Krimis & Thriller

Schlangenwald © echomedia buchverlag

Ilona Mayer-Zach

Schlangenwald


240 Seiten, echomedia buchverlag

Was geschieht, wenn plötzlich das Handy verschwindet und die Internetverbindung abbricht? Noch dazu, wenn man mutterseelenallein im Urwald festsitzt wie Paula Ender.
Die Wienerin, Anfang 30, blond, aber nicht blauäugig, erhält den Auftrag, eine Informationskampagne für eine Ferienanlage in Costa Rica zu schreiben. Der Zeitpunkt scheint ideal zu sein, steckt sie doch wieder einmal in privaten und finanziellen Turbulenzen. Doch was zunächst wie ein bezahlter Luxusurlaub erscheint, entwickelt sich zunehmend zum Kampf ums nackte Überleben. Mit dem Absturz einer Cessna, bei dem acht Umweltaktivisten ums Leben kommen, und dem mysteriösen Tod eines Mannes durch Schlangengift nimmt das Unglück seinen Lauf.

Kritisch und zugleich humorvoll behandelt dieser Kriminalroman unsere Abhängigkeit von Handy, Internet und E-Mail und das Spannungsfeld zwischen Tourismus und Ökologie. Es ist der zweite Paula Ender-Krimi, der im echomedia buchverlag erschienen ist.

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Leseprobe

Costa Rica, Ende August

1. Tamarindo

Er stolperte und fiel, rappelte sich wieder hoch, rannte weiter. Er kämpfte sich durchs dichte Unterholz. Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Eine Dornenranke riss eine tiefe Wunde in seinen Unterarm. Immer wieder rutschte er auf dem glitschigen Boden aus, der mit Schichten braunen Laubes bedeckt war, zwang sich auf den Beinen zu bleiben, weiterzulaufen. Er rang nach Luft. Seitenstechen bohrte sich wie Messer in seinen Körper. Er wusste, dass er seinen Verfolgern kaum entkommen würde. Wie lange mochten sie ihn bereits durch den Urwald hetzen? Niedersetzen, ausruhen, schlafen - seine sehnlichsten Wünsche blieben unerfüllbar. Sie waren ihm dicht auf den
Fersen. Solange er noch den Funken einer Überlebenschance hatte, würde er sie wahrnehmen. Doch wohin sollte er fliehen? Sein Orientierungssinn hatte ihn längst im Stich gelassen. Nichts in diesem Dickicht konnte ihn leiten. Alles sah gleich aus. Die Geräusche waren ihm fremd, bis auf den eigenen Herzschlag, der in seinen Ohren dröhnte. Der feuchte Dunst raubte ihm die Luft zum Atmen. Sein Körper war schweiß-überströmt. 

In unmittelbarer Nähe hörte er Holz brechen. Seine Verfolger waren näher gekommen. Verdammt! Sein Zögern hatte wertvolle Sekunden gekostet.

Ein harter Schlag traf ihn am Kopf. Spiel verloren, war sein letzter Gedanke. Dann wurde es rundherum dunkel.

Er erwachte gefesselt auf einem Tisch. Die nackten, weißen Wände und die kahlen Stahlschränke waren in künstliches Licht getaucht.

José Sánchez Porras war nicht allein im Raum. Die Handlanger seines Todfeindes leisteten ihm Gesellschaft. Er schickte ein Gebet zum Himmel. ...

... „Als Erstes die gute Nachricht: Wir haben es geschafft. Wir haben den Zuschlag für das Projekt. Der Vertrag wird nächste Woche in allen Einzelheiten ausverhandelt. Das, liebe Paula, ist zu einem Großteil dein Verdienst. Dein Honorar wird sofort am Montag überwiesen und ich werde mir erlauben, noch -einen Extrabetrag für deinen kompetenten Auftritt heute Vormittag draufzulegen."

Paula konnte ein Lächeln nicht verbergen. Diesmal hatte es sich ausgezahlt, ihren Ärger vor Santo nicht zu zeigen. Die Präsentation hatte ihr ebenso Freude gemacht wie das exklusive Mittagessen, das sie im „Le Ciel" mit Blick über Wien eingenommen hatte. Mit einem interessanten Gesprächspartner wie Doktor Kandin an ihrer Seite.

„Und was ist die schlechte Nachricht?", fragte Paula, die -bereits wusste, dass noch irgendetwas im Busch war, wenn Santo anfing, überschwänglich Komplimente zu machen.

„Nun, da wäre noch eine Sache."

Santo räusperte sich und lockerte ein wenig seinen Krawattenknopf. Sollte sie ihn darauf aufmerksam machen, dass er das immer tat, wenn ihm etwas unangenehm war, und dass es ihn durchschaubar machte?

„Wenn ich mich recht erinnere, sprichst du doch fließend Spanisch?"

„Ich kann mich verständigen. Von fließendem Spanisch kann keine Rede sein", stellte Paula klar. Was sollte die Frage? Was wollte er denn?

„In Anbetracht dessen, dass du so großen Eindruck auf -unsere Kunden gemacht hast, und im Vertrauen darauf, dass du sicher gern auf Reisen gehst, habe ich ihnen vorgeschlagen, dass du dich höchstpersönlich um die Public-Relations-Kampagne kümmern und in der Anfangsphase vor Ort sein könntest."

