Krimis & Thriller

Valentino & Uz © echomedia buchverlag

Ivo Schneider

Valentino & Uz


208 Seiten, echomedia buchverlag

Valentino ist ein Hund, ein Whippet, ein Geschöpf mit Eleganz und Stil, geboren für die schönen Seiten des Lebens, frei laufend an der Seite nobler Besitzer. Uz, ein kleiner Privatdetektiv im Auftrag gehörnter Ehemänner, war Alkoholiker und kann Hunde nicht ausstehen. Er will nicht gestört werden von Tieren, Menschen, Autos. Sein neues Leben soll möglichst gleichmäßig verlaufen, statistisch unauffällig und ohne Tränen. Tut es aber nicht, denn nach einem amourösen Abenteuer steht plötzlich dieses versnobte Vieh in Uz' Wohnung. Und bald darauf wird der blinde Dr. Klever mit seinem Hund von einem Lastwagen überfahren ...

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Leseprobe

Sommer meines Lebens, Weltstadt Wien

L'amour toujours. Seit zwölf Stunden, 43 Minuten und 21 Sekunden ist die Liebe schwarz. Schwarz wie die glitzernde Nacht, schwarz wie die Tiefe des Ozeans, schwarz wie Schokoladesauce über Vanilleeis, schwarz wie fünfzig Prozent von Carolines kurzen Abendkleidern, aber vor allem so schwarz wie die Locken meines Lieblings Josephine. Eine Liebe, so vollkommen, so rein, so galaktisch, wie sie nie zuvor oder danach ein Hund je erleben, ja erahnen wird können, hat sich entfaltet, ausgebreitet und ihren goldenen Schleier auf uns gelegt. Josephine und Valentino sind ein Paar, aber stimmt das? Nein, ein Paar sind zwei, doch wir sind eins, eins und verschmolzen, untrennbar, für immer und ewig, verbürgt, versiegelt im himmlischen Buch der Liebe.

Ich bin glücklich, so unsagbar glücklich, dass ich sogar bereit wäre, Uz für den Fraß, den er mir seit kurzem vorsetzt, zu entschuldigen. Natürlich nur, wenn sich der Speiseplan ändert. Ich weiß nicht, was über ihn gekommen ist, aber diese Jane-Mansfield-Reinkarnation einer Tierärztin hat ihn offenbar total meschugge gemacht. Seitdem wir dort waren, bekomme ich eine Art Brekkies-Mischung. Bin ich eine verdammte Katze? Ich will Fleisch!! Roh, zart, ohne Beilage, und kein knochentrockenes Gemüsepotpourri aus dehydriertem Kunststoff. Zahnbelag hin oder her, na und, wen kümmert's? Bekommen die Zähne eine leichte Färbung, putzt der Tierarzt das Zeug eben wieder weg. Schluss. Aus. Basta. Deswegen werde ich doch nicht gleich meinen Menüplan über den Haufen werfen.

Na gut, ich will mich nicht aufregen. Ich bin bereit, ihm zu verzeihen. Aus einem Grund: Im Wartezimmer von Jane Mansfield habe ich sie getroffen! Sie, Botticellis schwarze Venus, Trojas hündische Helena, Coco Chanel auf vier Füßen, meine Josephine!

Josephine, Josephine, Josephine. Schon der Klang ihres Namens macht mich, sieht man von den Mahlzeiten einmal ab, zu einem glücklichen Hund. Die Gewissheit aber, dass ich sie sehen, sie riechen, sie spüren konnte, Fell an Fell, Haut an Haut, wird eine Quelle unermesslicher Freude bleiben. Ach Josephine, dieser Name ist für mich zum Synonym für Liebe, Glück, Wohlbefinden geworden. Ein Gedanke an sie, und aus diesen grauslichen Trockenfutterstangen zwischen meinen Zähnen wird ein Kalbslungenbraten. Ich muss mich dabei allerdings schrecklich konzentrieren.

Im Wartezimmer der Tierärztin hat es gefunkt. Was heißt gefunkt, geblitzt hat es, wie in einer Versuchsanstalt für Faraday'sche Käfige. Uz öffnete die Tür, ich trat ein und da saß sie. Ich gestehe, ich habe eine Schwäche für Pudel. Das sind einfach formvollendete Wesen und bei dem Gedanken an diese kleinen Löckchen zittern meine Lenden.

Ich betrete den Raum, will auf einen Sitzplatz springen, drehe mich um und da: zack, bumm - Coco Chanel, Lagerfeld und Kenzo - sitzt sie vor mir. Ich bin verloren. Meine Beine werden weich, meine Nase wird feucht, ich zittere, meine Ohren vibrieren und ich bekomme einen Ständer.

So en passant wie möglich, versuche ich in ihre Nähe zu gelangen, schnuppere an ihr - als wäre das nötig - stelle mich vor. Längst hat sie mich durchschaut, die Stichflamme meiner Begierde gespürt.

