Krimis & Thriller

Aarons Ring © echomedia buchverlag

Hans König

Aarons Ring


632 Seiten, echomedia verlag

Ein praller historischer Roman zwischen Paris und Stambul, zwischen katholischen und armenischen Christen, Juden und Osmanen. Das späte 17. Jahrhundert ist der zeitliche Rahmen, Wien und die Leopoldstadt das geografische Zentrum, der Kampf um die Vorherrschaft in Europa, bis zur zweiten Türkenbelagerung Wiens, der politisch-historische Hintergrund.

Es beginnt mit der Vertreibung der Juden aus dem Wiener Unteren Werd und der Übernahme des Handels durch die armenische Gemeinde. Spionage und Opiumhandel auf dem Balkan begleiten die persönliche Entwicklung des jungen Leopoldstädters Josef ebenso wie die wahre Geschichte des Wiener Kaffeehauses. Von seinem ermordeten Vater Aaron erbt Josef einen Ring mit einem Stück aus dem Smaragd des Moctezuma, der ihm im Chaos rund um die Türkenbelagerung geraubt wird. Seine abenteuerlichen Wege führen ihn zu den kaiserlichen Dragonern, als Kundschafter durchs Türkenlager und später als Rossknecht des jungen Prinzen Eugen von Savoyen in die Schlacht um Wien, wo er schließlich wieder in den Besitz seines Rings gelangt.

Werbung

Leseprobe

... Josef streckte sich, als sein Name und der seiner Familie aufgerufen wurden. Die riesigen Türen wurden von den Hatschieren aufgerissen und weit, unendlich weit, am Ende des Saales, thronten Ihre Majestäten. Zwei weitere Hatschiere nahmen sie in die Mitte: Barbara neben Schahin, dahinter in geziemendem Abstand Josef. Ihre Schritte tönten laut auf dem Parkett. Josef erschrak fast, als er das Gesicht seines Kaisers aus der Nähe sah. Seine Unterlippe hing wirklich herunter, wie einem Dromedar. Sie war rosa und feucht sabbernd. Da halfen auch der dichte Schnurrbart und die nassen, ausdrucksvollen Glupschaugen nicht. Man musste sich an dieser obszönen, schlaffen Unterlippe, die wie ein von Übelkeit befallenes altes Weib herabhing, direkt festsaugen. Die Kaiserin Eleonore Magdalena, die jetzt schon dritte Frau des Kaisers, aus dem Geschlecht derer von Pfalz-Neuburg, dagegen war eine richtig fesche Godel. Fesch und resch, wie eine knusprige Kaisersemmel. Ja, das war der richtige Vergleich, denn sie hatte auch so einen semmelfarbenen Teint in ihrem Laberlgesicht. Auch ihr traten die Augen ein wenig heraus, aber das hatte der junge Erzherzog Josef nicht geerbt. Der saß gelangweilt neben den Majestäten, und sicher hätte er mit seinen vier Jahren lieber mit Josef gespielt, als einen ganzen Tag Audienzen mitzumachen. Aber Geschäft ist Geschäft, sagte Schahin immer. Tief gebückt absolvierten sie den Hofknicks, auch Barbara ließ keinen Laut des Schmerzes vernehmen. Der Kaiser hatte sich während ihrer Wanderung bis vor den Thron instruieren lassen.

Mit einer komischen Quetschstimme, die noch einen näselnden Oberton hatte, versuchte er Deutsch zu sprechen. Italienisch wäre ihm lieber gewesen, aber es handelte sich ja um Untertanen aus seiner lieben Wienerstadt. „Soso, Herr Hofchymist Schahin und auch Ihr, liebe Frau, äh, äh", er winkte mit seiner Linken. Eine Hofschranze flüsterte in seine riesige Allongeperücke. „Äh, Barbara, ja ja. Und Euer lieber Figlio Josef. Nach dem heiligen Josef, dem Heiligen des Erzhauses. Recht brav, recht brav." Josef sah ihm verbotenerweise direkt in seine schwimmenden, hervorgetretenen Augen.

