Krimis & Thriller

Tödliche Elf © echomedia buchverlag

Sabina Naber (Hrsg.)

Tödliche Elf


144 Seiten, echomedia buchverlag

Elf spannende und skurrile Kriminalgeschichten rund um das Großereignis Fußball-Europameisterschaft von elf bekannten Autorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, herausgegeben von Sabina Naber mit einem Vorwort von Beppo Mauhart.

Mit einem goldenen Tor behauptet sich Österreich bei der EM. Das ultimative Mittel gegen laute und randalierende Fans wird gefunden. Frauen werden vom Stadionbesuch ausgeschlossen. Fußballer gehen über Leichen. Der schwule Goalgetter wird geoutet - oder nicht. Das EM-Finale sehen und sterben.

Die Autoren der Kurzkrimis:
aus Österreich: Sabina Naber, Andreas P. Pittler, Thomas Raab, Susanne Schubarsky und Stefan Slupetzky
aus Deutschland: Angela Eßer, Nina George und Roger M. Fiedler
aus der Schweiz: Mitra Devi, Paul Lascaux und Stephan Pörtner

 

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Leseprobe

"Endspiel" von Thomas Raab

Ein bisserl komisch ist dem Platzwart des Ernst-Happel-Stadions schon geworden, wie er am Morgen des EM-Finalspieltags den ansonsten so penibel gepflegten Rasen betreten hat. Da braucht er sich aber erst gar nicht zu brüsten damit, der Platzwart, denn lächerlicher kann ein Komischwerden kaum sein, besonders im Vergleich zum Komischwerden vom Fritzi Burger wenige Stunden zuvor.

Wenn der Fritzi Burger nämlich gewusst hätte, dass die Stoppeln eines Fußballschuhs einen derartigen Abdruck hinterlassen können, er wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, sich auf diese Wette einzulassen.

Einlassen kann er es sich nun, in zermürbender Regelmäßigkeit, sein lauwarmes Kamillensitzbad, zwecks Pflege der entstandenen lebenslangen Erinnerungseinwölbung am Hinterteil. Was heißt Einwölbung, Achtwölbung muss es heißen, denn so viele Stollen waren unter keinen Umständen davon abzuhalten, sich unübersehbar im Gesäß vom Fritzi Burger verewigen zu wollen - genauso dauerhaft wie die vollbusige Lolita-Tätowierung am Ufer der Halsschlagader unterhalb seines übermächtigen, im Grunde viel zu groß geratenen Kopfes. Da war er allerdings blunzenfett gewesen, damals vor 20 Jahren, als er sich zwecks halbstarker Angeberei auf immer und ewig diese zweifelhafte, inzwischen verblasste, Madonna hatte einbrennen lassen.

Diesmal allerdings ging einer noch weitaus folgenschwereren Eitelkeit maximal ein Bier voraus, und das ist gar nichts für den Fritzi Burger.

Höhnisch gelacht haben sie alle, wie am Stammtisch lautstark vom Vereinsobmann Josef Binder erklärt worden ist, dass ab nächstem Jahr auf ihrem heiligen Vorstadtrasen nur mehr ohne Stoppeln gespielt werden dürfe, weil die Liebesbedürftigkeit der zarten Pflänzchen nachweisbar unter dieser testosterongesteuerten und vor allem ruppigen Spielweise der Hobbykicker leide.

Daraufhin hat der Fritzi vorgeschlagen, es gäbe da einen Fußballschuh, der könne beim Durchstoßen der Oberfläche durch seine Stollen dem sensiblen Rasen gleichzeitig einen Dünger verabreichen, da hätten alle eine Freude. Eine Freude haben dann wirklich alle gehabt, mit Ausnahme vom Fritzi Burger natürlich; der durfte nämlich in Anbetracht der Flutwelle an Bosheiten, die ihm augenblicklich nach Ausformulieren seines geistreichen Einfalls entgegengerollt ist, herausfinden, dass es durchaus noch eine Steigerungsstufe von höhnischem Lachen gibt. Größer hätte die Gaudi nicht sein können, die lustigsten Ideen wurden geboren:

Er solle in die Stollen Valium spritzen und seiner Freundin Verena einen Tritt versetzen, dann käme er wenigstens einmal zu Wort.

Er, der Hobbyfischer Fritzi, solle Obstler einfüllen und sich in die Alte Donau setzen, vielleicht würden ihm da ein paar Fischerln die Stoppeln ausnuckeln, dann tät er sich beim Fangen leichter.

Er könne ja ein Pflanzenvernichtungsmittel einspeisen und in der Nacht vorm Europameisterschafts-Endspiel im Happel-Stadion die Schriftzüge seines Namens laufen, damit dann am nächsten Tag durchs saftige Grün ein braunes Fritzi auf allen Bildschirmen flimmere.

