Krimis & Thriller

Der letzte Engel springt © echomedia buchverlag

Sabina Naber

Der letzte Engel springt


368 Seiten, echomedia buchverlag

In Wien regnet es Geld vom Himmel. Urheber ist die "Wir-AG", die, ganz in Robin-Hood-Manier, die Schwarzgeldkonten von reichen Managern ausräumt und an Betroffene verteilt. Sie wollen es nicht länger hinnehmen, dass Menschen entlassen und zugleich zweistellige Aktiengewinne ausgeschüttet werden. Außerdem sterben in Wien reiche Unternehmer wie die Fliegen. Kommissarin Maria Kouba tappt im Dunkeln, bis einer dieser Morde die Handschrift der "Wir-AG" trägt. Sie löst sich aus ihrem Hormonrausch mit ihrem Partner Phillip Roth und taucht ein in die Welt der Superreichen. Dort stolpert sie über windige Geschäfte von Osteuropa bis Südamerika, über Sexspielchen in gut ausgebauten Villenkellern.

Der letzte Engel springt - und Maria Kouba rennt …

Werbung

Leseprobe

... Das tote Gesicht zog Grimassen. Auch der Bauch war mehr lebendig als tot. Von ihm zog sich auf dem gestampften Lehmboden des Kellerabteils eine Ameisenstraße zu einer fast skelettierten Maus.

Maria musste ein Würgen unterdrücken, erst zum zweiten Mal, seit sie mit Toten zu tun hatte. Auf Fotos hatte sie von Maden befallene Leichen natürlich schon gesehen, doch noch nie in natura. Phillip würgte ebenfalls und verschwand aus dem Kellerabteil. Sie hörte sein Husten, das unbedingt in Kotzen übergehen wollte, während sie dankbar von Josef Sternberg, dem Gerichtsmediziner, ein parfümiertes Tuch entgegennahm.

Josef hockte sich wieder zur Leiche, die offensichtlich aus der Sitzposition von einer Kiste gefallen war. Er deutete auf den Bauch, dann auf den Rücken. Maria musste zwei Schritte tiefer in die verflucht enge Schreckenskammer, um zu sehen, was er meinte. Und sie erkannte eine weitere Wunde. Der Mann war dick. Also musste jemand im Falle einer Stichwaffe zwei Mal zugestochen haben, einmal von vorne und einmal von hinten. Doch die Wunde am Rücken klaffte verdächtig, und sie war an derselben Stelle ...

„Genaueres kann ich natürlich erst am Tisch sagen, doch ich denke ..."

„Ich auch, Josef, ich auch."

Josef nickte. Er winkte Maria zu sich, hob dabei die rechte Hand des Toten. Und bevor es Josef noch aussprach, wusste Maria, dass es ihr an den Kragen ging, wenn sie nicht bald wieder ihr Hirn einschaltete. Elsa hatte recht.

Josef deutete auf den dunklen Fleck am Zeigefinger. „Ich wage zu behaupten, es wird Schreibflüssigkeit sein, so wie bei ..."

„Neumann."

„Und das in Zeiten von Laptops, Palms und multifunktionalen Handys." Phillip hatte offensichtlich wieder seine Sprache gefunden. Er nahm von Josef die Brieftasche des Mannes entgegen, die in der hinteren Hosentasche aufbewahrt gewesen war, und fingerte den Führerschein heraus. „Richard Tauber. Dreiundfünfzig Jahre, aus Wien. Vier Hunderter sind drinnen. Also kein Diebstahl."

Aus einer Seitentasche nahm er Visitenkarten. „Nur der Name, klein drunter ,Immobilien‘ und die Handynummer. War wohl wer Wichtiger. Tauber, Tauber - irgendwoher - na, komm schon, das muss mir doch einfallen!"

Maria sah sich im Abteil um. Es war genauso vergammelt wie der Rest des Kellers, wie das ganze Haus, das im Grunde nur mehr ein Fall für die Abbruchbirne war.

