Krimis & Thriller

Frau Direktor ist tot © echomedia buchverlag

Ingrid Rencher

Frau Direktor ist tot


304 Seiten, echomedia buchverlag

Deutschprofessorin Isolde Peterka stolpert eines Morgens im Konferenzzimmer ihrer Schule beinahe über ihre Direktorin. Was hat die da auf dem Boden zu suchen? Dass die Direx tot ist, spürt Isolde gleich; aber wieso, wo sie doch so elegant wie immer aussieht? Und wie kommt die Tote ausgerechnet hierher? Diese Frage stellen sich auch die Ermittler, an der Spitze Josef Prager, genannt „der Alte". Er versucht das Opfer zu begreifen und fahndet nach den psychologischen Triebfedern von Täter oder Täterin. Isolde Peterka, wie besessen von dem Fall, in den sie hineingestolpert ist, versucht dagegen, die Vorgänge zu interpretieren wie einen Text, ein Kunstwerk. Prager und Peterka werden Freunde und zu einer Art Team. Sie tasten sich, stolpern, schlingern durch den Fall, bis sie wissen, wie es gewesen sein muss. Ein ganz altmodischer Krimi, in dem alles frei erfunden ist. 

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Leseprobe

Donnerstag

Nach zwei oder drei Schritten registrierte sie die ungewöhnliche Stille und wusste, es war wieder passiert. Es passierte nicht allzu oft. Nur alle paar Jahre. Dass sie sich um eine volle Stunde irrte. Ein einziges Mal war sie um eine Stunde zu spät zu einer Verabredung erschienen. Eine Stunde zu früh vor verschlossenen Türen gestanden oder frierend auf einem Bahnsteig auf und ab gelaufen war sie öfter. In die Schule war sie noch nie eine Stunde zu früh gekommen. Oder eine Stunde zu spät? Es war ja auch nach Unterrichtsbeginn still im Gebäude. Sie schluckte die Panik hinunter und lauschte angestrengt. Den Blick zur großen Uhr im Stiegenhaus heben wollte sie lieber nicht. Nein, es ist eine andere Stille, dachte sie und ließ erleichtert die schwere Tasche von der Schulter gleiten, dann blickte sie endlich auf. Dreizehn Minuten vor acht. Sie war rundum erleichtert und endgültig verwirrt. Einen winzigen Moment später wusste sie, dass etwas noch viel Dümmeres passiert war. Heute war Schulsporttag. Sie hatte es vergessen. Ihr erster Impuls war, umzudrehen und sich ein Frühstück in dem netten Kaffeehaus am Eck zu gönnen. Eine Melange, eine Buttersemmel, vielleicht sogar ein weiches Ei. Das würde den Ärger über die verlorene Stunde zumindest dämpfen.

