Drache Kokosnuss cbj

Ingo Siegner

Der kleine Drache Kokosnuss bei den Indianern


72 Seiten, cbj

Fressdrache Oskar soll für seinen Vater Büffelfleisch besorgen und bittet den Drachen Kokosnuss und das Stachelschwein Matilda, ihn in den Wilden Westen zu begleiten. In der Prärie stoßen die drei tatsächlich auf eine riesige Büffelherde. Als die riesigen Tiere plötzlich losrennen und alles zertrampeln, was unter ihre Hufe gerät, rettet das Indianer-Mädchen »Wilde Hummel« die drei »Greenhorns« in letzter Sekunde. Aber da taucht schon die nächste Gefahr auf: drei finster dreinblickende Indianer, die alle an den Marterpfahl binden, die Indianerland betreten ... Doch das sind nicht die einzigen Abenteuer, die Kokosnuss und seine Freunde bestehen müssen. 

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Oskar ist wütend

Der Fressdrachenjunge Oskar stapft wütend über den Strand.
»Was machst du denn für ein Gesicht?«, fragt der kleine Drache Kokosnuss.
»Grrrg, mein Vater will, dass ich ihm Büffelfleisch besorge.«
»Wieso das denn?«, fragt Matilda das Stachelschwein.
»Er hat gehört, das soll besonders gut schmecken.
Jetzt muss ich ihm das besorgen. Er meint, ich soll auch einmal etwas Sinnvolles tun.«
»Toll«, sagt Matilda. »Was ist daran denn sinnvoll?«
Kokosnuss überlegt. »Hier auf der Dracheninsel gibt es doch gar keine Büffel.«
»Die leben in der Prärie«, sagt Oskar. »Das ist in Amerika und Eugen soll mich hinbringen. Eugen schulde ihm noch einen Gefallen, sagt mein Vater.«
Matilda rümpft die Nase. »Eugen hat unsere Klasse einmal nach Afrika geflogen. Mannometer, mir ist vielleicht schlecht geworden!«
»Und wie willst du einen Büffel fangen?«, fragt Kokosnuss.
Oskar zuckt mit den Schultern. »Weiß ich noch nicht.«
»Wir kommen mit und helfen dir«, sagt Kokosnuss. Matilda verdreht die Augen. »Das war ja klar.«
»Freunde müssen einander helfen«, sagt der kleine Feuerdrache. »Und außerdem wollte ich schon immer mal in die Prärie.«
Oskars Augen leuchten. Nun muss er nicht alleine auf die Büffeljagd.
Eugen ist ein großer Gründrache. Er ist ein besonders guter Flieger und transportiert Drachen und andere Bewohner der Dracheninsel in alle
Welt. Als die Freunde bei Eugen eintreffen, haben sie für die Reise nach Amerika alles dabei: ein Lasso, Trinkflaschen, etwas zu essen und andere nützliche
Dinge. Kokosnuss trägt seinen Pistolengürtel mit der Holzpistole vom letzten Kostümfest. Matilda hat einen Cowboyhut auf und Oskar lugt unter einem Sombrero1 hervor. Eugen macht große Augen.
»Was habt ihr denn vor?«, fragt der Gründrache.
»Wir müssen zur Büffeljagd in die Prärie«, sagt Kokosnuss.
»Soso, Büffeljagd. Und ich soll euch wohl dorthin fliegen?«
»Genau«, sagt Oskar. »Mein Papa sagt, du schuldest ihm noch einen Gefallen und deshalb würdest du uns fliegen.«
»Einen Gefallen? Was denn für einen Gefallen?«
»Öh, das weiß ich nicht genau, aber mein Papa meinte, wenn du uns nicht fliegst, dann frisst er dich zum Frühstück.«

(1 Ein Sombrero ist ein breitkrempiger Strohhut, der gut vor der Sonne schützt. Er wird zum Beispiel in Mexiko getragen.)

Eugen verzieht das Maul. »Ach, so einen Gefallen meint er. Verstehe. Also, dann springt mal auf!

Büffeljagd!

