, schwierige Sache. Die Pia ist die Einzige, die auf Markenfetisch macht, die weiß sicher, wo es das Zeug gibt. Aber sie ist ein ebenso arrogantes wie blödes Weib, außerdem schon wieder runderneuert, und diesmal sieht man’s.

Also doch ein Mensch, wenn auch nur ein halberter, weil eine Frau. Wennst dich auf was verlassen kannst, dann auf Neid und Missgunst unter den Weibern. So wie auf  leicht zu verletzende Ehre und schimpansisches Revierverhalten bei den Männern. Weniger dem Geld folgen brauchst bei Gewaltverbrechen, aber immer den Aberrationen des menschlichen Geistes.

Solche Klienten wie seine Leich habe sie mehrere, plapperte die Elvira gerade, aber Fetzer hörte nicht mehr zu.

Als er sie zum Abschied küssen durfte, musste er über ihre hochgestochene Wortwahl lächeln. Klienten also. Das haben doch sonst nur Unternehmensberater, Wirtschaftstreuhänder und Rechtsanwälte. Aber natürlich hat sie recht: Huren unter sich.

Fürs Büro war es jetzt zu spät, musste der Spitz sich eben zu ihm bemühen. Er bestellte ihn ins „Jägersmann“, denn wenn man was Vertrauliches besprechen wollte, konnte man das dort jederzeit unbesorgt tun. Die Klientel dort war einzigartig: Zuerst einmal redeten alle ausschließlich über sich selbst und von ihren vorgeblichen Großtaten, dann koksten sie sich zu, und wenn man etwas Masel hatte, räsonierte einer vom blau-orange-braunen Karrieretrampolin über grundsätzliche Probleme Wiens und damit der Welt. Woraufhin sowieso das Gros der Geistesschwachen an dessen Lippen hing und weder Aufmerksamkeit noch Intelligenz genug aufbrachte, um einem anderen Gespräch zu folgen.

Von der Pressgasse kommend und die Stufen zur Hinterseite des Naschmarkts hinauf zeigte sich unter einem blutroten Abendhimmel die Wirklichkeit: leere Obstkisten, Papier, Dreck, Flaschen und sämtlicher andere Müll, den Standler, Käufer und die unvermeidlichen Touristen achtlos zurückgelassen hatten. Ist das das, was wir sind? Ist das der wirkliche Naschmarkt? Und die Müllwagen mit den Wasserspritzen, die in ein paar Stunden ihre abgezirkelten Runden drehen würden, um diesen Auswurf zu beseitigen, was waren die? Ein Äquivalent zu Gottes Zorn, quasi die magistratische Sintflut?

Fetzer, du bist ein Romantiker, schalt er sich. Und das ist, wie wir wissen, eine Krankheit der Seele.

Merzen wir sie also aus. Ein, zwei Achtel werden genügen. Und der Spitz natürlich.

 

Kapitel V

Schon beim Eintreten konnte er den Unterschied zum „Roten Hund“ spüren. Nein, spüren war das falsche Wort. Er konnte ihn genau festmachen, und zwar an den anwesenden Personen (besser gekleidet als beim Blassen), an deren exakter einzugrenzendem Soziolekt (beim Blassen mischte sich „Meidling uptown“ mit „Döbling-gerade-eben-geschafft-und-nach-Hietzing-is-unendlich-weit“) sowie an der pseudorustikalen Dekoration. Und am pseudointellektuellen Gehalt der Thekengespräche. Da passte der Spitz bestens her.

Der saß, mit einem Aktendeckel vor sich, an einem Randtisch und hatte es tunlichst vermieden, etwas Alkoholisches zu bestellen.

„Spitz, ich höre. Und zwar vornehmlich das, was du Trottel vergessen hast aufzuschreiben. Die Todesursache zum Beispiel, nur so eine Kleinigkeit …“

Spitz schluckte, sah unwillkürlich nach rechts oben und begann zu memorieren:

Todesursache: Genickbruch.

Sperma: Ja, am Oberschenkel und am Leintuch.

„Welches? Deins oder das von der Leich? Oder von einem kleinen grünen Männchen?“ Da muss man sich zusammenreißen, dass man der Kanaille nicht sofort eine anreibt. Ruhig, Fetzer, noch a Diszi kannst dir jetzt ned leisten.

Also das Sperma vom Herrn Doktor.

Ein paar blonde Haare, die allerdings von Natur aus schwarz sein müssten. Kleberrückstand.

Ah! Eine Perücke also! Und wo war die? Wenn s’ nicht in der Wohnung war, wohl am Mörder. Oder der Mörderin?

Der rote Lack war überall zu kriegen, in jedem Bastelgeschäft.

Das Pergamentröllchen war offenbar mit dem Finger und mit der Hilfe eines Gleitmittels eingeführt worden. Keine Fissuren.

Der Spitz hatte noch eine Überraschung in petto: Nachlässig warf er ein bräunliches Stück Papier auf den Tisch.

Angewidert begutachtete Fetzer das halb aufgerollte Pergament. Er konnte sich nicht überwinden, es mit bloßen Fingern zu berühren, und begrub es unter seinem Weinglas.

Hoffentlich desinfiziert Alkohol wirklich, und zwar auch dann, wenn der Alkohol oben im Glas ist und nur der Fuß des Glases auf dem Papierl steht!

Den erwartungsvollen Blick von Spitz bemerkend sah er genauer hin. Eine Schrift!

„Omnis mundi

„Los Spitz, spuck’s schon aus! Heißt was?“

„Latein, Herr Kommissar. Genitiv. Der ganzen Welt.“

Und, Fetzer, jetzt stehst an. Der ganzen Welt … der ganzen Welt geht’s beschissen und drum steckt das wer in den Arsch von dem Gruber oder wie? Oder soll das heißen, der Arsch vom Gruber gehörte der ganzen Welt? Das passt nicht.

Widerwillig verrückte er das Glas. Natürlich, das zweite Anführungszeichen fehlte.

„Spitz, dein Urlaub kannst streichen. Der Typ is noch ned fertig, der will uns noch was mitteilen. Und weißt was: Ich glaub, nicht per Post.“

 

  • Fetzer und die Ordnung der Dinge © echomedia buchverlag
  • Susanne Wiegele © Katharina Obi-Okoye

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