Andererseits - ihre Tasche war schwer: korrigierte Hefte, Bücher, die sie sich zum Kopieren mitgenommen hatte, die Thermosflasche mit dem Halstee, den sie trank, seit ihr einmal die Stimme weggeblieben und gleich ein paar Tage nicht zurückgekommen war. Und überhaupt war sie ja eine, die immer viel zu viele Dinge mit sich herumschleppte, wie sie sich leise tadelnd und nicht zum ersten Mal wissen ließ. War es nicht klüger, die Tasche hinaufzutragen und dann unbeschwert ihr Frühstück zu genießen? Oder, noch gescheiter, die Zeit gleich zum Kopieren zu nützen? Ohne dass sich jemand ellbogenstark vordrängte oder sie mit Hysterie im Blick anflehte, den Platz zu räumen. Musste ja geradezu ein Vergnügen sein, in Ruhe und mit einigermaßen ausreichendem Platz eine Seite nach der anderen - Wie auch immer, die Tasche sollte jetzt einmal ins Konferenzzimmer. Oder würden sie oben irgendwelche Störungen erwarten? Kaum. Keiner würde da sein. Keiner war so blöd, eine Stunde früher als nötig in die Schule zu kommen. Oder? Die Direx erledigte oft alles mögliche Private vom Direktionsbüro aus, aber die kopierte nicht selbst und ließ einen in solchen Fällen überhaupt in Ruhe, weil sie selbst in Ruhe gelassen werden wollte. „Der Besen" war alles, nur kein Frühmensch. „Die Qualle"? Möglich. Dann würde sie sofort ins Café - das wäre eine Entscheidungshilfe, wenigstens. Ihre Entscheidungsschwäche war legendär, ihr Spitzname „Professor Oder". Oder einfach: „die Oder". Verpasst hatten ihn ihr die ersten Jahrgänge, die sie unterrichtet hatte. Damals, als noch unerfahrene Lehrkraft, war es ja verständlich, dass sie ihre Pläne häufig über den Haufen warf: Heute beschäftigen wir uns mit - oder nein, besser wir setzen da fort, wo wir letztes Mal - oder hatte jemand für heute ein Referat -? Und so weiter und so fort. Inzwischen war sie längst eine äußerst routinierte, meist gut vorbereitete und auch recht beliebte Lehrerin, das wusste sie und das wussten auch die Kollegen und die hohe Direktion, aber der Ruf, unentschlossen und unorganisiert zu sein, war ihr geblieben. Letzteres stimmte überhaupt nicht, was die Arbeit anging. Aber jeder Ruf verpflichtet. Also hatte sie sich, wie sie meinte, charmante kleine Schrullen zugelegt, die ihn rechtfertigten und sie bei der Arbeit nicht behinderten. Offenherzig erzählte sie im Konfer von verlegten Schlüsseln, vergessenen Büchern, verlorenen Geldbörseln und würde wohl auch das vergessene Sportfest erwähnen. Im Unterricht gestattete sie sich ebenfalls kleine, dem Alter der Schüler jeweils angemessene Unsicherheiten und Vagheiten. Den Kindern gegenüber schien es ihr einfach höflicher, ihren Spitznamen unaufwändig zu rechtfertigen, als ständig seine Unangemessenheit zu demonstrieren. Und im Konfer hatte sich ihr Ruf als etwas verhuschte, nicht ganz ernst zu nehmende Person als eine Art Schutzmantel erwiesen, hinter dem sie träumen, ihren eigenen Gedanken nachhängen und ihre eigenen Ansichten für sich behalten konnte. Was zählte dagegen, dass sie in der Hackordnung auf einer eher niedrigen Stufe stand. Sie war nicht ehrgeizig. Sie wollte nichts werden.

Im Konfer schlug ihr der vertraute, tief in Möbeln und Wänden sitzende Mief entgegen, den der Aufenthalt von zu vielen Menschen in einem zu kleinen Raum unweigerlich erzeugt. Dazu kamen heute noch zwei Gerüche. Sie hatte eine feine Nase und erkannte beide sofort. Der eine kam vom Kopierer. Die Tür zum Kopierkammerl stand wieder einmal offen, das Gerät war wieder einmal nicht abgeschaltet worden. Der leichte Ozongeruch ließ sie an Kopfschmerzen denken, etwas, woran sie lieber nicht dachte. Der zweite, schlimmere Geruch war Poison. Oder? Nein, da gab es kein Oder. Poison, ein für ihren Geschmack viel zu schweres Parfum, verwendete die Kollegin Aberle. Isolde kannte es, weil es ihre Freundin Heidi gelegentlich nahm. Zu der passte es, die war dunkel, üppig und sinnlich. Die Aberle war grau, knochig, trocken. Sie benutzte es auch nicht, weil sie meinte, es passe zu ihr. Sie verwendete es in der irrigen Ansicht, es sei stark genug, andere Gerüche zu überdecken. Die anderen Gerüche rührten vom Aberle-Hund her, einem Chihuahua, schon alt, den die Kollegin Aberle ständig mit sich herumschleppte. Unter der Jacke, an ihrer flachen Brust. Alte Hunde, auch winzige, riechen an sich streng. Wenn sie aber ständig halb bis ganz unter einer Jacke versteckt leben müssen, haben sie wohl nicht genügend Möglichkeiten, ihren natürlichen Bedürfnissen nachzukommen. Um den Geruch zu versüßen, nahm die Aberle das Parfum. Die Mischung war unmöglich, unerträglich, aber was sollte man machen? Der Versuch, ihr wenigstens ein anderes Parfum zu schenken, hatte nichts gefruchtet. Sie hatte sich gerührt für die Aufmerksamkeit bedankt und ungerührt weiter Poison verwendet.

