Krimis & Thriller

Doppelmord © echomedia buchverlag

Ernst Hinterberger

Doppelmord


168 Seiten, echomedia buchverlag
Ein Fall für Trautmann

Kriminalmuseum Wien. Ein Einbrecher zerstört fast alle Ausstellungsobjekte und ermordet den Hausverwalter. Abteilungsinspektor Trautmann ermittelt und gerät dabei immer wieder in eine Sackasse. Der Fall wird immer rätselhafter und scheint unlösbar. Erst Trautmanns Instinkt und Kommisaar Zufall führen zu Aufklärung des Falls und zum absurden Motiv des Täters.

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Leseprobe

… Als Trautmann, Dolezal, Lassinger und Oberstleutnant Sporrer im Laufschritt zum Kriminalmuseum kamen, stand bereits ein Rettungswagen mit rotierendem Blaulicht vor dem Haus, hatten drei Wachebeamte alle Hände voll zu tun, die rasch mehr werdenden Neugierigen in Schranken zu halten. Kurz danach trafen auch als höchster Polizist der Stadthauptmann des 2. Bezirks, Hofrat Hollndonner, und der Journalist Göttlicher ein, der verbotenerweise regelmäßig den Polizeifunk abhörte und immer als Erster an einem Einsatzort war.

Trautmann, Dolezal, Lassinger, Sporrer und der Stadthauptmann gingen ins Museum. Göttlicher musste trotz aller Bitten zumindest vorläufig draußen bleiben.

Im Kassenraum kümmerten sich ein Rettungsarzt und seine Helfer um die auf einer Bahre liegende Rautenschlager und hantierten mit einem Defibrillator, weil sie durch die Aufregung anscheinend einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Die fünf Polizisten gingen weiter ins eigentliche Museum, schauten sich, ohne ihn vorläufig zu betreten, die Verwüstungen im ersten Raum an und waren alle der Überzeugung, dass hier ein Irrer am Werk gewesen sein musste. ...

... Trautmann sprach aus, was auch die anderen dachten: „Ich hab schon alle möglichen Brüch gesehen, Burschen“ – wobei er, wie es seine Art war, auch den Oberstleutnant und den Stadthauptmann als Burschen titulierte –, „aber so einen noch nicht. Gut, o. k., einer oder mehrere machen einen Bruch – aber dann sind sie mit den Sachen eine Staubwolke und hinterlassen nicht ein Chaos, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“

Dann schaute er seinen Oberstleutnant an und brummte: „Ich weiß schon, dass sich die Weltmeister von der Kriminaldirektion die Goschen über uns zerreißen werden. Aber es ist besser, wenn wir zwei einmal weitergehen und den gemachten Hausverwalter anschauen, bevor die anderen da sind.“

Sporrer und Trautmann zogen sich die Schuhe aus und gingen auf Socken in den ersten Raum hinein. Vorschriftsmäßig hätten sie zwar Plastiküberzüge an den Füßen haben sollen, aber im Notfall taten es die Socken auch, wenn sie später dem Erkennungsdienst übergeben wurden.

Sie sahen, was vor ihnen schon die Rautenschlager, und vermutlich auch der Hausverwalter, gesehen hatte: die schwarze Farbe, mit der die Wände und die Reste der Affichen beschmiert worden waren und nach der es durchdringend stank; sie sahen die teilweise zertrümmerten Vitrinen und deren auf dem Boden liegenden Ausstellungsobjekte, wie Mordwaffen und andere Gegenstände aus den dokumentierten Verbrechen. – Und sie sahen den im letzten Raum liegenden Nowatschek, dessen geöffneter Bademantel einen aufgeblähten Magen und dicken Bauch sehen ließ, die beide im Gegensatz zum fast haarlosen Kopf des Mannes dicht grau-weiß behaart waren. Sahen auch die große alte Operationsnarbe, die sich über den Bauch und Magen des an die hundert Kilo schweren Mannes zog. Und sie sahen die fürchterliche, bis zu den Wirbelkörpern klaffende Halswunde und die offen liegenden durchtrennten Ansätze von Kehldeckel, Kehlkopf, Schilddrüse und Luftröhre – sowie die etwa einen Meter von der Leiche entfernt auf dem Boden liegende Pistole der Marke Walther P 38, Kaliber 9 mm. Diese Waffe war vor Jahrzehnten von der deutschen Wehrmacht und bis in die 50er Jahre von der österreichischen Exekutive benützt worden. Sie war aber längst durch die wesentlich bessere Pistole der Marke Glock, deren Magazin mehr Patronen als das der P 38 aufnehmen konnte und die auch ein geringeres Gewicht hatte, ersetzt worden.

Während Trautmann und Sporrer sich umsahen, wurde der Besitzer des Museums, Hofrat Paulaner, der sich zurzeit in seinem Schloss außerhalb Wiens aufhielt, verständigt, der versprach, so rasch wie möglich zu kommen.


Etwas später wimmelte es im Museum von Leuten. Die Rautenschlager war von der Rettung bereits weggebracht worden, starb aber trotz aller Bemühungen noch während der Fahrt ins Krankenhaus. Im Kassenraum fragte der Journalist Göttlicher Dolezal, Lassinger und den Stadthauptmann bis aufs Hemd aus und war frustriert, dass er noch immer nicht zu dem Toten durfte und ihm die Polizisten seine Fragen nicht beantworten konnten, weil sie sich noch nicht genauer umgesehen hatten.

