Krimis & Thriller

Die erste Geige spielt der Tod © echomedia buchverlag

Reinhardt Badegruber

Die erste Geige spielt der Tod


260 Seiten, echomedia buchverlag

Ein berühmter Geiger stürzt aus dem Fenster. „Selbstmord!", schreibt die Zeitung. Die Wiener Gesellschaft trauert, sie trägt ein Stück ihrer selbst zu Grabe, denn: Musiker seien feinfühlig. In ihren Adern fließe edle Regung. Für Starkolumnist Richard Beerenleitner vom „Großen Blatt" ist das hohles Geschwätz. Er weiß: Virtuosen sind Schläger und Kellerasseln, die Schüler verspotten und Frauen quälen. Ihre Instrumente behandeln sie wie Geldausgabeautomaten. Und: Wer sich Geigern in den Weg stellt, gibt bald keinen Ton mehr von sich.

Aber Beerenleitner ist den dunklen Geschäften der Konzertmeister auf der Spur. Dabei macht er mit Fäusten, dem -brutalen Polizisten Karl, Spitälern, Friedhöfen, Witwen und Gasthäusern -Bekanntschaft. Diese Begegnungen tun weh. Nach einigen Verletzungen kommt Beerenleitner zum Schluss: „Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Musiker menschenlieb sind."

 

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Leseprobe

... Beerenleitner wusste nicht, wie spät es war, als er aufwachte. Aber sein Schädel ruhte auf einer starken Schulter. Die roch nach Leder.

„Servus Richie!", sagte eine vertraute Stimme.

Beerenleitner stieß sich von diesem Körper ab. Er sah Sedlmeier ins Auge. „Wahnsinn!", sagte er.

„Ausgeschlafen?"

„Wo bin ich?"

„Auf einer Beserlpark-Bank in Neubau. Du bist weggekippt."

„Weggekippt?"

„Ja, einfach weggekippt."

„Und was mach ich da, im siebten Bezirk?"

„Eine gute Frage. Das wollten wir eigentlich von dir wissen."

Beerenleitner dachte scharf nach. Wenn er das Gehörte in seine Bestandteile zerhackte, konnte es nur bedeuten, dass er unter Beobachtung stand. „Die" mussten ihm gefolgt sein, denn woher sonst konnten „sie" wissen, dass er „weggekippt" war. Um Zeit zu gewinnen, bat Beerenleitner um eine Zigarette. Sedlmeier klopfte eine Filterlose aus dem Päckchen und klemmte ihm den Stängel zwischen die Lippen.

„Also Richie, warum bist du da?"

„Mich hat der Hund verzaart."

„Wer?"

„Der rote Hund da!" Beerenleitner hielt Sedlmeier den „Herrn Lehmann" entgegen. „Der hat mich hierhergezerrt."

Daraufhin wurde Sedlmeier richtiggehend wild. Vielleicht war er auf Hochdeutsches allergisch und ertrug es nicht, dass man „verzaart" mit „hierhergezerrt" übersetzte.

„Der rote Hund da hat dich also hierherverzaart", wiederholte Sedlmeier. Sein Atem roch nun nach jenen Giftkugeln, die man im Garten vergräbt, damit diese den Maulwürfen die Innereien zersetzten. „So, so, ein roter Hund also. Ein Rotweiler vielleicht? Oder war's gar ein Tiger?" Beim Wort Tiger schnalzte der Sedlmeier dem Beerenleitner den „Herrn Lehmann" auf die rechte und linke Wange. Dass es nur so klatschte. Das schmerzte. „Ein Papiertiger womöglich?"

Der Tschick war Beerenleitner vor Schreck von den Lippen gefallen. Er hatte gar nicht gewusst, dass der schmächtige Sedlmeier so „aufdrehen" konnte.

Jetzt sprang der Sedlmeier von der Bank hoch und baute sich breitbeinig vor Beerenleitner auf.

„Weißt was Burli, mit mir spielst du dich nicht. Die Alkoholiker-Show mit Delirien und Halluzinationen und so kannst du vor den Amateuren im ,Papandreo‘ abziehen. Bei mir nicht. Bei mir ist jetzt nämlich oha!"

Dann beschwor er Beerenleitner nachdrücklich und auf Hoch-deutsch, „im eigenen Interesse" augenblicklich nüchtern werden zu wollen, weil er ein von Haus aus sachlicher Typ sei und Dinge nur einmal, dafür aber unmissverständlich auszudrücken pflege. Bei „unmissverständlich" setzte er sich den Zeigefinger an die Schläfe und machte mit dem Daumen „klick". Dann spuckte er seine Frage aus: „Die Lehmann! Wo hast du sie versteckt?"