Oberspurensicherer Georg Radinger schlurfte an sie heran. „Wahrscheinlich haben wir diesmal Fußspuren."

Maria sah unwillkürlich auf den Lehmboden, der über und über mit Fußspuren bedeckt war.

Georg schien ihre Skepsis zu bemerken. „Vorher natürlich. Weil der Sandler, der ihn gfundn hat, der is bei der Tür stehen geblieben. Und sonst waren da zwei eindeutige Spuren zum sehen. Gerry entwickelt die Fotos schon, und Abdrücke haben wir auch. Morgen weiß i mehr."

Unvorsichtigerweise ließ Maria das parfümierte Tuch sinken. Da wollte sie nur noch aus dem Keller hinaus.

 

Im verpissten Stiegenhaus entlockten sie dem Sandler ein paar gelallte Bestätigungen dessen, was sie ohnehin schon wussten. Ein Spießrutenlauf war eine Wochenendwanderung im Vergleich zu dem, was Maria und Phillip danach durchmachten.

Die gesamte Presse von Wien schien den Polizeifunk abgehört und nichts Besseres zu tun gehabt zu haben, als zu diesem traurigen Haus in einem sehr traurigen Viertel im fünfzehnten Bezirk zu fahren und sofort von einer entsetzlichen Mordserie zu reden. Sogar Marias großer Bewunderer Herzog, der mittlerweile zum zweitwichtigsten Chronikjournalisten bei der Kronen Zeitung aufgestiegen war, bombardierte sie mit harten Fragen. Sie sah sich nur von weit aufgerissenen Mäulern umgeben. Nein, dazwischen war auch der eine oder andere hämische Blick, denn, wie hatte Gottl gesagt, die Polizei stand momentan in gar keinem guten Licht da.

„Ein Unterstandsloser hat in diesem verlassenen Haus, auf der Suche nach einem Schlafplatz, die Leiche eines Mannes gefunden, dessen Verwesungszustand schon sehr weit fortgeschritten ist. Mehr kann ich Ihnen dazu im Moment nicht sagen. Wir werden Sie aber natürlich so schnell wie möglich informieren. Wie immer. Danke."

Maria schaffte es sogar, unverbindlich in die Kameras zu lächeln. Sie behielt es auch, als das Wie immer höhnisch kommentiert wurde, sogar noch, als die Namen Pöttelsdorfer und Neumann fielen.

Und trotzdem fühlte sie jetzt, im Auto mit Phillip auf dem Weg zu Taubers Büro im achtzehnten Bezirk, keinen Stolz. Denn die Journalisten hatten recht. Die Polizei war am Versagen. Sie war am Versagen. Verdammte Scheiße. Elf Stunden war es erst her, dass sie mit der Welt und sich im Reinen am Fensterbrett gesessen hatte. Jetzt hatte sie aller Wahrscheinlichkeit nach die dritte Leiche einer Serie und die üble Nachrede ihrer Kollegen am Hals.

Maria aktivierte Phillips Minilaptop, den er immer bei sich führte, obwohl er ja wieder den Block zum Mitschreiben verwendete. Aber sein Argument war, dass sie so jederzeit ins Netz einsteigen und recherchieren konnten.

Was Maria nun auch tat. Sie gab Richard Tauber in die Suchmaschine ein. Er war geschieden. Der größte Immobilienbesitzer in Wien. Beim Firmenamen Wimbag klingelte es endlich in Marias Hirn. Taubers Nebengeschäft: Bauherr. Eigentlich Bautycoon. Die Hälfte aller lukrativen Aufträge ging an diese Firma, und das in ganz Österreich. Zu seinem Imperium gehörten auch eine Turbinenfabrikation, eine Firma für Dämmplatten, eine Leiterplattenproduktion und ein Holzhandel. Alles aus einer Hand sozusagen. Außerdem hatte er oft die Kunst gesponsert und eine Periode für die Christlich-Sozialen im Gemeinderat gesessen. Zuletzt war er Bezirkschef bei der Wirtschaftskammer gewesen.