Konnte es sein, dass Seine Majestät ein wenig verblödet war? Obwohl man hörte, dass er ein großer Musicus und Komponist sei. Er machte dennoch den Eindruck eines überzüchteten Trottels. Das sollte der Kaiser der Christenheit sein? Für den wir Leib und Gut lassen sollen?

Die Diskussion mit seinem Vater über den „Leviathan", das Werk eines gewissen Hobbes, hatte ihm die Souveränität des Herrschers vor Augen geführt, des von den Gesetzen befreiten Monarchen. Das ist also mein „sovereign" und ich bin sein „subject". Wo stand da Descartes mit seinem sympathischen Zugang des Einzelnen zur Vernunft, die jedem Herrscher das Recht zur Jurisdiktion in Frage stellt? Er versuchte seine trotzige Miene zu mildern, aber ein „Idol" war der Mann da vorne nicht. Da hatte er den Sultan, diese Fettnudel, gesehen. Und jetzt seinen Herrn und Kaiser, der nur „äh, äh" stammelte. Wofür das Ganze? Josef war total desillusioniert. Nur nichts anmerken lassen! Er setzte lieber sein Naseweisgesicht auf und betrachtete verbotenerweise ganz offen die dralle Frau Semmelkaiserin.

Wenigstens die schien einen gesunden Menschenverstand zu haben. Denn sie richtete, in einem seltsamen Dialekt, ganz unprotokollarisch das Wort an seine Mutter: „Ihr habt wohl Todesängste ausgestanden um Eure zwei Herren, die da im Reich des Sultans einherpirschten, ja?"

„Halten zu Gnaden, Majestät, so ist es, das könnt Ihr mir glauben." Von Frau zu Frau redete es sich einfach viel leichter. Barbara hätte sich am liebsten zu der Gutesten hingeknotzt und ihr ihre Sorgen mitgeteilt, wenn nicht Schahin mit einem unmissverständlichen Hüsteln der Intimität eine Ende bereitet hätte.

Seine Majestät ergriff wieder die Initiative sowie das geheiligte Wort: „Wie mir berichtet wurde, habt Ihr Euch große Verdienste um den Hofkriegsrat und seine Mitglieder erworben."

Schahin erbleichte sichtlich und spürte seine Darmwindungen. Er räsonierte im Geiste: „Ogottogott, jetzt plaudert er auch noch vor all den Leuten meine Identität aus. Da könnte er ja gleich seinem Kontrahenten, dem Sultan, alles haarklein schildern."

Auch General Kaplirˇ blies laut hörbar die Luft aus und wischte sich über den breiten Schädel. Und murmelte in sich hinein: „Halten zu Gnaden, Majestät, bože moj, wenn Ihr nur Eure Allerhöchste Goschen halten würdet."

Zum Glück sprang Leopold, jetzt voll in Fahrt, schon zum nächsten Tagesordnungspunkt: „Und darüber hinaus habt Ihr Uns selbst ein wahrhaft unvergessliches Geschenk bereitet."

Drei Kammerherren erschienen von rechts hinten. Zwei von ihnen schleppten tatsächlich den Elefantenzahn aus Stambul, den Zenz allein aufs Maultier gepackt hatte. Und zitterten dabei wie die sprichwörtlichen Lämmerschweife.

Leopold untersuchte eigenhändig die Struktur dieser „materia sacra". Er selbst hatte sich schon einige Male an der Drechselbank versucht, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Er winkte dem Obersthofkämmerer. Dieser gab dem kaiserlichen Beinstecher Matthias Steinl, der sich im Hintergrund gehalten hatte, einen Wink. Steinl, ein knorriger und vierschrötiger Vierziger, wuchtete den Zahn aus der Hand des Kaisers und klopfte ihn ab.