Wir umkreisen einander, langsam, vorsichtig, wechseln die Richtung, kreisen, ihre Augen glitzern, funkeln. In wenigen Minuten ist alles gesagt, was es zu sagen gibt. Sie kommt aus einer verarmten Beamtenfamilie, ich gestehe mein blaues Blut. Wie das Schicksal so will, sind unsere beiden Menschen nicht unsere Besitzer. Ihrer ist der Mann, der dem Besitzer - dem verarmten Beamten - Geld geborgt hat, und meiner ist eben Uz. Auch wenn ich ihre Familie nicht kennengelernt habe, bin ich sicher, es müssen aufrechte Leute sein, die unverschuldet in die Armut geschlittert sind. Sofort schlage ich vor zu helfen, erkläre mich bereit, den Standesunterschied zwischen uns zu vergessen.

Ich war kurz davor zu explodieren. Josephine versprühte einen Duft, der mir lauter als alles andere zurief: „Nimm mich, bitte, bitte, nimm mich!"

Aber der Gentleman in mir gewann die Oberhand. Ich wollte mir doch gute dreißig Sekunden Zeit lassen, als mich Uz plötzlich am Halsband packte und in die Ordination der Ärztin zerrte. Ein Wahnsinn, vollkommen unvorstellbar.

Sie hätten sie hören sollen, ihr verzweifeltes Schluchzen, die Trauer, die Sehnsucht auf der anderen Seite der Tür, nur wenige Meter entfernt von mir.

Das Gequatsche zwischen Jane Mansfield und Uz hat mich wirklich nicht interessiert, vielmehr habe ich versucht, durch diverse Geräusche Josephine zu signalisieren, dass unsere Trennung nur vorübergehend ist, sie ihre Erregung keinesfalls aufgeben darf.

Die Zahnhygiene-Geschichte lass ich lieber aus, obwohl Uz für die Spiegelaktion bei mir etwas guthat. Egal. Irgendwann hatte die Ärztin genug und wir durften gehen. Uz öffnete die Tür, ich stürzte mich sofort in die Pfoten meiner Geliebten. Welche Freude, welch unsagbare Freude. Wir bissen, küssten uns spielerisch, rollten durch den Warteraum.

Da war sie wieder, die Erregung, voll aufgerichtet, bereit Glück zu spenden. Josephine beruhigte sich, legte die Ohren an, stellte sich vor mich hin, war bereit zu empfangen. Ich nahm einen tiefen Luftzug, schloss die Augen, besprang sie. Rein, raus, rein, raus, wie die Kolben eines Ozeanriesen auf seiner Fahrt über den Atlantik, dem Blauen Band entgegen, stieß ich meine Lanze in ihre Scheide. Nach einer Minute entlud ich mich so heftig, dass sich mir die Augenbrauen kräuselten. Was Josephine empfand, war eindeutig. Winselnd bat sie mich nur ja weiterzumachen, presste ihre Hinterläufe gegen mich. Ich dachte gar nicht daran stillzuhalten, war entschlossen, diesen Ozean der Liebe noch einmal zu überqueren.

Auf halber Fahrt bekam ich keine Luft mehr und mein Stängel fuhr ins Leere. Was war geschehen: Der Kredithai hatte meine Geliebte an sich gerissen und Uz hielt mich am Halsband fest. Ich war vollkommen perplex, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, dann ging alles sehr schnell. Wahrscheinlich aus Angst, ich könnte dem Kredithai etwas antun, drängte mich Uz weg von dem Mann, zwang mich schlussendlich, das Haus zu verlassen.

Für eine formelle Verabschiedung beziehungsweise einen würdigen Abschluss unserer Kreuzfahrt blieb keine Zeit. Ich konnte ihr nur durch den sich schließenden Türspalt zurufen, dass ich für meine Kinder eine humanistische Ausbildung wünsche. Seitdem sind wir getrennt. Für immer? Ich weiß es nicht.

Einerseits zerreißt mir der Gedanke, sie nie wieder zu sehen, das Herz, andererseits bin ich über meine neue Vaterrolle sehr glücklich. In wenigen Monaten werden einzigartige Welpen das Licht der Welt erblicken. Eine Pudel-Whippet-Mischung: die rassige, emotional aufgeladene Schönheit der Pudel, vereinigt mit der vergeistigten Eleganz eines Whippet. Ich kann mir keine bessere Mischung vorstellen.

Zusätzlich ist das Wissen, Leben gezeugt zu haben, quasi unsterblich zu sein, etwas sehr Feines. Was immer mir zustoßen mag, meine Gene, der Bauplan meiner außergewöhnlichen Persönlichkeit wurde weitergegeben, vervielfältigt und wird ewig erhalten bleiben.

Das und die Erinnerung an die gemeinsame Zeit trösten mich über die rein räumliche Trennung hinweg. Raum und Zeit, was ist das gegen die Unendlichkeit der Liebe? Josephine wird immer einen fixen Platz in meinem Herzen haben. Ein Kämmerchen in diesem Palast der Liebe ist für sie reserviert. Wie viele auch vor ihr waren oder nach ihr kommen werden, vergessen werde ich sie nie: meine Jo. ...

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  • Ivo Schneider © Johannes Zinner

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