Beerenleitner dachte angestrengt nach. Er konnte ja schlecht mit „Wahrscheinlich in der Bank, in New York!" antworten, wo er doch nur die 5th Avenue kannte, und die auch nur aus dem Jerry Cotton. Daher entschied er sich für die nackte Wahrheit: „Wie ich im Buchladen nachgeschlagen habe, war Lehmann gerade in einem Berliner Schwulen-Lokal. Dort hat er den Wirt so kräftig in den Finger gebissen, dass der Knochen krachte."

Dem Sedlmeier reichte es. Er verpasste Beerenleitner einen Faustschlag in den Magen. Beerenleitner japste: „Du hast meine Blase getroffen!" Und schon drehte er Sedlmeier den Rücken zu. Und schon ratschte er den Reißverschluss herunter. Und schon plätscherte er seine Whiskey- und Bierrückstände gegen die Wurzeln des Akazienbaumes. Er pfauchte erleichtert: „Ahhh!"

Als sich Beerenleitner wieder umdrehte, saß der Sedlmeier friedlich auf der Bank. Er gab keinen Laut von sich. Dafür sah sein Gesicht aus wie ein Vogelhäusel: sehr rechteckig, und in der Stirn klaffte ein riesiges Flugloch.

Irgendjemand hatte ihm in den Kopf geschossen.

Beerenleitner formte die rechte Hand zu einem Schild, obwohl ihn gar keine Sonne blendete. Sein Blick pinselte über die Häuserfassaden. Nirgendwo zeigte sich der Schatten eines Schützen. Eigentlich müsste ich in Deckung gehen, wunderte sich Beerenleitner. Jeder normale Mensch würde sich auf den Boden werfen oder zumindest schreien und versuchen davonzurennen. Aber er stand da und schüttelte nur den Kopf. Dieser Eisblock bin nicht ich, wunderte er sich. Die Coolness kommt vom Alkohol in mir.

Dann schaute er dem Sedlmeier nochmals ins Gesicht. Er war ihm diese Sekunden der Rückbesinnung schuldig. Immerhin hatten sie sich einige Male zugeprostet. Schließlich sagte er: „Servus Alter! Schade, dass eine kurze Freundschaft so enden musste!" Er tippte mit zwei Fingern an die Schläfe und griff nach dem Schweinslederranzen des Toten, klippste den Schnapper auf und ließ „Herrn Lehmann" in das Mittelfach der Tasche gleiten. Dann suchte er nach einem Ausweg.

Weil er nicht wusste, in welche Richtung er fliehen sollte, lief Beerenleitner in das Vorhaus einer modrigen Jahrhundertwendemietskaserne. Seine Schritte schlugen ein Echo, als inspiziere das Gewerbeinspektorat ein menschenleeres Hallenbad. Goldene Postkästen hingen an den Wänden. Zig Briefe lagen auf dem Boden. Wahrscheinlich kamen die vom Finanzamt. Am Ende des Korridors leuchtete das Grün eines Hinterhofs. Beerenleitner stemmte sich gegen das Tor. Das quietschte. Aber sonst regte sich nichts. Nicht einmal eine Klospülung rauschte. Beerenleitner wich einer Teppichklopfstange aus, huschte über den Hof und verschwand durch einen Hintereingang der gegenüberliegenden Häuserfront. Er lief vorbei an Fahrrädern und Kinderwagen. Spätestens hier, in diesem Halbdunkel, überlegte er, müssten ihn seine Verfolger eingeholt haben. Beerenleitner drückte sich in eine Bassena-Nische. Er keuchte. Er verharrte. Er horchte. Aber die Verfolger waren wie seine erste Freundin: Er wartete umsonst.

Wenn das so ist, entschied er, stelle ich mich dem Tageslicht. Beerenleitner drückte die Haustür auf, stieg über die Schwelle, schloss die Augen und zählte zehn Schritte ab. Seiner Berechnung nach musste er jetzt in der Gassenmitte stehen. Er wartete mindestens drei Minuten. Aber es knatterte kein Lastauto heran. Nicht einmal ein Fahrrad klingelte. Als er die Augen wieder öffnete, wurde ihm klar: In dieser gottverdammten Hinterhausgegend gab es einfach kein Entkommen. Hier war man, wenn man nicht gerade Sedlmeier hieß, verurteilt zu überleben. Aber die innere Einöde, die ihn alsbald erwartete, würde ihm Kopfschmerzen bereiten, denn spätestens in einer halben Stunde würde er nüchtern geworden sein. ...

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