In den devastierten Räumen amtierte – die Schuhe vorschriftsmäßig in Plastiküberzügen und mit übergezogenen Plastikhandschuhen – die Gruppe Gewalt der Kriminaldirektion unter der Führung eines Majors. Die Männer des Erkennungsdienstes durchsuchten die Räume nach Spuren und machten unzählige Fotos von der Leiche und den Räumen. Die P 38, aus der offensichtlich nicht geschossen worden war, hatten sie bereits sichergestellt. Sie waren sich darüber einig, dass sie eine derartige Verwüstung noch an keinem bisherigen Tatort gesehen hatten.

Sie glaubten, wie Trautmann, dass hier nur ein Wahnsinniger gewütet haben konnte, der möglicherweise vom Hausverwalter überrascht worden war – dem wahrscheinlich auch die P 38 gehört hatte, mit der er aber nicht mehr hatte schießen können, weil ihn der Wahnsinnige vorher niedergemetzelt hatte. Sporrer und Trautmann waren ebenfalls noch unten 
und standen bei dem toten Nowatschek, den der Polizeiarzt Dr. Kammerer untersuchte.

Dr. Kammerer hatte bereits die Temperatur des Raums und per Anus die des Toten gemessen, sich dessen Leichenflecke angesehen und war zu dem vorläufigen Schluss gekommen, dass der Tod zwischen 22 Uhr und Mitternacht eingetreten sein musste. Er fügte hinzu, dass die Auffindungsstelle mit dem Tatort identisch war, was aber sowieso klar war, weil der Tote ja in einer großen Blutlache lag.

Als unmittelbare Todesursache stellte Dr. Kammerer eine regelrechte, bis zum Corpus vertebrae, den Wirbelkörpern, verlaufende Zerfetzung von Epiglotis, Larynx, Glandula thyroidea und Trachea fest, wobei er die lateinischen Termini für die Nichtmediziner Trautmann und Sporrer mit Kehldeckel, Kehlkopf, Schilddrüse und Luftröhre übersetzte. Tatwaffe könnte, seiner vorläufigen Meinung nach, ein wahrscheinlich stumpfes stählernes, möglicherweise mit Scharten oder Zacken versehenes Instrument sein.

Er hatte bereits mit einer ähnlichen Verletzung zu tun gehabt, und damals war ermittelt worden, dass es sich um eine stark schartige Sense gehandelt hatte. – Ziemlich sicher war, dass der Hieb mit der Mordwaffe von einem Rechtshänder ausgeführt worden war, weil sich die Verletzungen des Toten von dessen linker Halsseite an fortsetzten und in der Tiefe bis zu den Wirbelkörpern reichten. Kammerer merkte noch an, dass diese Tathandlung mit großer Kraft durchgeführt worden war; möglicherweise auch von einem Täter, der entweder tatsächlich irrsinnig oder durch irgendein Ereignis vollständig außer sich geraten war und ungeahnte Kräfte entwickelt hatte.

„Danke schön, Doktor“, sagte Trautmann zu Kammerer. „Du hast uns wie immer eine erschöpfende Anzahl von möglichen Tathandlungen und Täterprofilen gegeben. Der Täter kann entweder sehr kräftig, aber auch demoliert im Schädel gewesen sein und außer mit einem Zeppelin oder Luftballon mit jedem anderen Instrument gearbeitet haben. Mit einer Sense auch nicht“, setzte Trautmann hinzu, „weil mitten in der Nacht im 
2. Bezirk kein Mensch mit einer Sense herumrennt.“

Kammerer reagierte auf Trautmanns Sarkasmus sauer und meinte frostig, dass Genaueres erst nach einer gerichtsmedizinischen Obduktion des Opfers ausgesagt werden könne und es überdies ausschließlich Sache der Polizei wäre, sowohl Täter als auch Tatwerkzeug auszuforschen. Er, Kammerer, wäre lediglich Arzt, aber kein Hellseher. Und im Übrigen würde er jetzt gehen und er gebe umgehend die Anweisung, dass die Leiche ins Forensische Institut in der Sensengasse zu bringen sei.

Nach knapp zwei Stunden, nachdem die Leiche Nowatscheks weggebracht worden war, verließen die Polizisten die Museumsräume und setzten sich zu einer ersten Besprechung in dem oberen L-förmigen Raum mit der Bar zusammen.Trautmann, der ja den Hausbrauch kannte, machte für alle Kaffee, dann wurden erste Meinungen ausgetauscht. Außer Frage stand, dass dieser Fall einer für die Gruppe Gewalt der Kriminaldirektion war und die Leute vom Koat Hilfsdienste bei den Ermittlungen leisten sollten, weil sie die besonderen Umstände und die Verhältnisse im Grätzl besser und unmittelbarer kannten.

„Das heißt“, kommentierte Trautmann die Äußerung des Majors von der Gewalt, „dass wir Pflasterhirschen vom Koat herumrennen sollen, bis uns die Füße rauchen und wir so viel zusammengetragen haben, dass ihr Weltmeister den Täter nur mehr abholen müsst.“ …

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