„Der Tauber ist so ein richtiger Wirtschafter."

„Neoliberaler."

„Ja, wahrscheinlich. Als Wirtschaftskämmerer ist er für die absolute Liberalisierung von den Ladenöffnungszeiten eingetreten."

„Und wahrscheinlich auch von den Dienstleistungen."

„Dienstleistungen kann man liberalisieren?"

„GATS. General Agreement on Trade in Services. Auch so eine wahnsinnig tolle Idee von der WTO ..."

„Bitte, Phillip, jetzt keine von deinen Abhandlungen über die Welthandelsorganisation."

„Eh nicht. - Aber so viel ist klar: Es ist ka Schad um ihn."

„Phillip!"

Phillip parkte sich gegenüber von einem futuristischen, sechsstöckigen Haus ein, auf dem alles beherrschend der Schriftzug Wimbag leuchtete. Das war kein Büro, das war ein Headquarter.

Phillip deutete auf den Klotz, über dessen Schönheit man streiten konnte. „Na, ist ja wahr. Schon alleine deswegen hätt er geteert und gefedert gehört."

Maria sah ihn nur an.

Phillip zog die rechte Augenbraue hoch. „Lasst jetzt wieder einmal die Chefin heraushängen?"

„Lasst du dich vielleicht von Ressentiments leiten?"

„Darf man jetzt keine Meinung mehr haben?"

„Schon, wenn man dadurch nicht parteiisch und damit blind wird."

„Das werd ich nie."

„Oh, jetzt lassen wir den Mister Superman raushängen!"

„Warum hackst du denn plötzlich auf mir herum?"

„Ich hacke nicht, ich weise nur hin."

Phillip presste die Lippen aufeinander und sprang aus dem Auto. Doch er ging nicht zu dem Gebäude, sondern kämpfte sich ohne Rücksicht durch eine Gruppe von Menschen die Straße hinauf. Dabei zündete er sich eine Zigarette an.

Maria verdammte den Tag, an dem sie mit ihm ins Bett gegangen war. Sie griff ebenfalls zu ihren Zigaretten, ließ das Päckchen jedoch wieder in ihre Handtasche gleiten. Sie hackte, er hatte recht. Aber warum war er so blöd ausgewichen auf die Frage, ob das stimmte, was Elsa gesagt hatte. Nein, besser so. Das Thema Liebe hatten sie von Anfang an ausgeklammert. Ihre Beziehung war auch ohne diese Sache schon schwierig genug. Und jetzt noch diese beschissene Leiche, als hätten sie mit den beiden ersten eh nicht schon genug Zores.

Maria stieg aus, ließ das Auto offen und pfiff energisch den Pfiff, den sie in ihrer dritten Liebesnacht als ihr Erkennungszeichen festgelegt hatten. Ohne auf die Reaktion zu warten, ging sie zum Wimbag-Gebäude.

Beim Lift holte Phillip sie ein. Er lächelte, das war ein Versöhnungsangebot. Maria beschloss, es anzunehmen. Den persönlichen Wahnsinn mussten sie abends besprechen, und den beruflichen Wahnsinn bekamen sie ohnehin nur in den Griff, wenn sie arbeiteten und arbeiteten. Sie atmete tief durch und starrte auf die geschlossene Lifttür.

 „Sag, ist der Tauber nicht auf der Telefonliste vom Pöttelsdorfer gestanden?"

Maria schnellte zu Phillip herum. „Ja, verdammt, du hast recht. Seine Sekretärin hat Tauber aber unter Klient eingeordnet, wir haben ihn also ganz nach unten gereiht."

„Jetzt hat er sich nach oben gereiht."

Klingelnd öffnete sich die Lifttür. ...

  • Der letzte Engel springt © echomedia buchverlag
  • Sabina Naber © Ludwig Schedl

« back

Werbung