„Ist das dein Ernst?" Paula warf ihm einen Blick zu, der ihn, hätte er töten können, das Leben gekostet hätte. Dass er sie vorhin überrumpelt hatte, ließ sie ihm noch durchgehen. Vor allem bei dem großzügigen Stundensatz. Aber einen solchen Vorschlag hinter ihrem Rücken zu machen, empfand sie als unverschämt.

„Paula, bitte entscheide nicht vorschnell. Lass dir Zeit, denk übers Wochenende nach. Mir ist schon klar, dass das alles ein wenig überraschend kommt und auch, dass es etwas dreist von mir war, dich ungefragt vorzuschlagen. Aber du würdest dort wie eine Königin behandelt werden, es würde dir an nichts fehlen. Es wäre gewissermaßen wie bezahlter Urlaub", versuchte Santo Paula die Sache schmackhaft zu machen.

„Wohin soll es diesmal gehen?"

Das letzte Mal, als Santo sie auf Reisen geschickt hatte,
musste sie drei Wochen im Ruhrgebiet verbringen. Den ganzen Tag war sie auf dem Messegelände in Essen unterwegs gewesen und abends, wenn die Kollegen sich in schicken Lokalen trafen, um bis in den Morgen zu feiern, musste sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln die fast einstündige Heimreise durch ein unendlich scheinendes Häusermeer antreten, um das stickige Dachzimmer in einer kleinen Pension zu erreichen, das die Agentur für sie gebucht hatte.

Santo blickte auf seine gepflegten Hände. Dann sah er ihr direkt in die Augen und lächelte sie an.

„Wie ich schon sagte, es wäre der reinste Urlaub."

„Wohin?", insistierte Paula. Wenn er die Ware über den grünen Klee lobte, würde es wohl ganz dick kommen.

„Du fährst - vorausgesetzt natürlich, du nimmst diese einmalige Chance wahr - nach Costa Rica. Na, was sagst du? Ist das nicht großartig?" Seine dunklen Augen blitzten sie an. Er schien tatsächlich von seinem Vorschlag begeistert zu sein.

„Costa Rica?" Welch ein Zufall: gestern noch ein Einspalter in der Zeitung, heute schon ein Reiseziel. Paula versuchte sich die Weltkarte vorzustellen. Costa Rica lag in Mittelamerika. Viel mehr wusste sie nicht über das Land. Sie hatte sich für die Präsentation eingehend mit jenen Tourismuscentern befasst, die als Erste eröffnet werden sollten. Da das Projekt in Costa
Rica, laut ihren Unterlagen, aber erst für das nächste Jahr -geplant war, hatte sie nur die Konzepte für die Standorte in Ungarn, Deutschland und Italien erarbeitet, die schon in einigen Monaten eröffnet werden sollten. Ein oder zwei Wochen in Italien hätte sie sich noch einreden lassen. Aber Mittelamerika? Andererseits, warum nicht?

„Das Projekt in Costa Rica hat sich erfreulicherweise sehr positiv entwickelt. Befürchtete Probleme mit Behörden sind ausgeblieben, und so hat die Gesellschaft kurzerhand beschlossen, dem Projekt in Costa Rica den Vorzug zu geben. Zumal es auch eine der ganz großen Anlagen in einer wunderschönen Landschaft sein wird."

„Wann und wie lange?" Paula wollte sich von seinen Übertreibungen nicht verführen lassen.

„Schätzungsweise in einem Monat, wenn es keine baulichen Verzögerungen gibt, für ungefähr - na ja, für zirka zwei Wochen. Was meinst du?"

Santo sah sie erwartungsvoll an. Paula wusste, dass die Frage rein rhetorisch war. Er hätte es nie verstanden, wenn sie nicht wenigstens über diesen Auftrag nachgedacht hätte. Für Santo gab es nur seine Firma und von jedem, der für ihn arbeitete, erwartete er dasselbe. Es war sicher kein Zufall, dass die meisten Mitarbeiter Singles waren, von Familie und Kindern ganz zu schweigen. Mit Ausnahme von Santo selbst, der das Glück hatte, eine Frau an seiner Seite zu haben, die die Familie managte.

Paula hatte keine Ahnung, ob diese Reise für sie in Frage kam oder nicht. Die Tatsache, dass sie von Santo überrollt wurde, missfiel ihr immer noch. Sie wollte selbst entscheiden, wo es langging. Zwei Wochen Mittelamerika hatten allerdings auch ihren Reiz, vor allem bei ordentlicher Bezahlung. Die Reise bot ihr die Gelegenheit, das Minus auf ihrem Konto in ein kräftiges Plus zu verwandeln und darüber hinaus ein ihr unbekanntes Land auf sehr angenehme Art und Weise kennenzulernen.

„In Ordnung. Ich mache es." Hatte sie das eben laut gesagt?

Santo sah sie überrascht an, dann wanderten seine Mundwinkel hinauf bis zu den Ohrläppchen. Offensichtlich hatte er sich auf eine harte Diskussion mit Paula eingestellt. Es wäre nicht ihre erste gewesen. ...

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  • Ilona Mayer-Zach © Windsor

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