Er wiegte sein Haupt voll Anerkennung. „Majestät, ein gutes, festes Stück." Er klopfte mit seinen Knöcheln an das Elfenbein. „Ich könnt' mir vorstellen, wenn wir die Basis abschneiden, die als Sockel dienen könnte, möcht' ich aus den ersten zwei Fuß eine Statue von Euch, auf einem steigenden Pferd, schneiden. In Harnisch und Ornat. Einen im Wind fliegenden Mantel. Aus den nächsten eineinhalb Fuß ein Reiterbildnis Eures teuren Sohns, und den Rest verarbeite ich zu einem symbolischen Olifanten, einem Trinkhorn oder einem Tafelaufsatz. Ich muss nur die innere Struktur verfolgen, aber der Klang des Beins ist einwandfrei. Ein schönes Stück, das, wenn Ihr befehlt, für einige Jahre meine Werkstätte beschäftigen wird."

Das erfreute den verspielten Leopold, der von Standbildern, die ihn darstellten, nicht genug bekommen konnte. „Eine gute Idee, mein lieber Steinl. Beginnt mit den Entwürfen. Ich bin sehr darein interessiert. Denkt an das Standbild des Farnese in Piacenza, das wäre so recht nach meinem Gusto. Irgendwie in der Art. Ein wehender Mantel ist sehr gut. Auch für meinen Filius, als Art Pendant."

Er klatschte in kindischer Freude in die Hände. Sein Sohn, der Erzherzog Josef, hatte zwar nicht viel mitbekommen, nur, dass es irgendwie um ihn ging, und klatschte augenblicklich erfreut mit seinen Patschhändchen.

„Lieber Herr Hofchymist, der liebe Präsident Sinzendorf von unserer Hofkammer wird Euch für diesen Prachtzahn dreitausend Gulden anweisen lassen."

Der so Angesprochene, ein gallgelber Fettling, der bisher nicht unweit Ihrer Majestäten vor sich hin gedöst hatte, erbleichte sichtbar. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Aber der Jud' Oppenheimer würde schon in Vorlage treten, überschlug er schnell. „Sehr wohl, Majestät!" Er beugte sich tief. Dieser Audienztag würde wieder Unsummen verschlingen, und wer blieb über? Nur er selbst. Aber der Schahin, der alte Flohbeutel, würde ihm davon schon etwas persönlich abzwacken müssen. Wenn er das Geld bar sehen wollte. Hatte so ein junges, pralles Weib und wollte jetzt auch noch ärarische Gulden einheimsen! Aber nicht ohne den Präsidenten der Hofkammer. Hehe.

„Sehr wohl Majestät!" Nochmals beugte er sich tief. Schahin sah ihm dabei ins treudeutsche Auge: Wir beide wissen, was schicklich ist, du alter Schleimscheißer!

Dann trat der dritte Kammerherr vor.

„Dio mio, jetzt aber kommt ein Moment, wo wir uns alle hinknien wollen, und Ihr, mein teurer Kollonitsch, sprecht ein Gebet."

Die Majestäten erhoben sich und schritten die Thronstufen herab. Mit abgespreiztem kleinem Finger reichte Leopold seiner Eleonore Magdalena fürsorglich die Hand, war sie doch erst vor kurzem von einem weiteren Erzherzog, dem Leopold Josef, entbunden worden, und führte sie aufs Parkett. Der gesamte Hofstaat beugte das Knie. Auch Barbara und Schahin schienen fast zu platzen, als sie die gymnastischen Übungen vollführten. Der dritte Kammerherr trug auf einem roten Kissen die Reliquie der heiligen Anna vor den Kaiser.

Kollonitsch psalmodierte und segnete die gesamte Gemeinde. Alle erhoben sich erleichtert und Ihre Majestäten ließen sich wieder nieder. Auch der kleine Erzherzog hatte die kurze Unterbrechung genützt, um zu seiner Aya zu laufen.

Der Kammerherr enthüllte die mit roter Seide bedeckte Phiole und beugte sich tief vor den Majestäten. ...

  • Aarons Ring © echomedia buchverlag
  • Hans König © Ludwig Schedl

« back

Werbung