Gesoffen haben sie alle wie auf dem Oktoberfest, nur der Fritzi Burger war noch bei seinem ersten Bier, wie er aufgestanden ist, fest auf den Tisch geklopft und in die Runde geschmettert hat: „Was krieg ich von euch, wenn ich das mach!"

Da war es kurzfristig ziemlich still. Und weil der Fritzi seine Truppe bei einem der raren Gelegenheitskickerln auf dem Asphaltplatz einer angesehenen Strafanstalt kennengelernt hat, war nach dieser kurzen Stille gleich der Teufel los - den Edelbert Pokorny kann man nämlich getrost als Teufel bezeichnen. Da nützt es auch gar nichts, dass ihm einst die Ordensschwester Katharina nach seiner kurzen, frostigen Station in der Babyklappe den außergewöhnlichen Namen Edelbert in den Taufschein hat eintragen lassen. Dem Pokorny wurde das Böse bereits in die Wiege gelegt. ...

"Das Johannes-Duell" von Sabina Naber

Vorrunde.

Hansi war mit sich und der Welt zufrieden - sah er doch nur die Hälfte von ihr, da seine Lider der Müdigkeit und den sechs Bieren in Hansis Körper nachgaben. Und diese Hälfte der Welt war von Rauch meliert, was sogar Johnny, dem Arsch unter den Stammgästen, dem größten Arsch, den Hansi überhaupt je kennengelernt hatte, das Furchtbare nahm - trotz Totenköpfe auf dem ewig gleichen schwarzen Outfit. Johnnys Grobschlächtigkeit verwandelte sich in Männlichkeit, sein Schlüsselbund, an den noch immer eine Narbe über Hansis rechter Braue erinnerte, reduzierte sich zum zwar geschmacklosen, aber eben nur Modeaccessoire. Und selbst Johnnys von Testosteron geschwängerter Geruch nach Ungewaschenem ging in den Körperausdünstungen der anderen auf, die sich den Schweiß von der Stirn wischten, während sie brüllend das Fußballspiel der beiden österreichischen Tabellenführer kommentierten - Lena mit verschränkten Armen und ätzend, Bärbel und Franz unterbrochen von Küssen, Schorschi mit auf und ab hüpfendem Bein, Conny seine Kappe abwechselnd mit dem Schirm nach vorne und nach hinten aufsetzend. Friedlich vereint saßen sie alle da, so unterschiedlich sie auch waren - zusammengeschweißt durch Wirtin Hedi, die gleich einem Feldwebel darauf achtete, dass jeder so sein konnte, wie er war. Zumindest fast jeder. Zur Gänze ausleben konnte sich Hansi nur in anderen Kreisen. Doch er war froh, hier in dieser Runde zumindest für voll genommen zu werden, obwohl seine mädchenhafte Schmächtigkeit üblicherweise zu bösen Scherzen nur so einlud. Denn hier war sein Stammbeisl, seine Welt. Und für ihn als bekennenden Alkoholiker war die Integration in der Gruppe lebensnotwendig, oder zumindest praktisch, lag seine Wohnung doch direkt über dem Beisl.

Die Welt war also aufgrund von Alkohol und Rauch in Ordnung. Und so lachte Hansi immer wieder trällernd auf, als er nach den richtigen Worten suchte, um Lena zu erklären, welch ein verrückter und toller Kerl sein neuer Kanarienvogel Johann der Vierte war. Alle glaubten, dass er seine Vögel nach ihm selbst benannte, nur Lena hatte schon vor ewigen Zeiten erraten, dass damit ein anderer Johann gemeint war, und diese Erkenntnis mit einem leisen Lächeln bis jetzt für sich behalten. Sie war in Ordnung. Für eine Frau. Er hatte es ja nicht so mit Frauen. Nicht nur, dass sie ihn körperlich nicht anzogen, er verstand sie nicht. Nun gut, er verstand auch die meisten Männer nicht. Und jene, die er am wenigsten verstand und am wenigsten mochte, wie Johnny, die machten ihn am meisten nervös. Und zwar in einer Art, die seine Jeans enger werden ließ.

Hansi fuhr zusammen. Der markerschütternde Schrei von Johnny schreckte sogar die Tauben vor der Beisltür auf.

„Diese depperte schwarze Schwuchtel!"

Es folgte ein ausführlicher Auszug aus dem österreichischen Schimpfwörterbuch, bis Johnny die Hasstirade auf den Schiedsrichter, der eine Fehlentscheidung gefällt hatte, wie auch Hansi bei der Wiederholung erkannte, mit Kastrationswünschen abschloss. Für zwanzig Sekunden. Denn dann vergeigte Eloi, die aus Nordafrika stammende und kürzlich zum Österreicher gemachte Sturmspitze des Tabellenzweiten, einen Angriff. Jetzt war Eloi die schwarze Schwuchtel. Hansi verstand nicht einmal im Ansatz, wie einen ein Fehlpass, geschweige denn ein ganzes Fußballspiel, so aufregen konnte. Er würde lieber über Gott und die Welt diskutieren, doch Johnny hatte sich, mit zögerlicher Unterstützung von Bärbel, Franz, Schorschi und Conny durchgesetzt. Seitdem gab es ständig Live-Übertragungen von Fußballmatches, und das bis zum Finale dieser völlig unnötigen Europameisterschaft. ...