Eugen fliegt mit seinen Passagieren durch die Nacht und schon am Morgen darauf erreichen sie die Prärie Nordamerikas. Der Gründrache landet auf einer kleinen Erhebung, lässt die drei Freunde absteigen und legt sich unter einen
knorrigen Baum.
»Diesmal ist mir gar nicht schlecht geworden«, sagt Matilda erleichtert.
»Wieso sollte dir schlecht werden?«, fragt Eugen.
»Auf dem Flug nach Afrika hast du gewackelt wie eine Zitterpappel.«
»Quatsch mit Soße«, brummt Eugen.
»Wohl!«
»Kann nicht sein!«
»Wohl!«
»He, Leute«, sagt Kokosnuss, »guckt mal, da hinten, sind das Büffel?«
Bis zum Horizont dehnt sich die riesige Prärie aus. Hier und dort erheben sich mächtige Felsen, die im Rot der Morgensonne leuchten. In einiger Entfernung erkennen die Freunde dunkle Punkte, die sich langsam über die Ebene
bewegen.
»Richtig, das sind Büffel«, sagt Eugen. »Ihr könntet mir übrigens ein wenig Büffelfleisch mitbringen, sozusagen als Entschädigung. Aber nehmt euch vor den Sioux-Indianern in Acht.«
»Hier gibt's Indianer?«, fragt Kokosnuss.
»Aber hallo!« Der Gründrache macht es sich bequem, schließt die Augen und murmelt: »Ich warte hier solange auf euch.«
Die Freunde blicken sich verstohlen um. Doch von Indianern ist keine Spur zu sehen. Sie packen ihre Sachen und brechen auf. Der Weg zu den Büffeln führt durch karges,
steiniges Gelände und grünes Steppenland.
»Ich frage mich, wovon die Indianer leben«, sagt Matilda. »Hier gibt's nichts außer Gras und Steine.«
»Und Büffel«, brummt Oskar.
»Ich fliege ein Stück voraus«, sagt Kokosnuss.
»Vielleicht finde ich ein gutes Versteck.«
Ganz in der Nähe der kleinen Büffelherde entdeckt der Drachenjunge einen Felsen.
Nachdem die Freunde hier ihr Lager aufgeschlagen haben, legen sie sich auf die Lauer und beobachten die grasenden Büffel.
»Die sind ja riesengroß«, staunt Matilda.
»Da gibt's auch kleine«, sagt Oskar und zeigt auf ein Büffeljunges.
»Ist das niedlich! Wie ein kleiner Wuschel sieht der aus!«, sagt Matilda.
»Den möchte ich aber nicht jagen«, sagt Kokosnuss.
»Ich auch nicht«, murmelt Oskar und seufzt.
Matilda zeigt auf einen großen Büffel, der abseits der anderen steht. »Wie wäre es denn mit dem dort?«
Oskar schluckt. »Der sieht ziemlich ungemütlich aus.«
»Dein Vater würde den mit einem Happs verschlingen.«
»Ich bin aber nicht mein Vater.«
»Ich könnte mich von der anderen Seite an pirschen und ihn mit einem Feuerstrahl zu euch treiben«, schlägt Kokosnuss vor.
»Und dann?«, fragt Matilda.
»Öh, dann treibt ihr ihn in die Enge.«
Matilda sieht sich um. »In welche Enge?«
»Ich könnte ihn mit dem Lasso einfangen!«, sagt Oskar.
»Gute Idee!«, rufen Kokosnuss und Matilda.
Der kleine Feuerdrache fliegt in einem weiten Bogen um den Büffel herum und schleicht sich im Schutz der PraÅNriebüsche an. Der riesige Bulle zupft ahnungslos an einem Büschel Gras herum. In diesem Moment springt Kokosnuss aus seinem
Versteck und speit einen mächtigen Feuerstrahl in die Luft. Der Büffel kriegt einen Riesenschreck. Doch statt fortzulaufen, rennt er wut schnaubend auf den kleinen Drachen zu.
»Heee! Nein!«, schreit Kokosnuss. »In die andere Richtung!«
Im Zickzack fliegt er vor dem wild gewordenen Büffel her und speit immerzu Feuer, doch der große Bulle lässt sich nicht abschütteln.
»Achtung! Er kommt!«, ruft Kokosnuss. Oskar steht auf dem Felsen und schwingt das
Lasso. Matilda schaut hinter dem Felsen hervor und murmelt: »Auweia.«
Als Kokosnuss mit einem Feuerschweif vorbeizischt, ist ihm der Büffel dicht auf den Fersen. Oskar wirft die Lassoschlinge - Treffer! Die Schlinge legt sich um den mächtigen Hals des Büffels.
»Ich hab ihn!«, ruft Oskar.
Im selben Moment reißt der Büffel ihn fort.
Als das Tier die Schlinge um seinen Hals bemerkt, bremst es abrupt
ab und wirbelt herum, sodass der arme Oskar in hohem Bogen durch die Luft geschleudert wird. »Lasso loslassen!«, ruft Kokosnuss.
Der kleine Fressdrache lässt los und landet mit seinen Rückenstacheln an einem Kaktus - autsch!
Blitzschnell ist Kokosnuss zur Stelle. »Hast du dir wehgetan?«
»Nö, aber ich stecke fest.«
Da hören sie hinter sich ein wütendes Scharren und Schnauben. Erschrocken dreht Kokosnuss sich um. Nur wenige Schritte entfernt steht der Büffel und starrt sie mit blitzenden Augen an. Jetzt senkt er den mächtigen Kopf, schüttelt das Lasso ab und droht mit seinen spitzen Hörnern.
»K-Kokosnuss«, flüstert Oskar. »D-du hast nicht zufällig eine Idee?«
Ehe Kokosnuss antworten kann, ertönt ein bedrohliches Rasseln. Der Büffel erstarrt. Plötzlich rennt er, wie vom Blitz getroffen, auf und davon.
Auch die beiden Drachenjungen haben sich erschreckt. War das eine Klapperschlange?
Hinter einem Busch lugt Matilda hervor und sagt: »Wozu ein Rasselschwanz doch gut sein kann!« »Matilda!«, ruft Kokosnuss freudestrahlend.
»Guter Trick!«, sagt Oskar. »Äh, aber könntet ihr mich jetzt bitte von dem Kaktus ziehen?« Mit vereinten Kräften befreien Kokosnuss und Matilda den kleinen Fressdrachen aus seiner misslichen Lage.
Danach trotten die drei Freunde zu ihrem Lager zurück. Sie schichten ein paar
Zweige auf, doch als Kokosnuss das trockene Holz mit einem Feuerstrahl entzünden will, kommen nur kleine Rauchwölkchen und winzige Funken aus seinem Maul.
»Auch das noch«, sagt der kleine Drache. »Ich habe bei der Büffeljagd mein ganzes Feuer aufgebraucht. Und das Feuergras2 für den Nachschub habe ich vergessen.«
»Oje«, sagt Matilda. »Die Sonne geht bald unter und in der Prärie kann es nachts ganz schön kalt werden.«
»Und wie kommen wir jetzt an Büffelfleisch heran?«, fragt Oskar.
»Wir könnten die Indianer mal fragen«, sagt Kokosnuss.
»Ich weiß nicht«, entgegnet Matilda. »Ich habe gehört, dass die Sioux sehr gefährlich sind. Die sollen Marterpfähle haben und so was.«
Plötzlich springt Oskar auf und rennt blitzschnell hinter den Felsen.
»Oskar?«, ruft Kokosnuss. Der kleine Fressdrache kommt wieder hervor und
murmelt: »Ich dachte, da war jemand.« Da erschrickt Kokosnuss. Von dem Felsen blickt ein Indianermädchen herab.
(2 Feuerdrachen müssen von Zeit zu Zeit Feuergras fressen, um Feuer
speien zu können. Nur bei ganz kleinen Drachen kehrt die Feuerkraft
nach einer Weile von selbst zurück (siehe »Der kleine Drache Kokosnuss
feiert Weihnachten«)).