Es war selbstverständlich verboten, Hunde mit in die Schule zu bringen, nur, Kollegin Aberle liebte ihren Hund einfach zu abgöttisch - oder konnte sie ihn nirgends anders lassen? -, um sich dem Verbot zu fügen. Dass es überhaupt ging, hatte zwei Gründe, oder eigentlich einen einzigen: Hertha Aberle unterrichtete Physik. Die Physikprofs hatten einen eigenen Raum neben dem Physiksaal, kamen fast nur ins Konferenzzimmer, wenn wirklich Konferenz war. Also belästigte der Aberle-Geruch das übrige Lehrpersonal nur gelegentlich und die Direx und ihre Adlaten bekamen die Hundeliebhaberin nicht allzu oft zu Gesicht. Und Physiklehrer sind rar. Weshalb es nicht wirklich im Interesse der Schule war, die Aberle loszuwerden. Unproblematisch war die Aberle-Angelegenheit trotzdem nicht. Es ging das bösartige Gerücht, die junge Physikprofessorin, die dem Dante vor zweieinhalb Jahren zugeteilt worden und vor einem Jahr gestorben war, sei der Aberle und ihrem Hund zum Opfer gefallen. Jeder wusste natürlich, dass die junge Frau magersüchtig gewesen war, aber ganz abgebrühte Kollegen behaupteten glatt, die Magersucht sei eine natürliche Folge der Geruchsbelästigung gewesen. Kein Gerücht war, dass regelmäßig, obwohl eh schon alle Fenster im Physiksaal offen standen, sogar im Winter, einer überproportional großen Zahl von Schülern in der Physikstunde bei der Aberle schlecht wurde. Was schade war, weil die Aberle keinen schlechten Unterricht machte, wie man hörte.

Isolde ließ die Tasche auf ihren Sessel fallen, der ganz links außen vor der Türe zum Zimmer der Direktorin stand, und tat, was sie immer tat, wenn sie alleine im Konfer war: Sie machte sich daran, alle Fenster aufzureißen. Die Gier nach frischer Luft galt als eine ihrer weniger liebenswerten Schrullen. Es wunderte sie oft, wie lärmempfindlich junge Menschen wurden, wenn es um Straßenlärm ging, der durch geöffnete Fenster drang. „Da versteht man ja sein eigenes Wort nicht! Da kann man sich ja überhaupt nicht konzentrieren, Frau Professor!" Und sie war über alle Probleme, die Kolleginnen und Kollegen mit Zugluft hatten, bestens informiert. In letzter Zeit hatte sie auch öfters etwas von Wallungen zu hören bekommen. Aber jetzt war ja zum Glück keiner da. Sie umrundete die Tische, die zwischen Eingangstüre und Fenstern aneinandergeschoben waren, stieß sich wie fast jedes Mal an der Tischecke und noch während sie sich die Hüfte rieb, sah sie es: Auf dem Boden zwischen Tischen und Wand, etwa in der Mitte des Streifens, der da noch frei war, lag die Direx. ...

... Die Direx lag auf dem Bauch. Den Kopf zur Seite gedreht, die Arme fast anmutig ausgebreitet. Sah nicht ungemütlich aus. Nicht erschreckend. Ohnmächtig? Oder tot? Isolde überlegte nicht lange, stellte sich keine Fragen, sondern tat, was sie tun musste. Sie öffnete die Fenster - um zum mittleren zu gelangen, musste sie über die Direx steigen. Nachdem das letzte geöffnet war, machte sie auch noch die paar Schritte zur Tür des Kopierkammerls und stieß sie mit dem Fuß zu. Dann endlich ging sie zur Direx, beugte sich nieder, berührte flüchtig ihre Wange und richtete sich wieder auf. Zu mehr konnte sie sich nicht überwinden. Die Haut hatte sich kalt angefühlt. ...

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  • Ingrid Rencher © privat

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