"Heiliger Rasen" von Angela Eßer

Niemand bemerkte den Leichenwagen, wie er vor das Stadion fuhr. Kein Wunder, denn die Stadt schlief - schlief sich aus für das große Ereignis, das bald von hier aus in die Welt getragen werden würde. Milliarden von Menschen würden auf sie schauen. Auf ihr Stadion. Endlich EM! Aber noch schlief die Stadt eben den Schlaf der Gerechten, während aus dem Leichenwagen ein Mann stieg und voller Ehrfurcht langsam zum Portal ging, einen Schlüssel zückte und umständlich die kleine Tür zum Innenbereich aufschloss. Morgengrauen mit Nebelschwaden, wie poetisch, dachte der Mann und lächelte, während er über den Rasen an der Seitenlinie entlang auf das linke Tor zuging, sich dort kurz verneigte und seinen Auftrag ausführte.

Auch der Toni Malischek hatte von alledem nichts mitbekommen, er stand gerade vor dem Spiegel, um sich zu rasieren, was er an diesem Morgen besonders sorgfältig machte, denn heute war für ihn ein großer Tag. Heute würden die UEFA-Inspektoren kommen und den Rasen zum letzten Mal prüfen. Seinen Rasen. Den EM-Rasen. Und danach würden schon die ersten Medienleute kommen, um mit den Aufbauten für die Übertragungen zu beginnen. Malischek schloss kurz die Augen. Endlich. Er ging in die Küche, frühstückte und las dabei die Zeitung, aber seine Gedanken schweiften immer wieder ins Stadion. Was hatte er nicht alles gemacht, um endlich am Ziel seiner Träume anzukommen. Und heute war es so weit, er würde als Erster Platzwart des Stadions die letzte EM-Abnahme mit den Offiziellen machen.

Hicke würde auch kommen.

Ja, wenn sein Hickersberger nicht gewesen wäre. Und jetzt war er der Teamchef. Malischek schaute auf die gerahmte Autogrammkarte an der Wand. Hicke ... Er seufzte und erinnerte sich an das Jahrhundertspiel.

Wie alt war er damals bei der WM 78 gewesen? Neun. Mit den Eltern und dem Großvater hatte er die Spiele angeschaut und nach dem Sieg über die deutsche Mannschaft war die Mutter noch einmal in den Keller gegangen, um neues Bier zu holen. Mit den Nachbarn hatten sie bis tief in die Nacht gefeiert und die Flasche mit dem Obstler hatte oft die Runde gemacht. Spät hatte ihn die Mutter ins Bett gebracht, aber schlafen hatte er trotzdem nicht können. Und wie jeder Bub in Österreich hatte er ein zweiter Krankl werden wollen. Fußballprofi ohne Frage.

Malischek seufzte noch einmal. Der „Rasende Toni" hatte er sein wollen, aber mit Asthma wird man halt nun mal kein Fußballprofi. Dann wenigstens ganz nah dran sein, und so hatte er immer am Spielfeldrand gestanden, wenn die anderen gespielt hatten, bis eines Tages zwar nicht der Krankl, auf den alle gewartet hatten, aber immerhin Hicke gekommen war, der auch in der WM-Mannschaft gewesen war, ihm wie allen anderen die Hand geschüttelt und ihn nach seiner Position gefragt hatte. Zu heulen angefangen hatte er, als Hicke ihn da so fragend angeschaut hatte, und sich in Grund und Boden geschämt. Und was hatte Hicke gemacht? Sich zu ihm hinuntergebeugt und ihm ins Ohr geflüstert: „Dann wirst halt Platzwart, und zwar ein ganz ein wichtiger. Denk dran, ohne deinen weißen Mittelpunkt kann keiner spielen."

Platzwart, hatte er damals gedacht, so einer wie der doofe Stinker, der den Rasen mäht? Sauer war er gewesen und die Autogrammkarte, auf die Hicke „Für den Oberplatzwart Toni" geschrieben hatte, hatte er nur widerwillig genommen.

Eine Woche hatte er sich nicht getraut, den anderen beim Training zuzuschauen, wegen der Heulerei. Irgendwann war er doch wieder hin zum Fußballplatz, früher als alle anderen, und hatte dem Stinker zugeschaut. Und von da an war er immer früher hingegangen, und als der Stinker nicht mehr gekonnt hatte, hatte der alte Swoboda ihn gefragt, ob er nicht der Platzwart werden wolle. Aus dem „Rasenden Toni" war dann der „Rasen-Toni" geworden, so hatten ihn damals alle genannt, und das war er bis heute geblieben. Darauf war er stolz. ...

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  • Sabina Naber © Ludwig Schedl

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