Wilde Hummel und Früher Vogel

In ihren Händen hält die kleine Indianerin einen Flitzebogen. Aus ihrem pechschwarzen Haar ragt eine Adlerfeder und über ihrer Schulter hängt eine tote Schlange. Kokosnuss fasst sich ein Herz und fragt: »Hast du die Schlange erlegt?«
»Ja, für Schlangensuppe.« Matilda rümpft die Nase. »Schlangensuppe, igitti!«
»Schlange über Feuer geröstet schmeckt gut«, sagt das Indianermädchen.
Oskar würgt und sagt: »Ich esse kein Fleisch.« Das Gesicht des Indianermädchens verfinstert sich. »Und warum habt ihr dann den Büffel gejagt?« »Mein Papa möchte gerne Büffel essen.« »Die Fremdlinge wissen wohl nicht, dass die Büffeljagd verboten ist.« »Warum denn das?«, fragt Kokosnuss verblüfft.
»Die Bleichgesichter3 haben zu viele Büffel getötet. Die Sioux warten nun, bis die Büffel wieder in großen Herden über die Prärie ziehen.« »Und solange müsst ihr Schlangen essen?«, fragt Matilda.
Ein Lächeln huscht über das Gesicht der kleinen Indianerin.
»In der Prärie gibt es viele Dinge, um den Hunger zu stillen.«
(3 »Bleichgesichter« ist eine Bezeichnung für den weißen Mann. Damit sind Menschen mit heller Hautfarbe gemeint.)
Behände springt sie vom Felsen und beginnt zu graben. Nach kurzer Zeit holt sie aus einem Erdloch eine Handvoll Bohnen. »Die Wiesenmaus hat fleißig gesammelt«, sagt
sie und schüttet das Erdloch sorgsam wieder zu. »Da liegen doch noch viel mehr Bohnen drin!«, protestiert Oskar.
»Kleiner Drache hüte sich davor, alle Bohnen zu nehmen. Ein Teil ist für die Sioux, der andere Teil bleibt für die Maus.«
Die Indianerin klemmt einen Holzstab zwischen ihre Füsse und reibt das Ende eines zweiten Stabes so lange auf dem Holz, bis Rauch entsteht. Sie legt etwas trockenes Gras dazu und


 

 

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