Jugendbuch

Saeculum Loewe

Ursula Poznanski

Saeculum


496 Seiten, Loewe

Fünf Tage im tiefsten Wald, die nächste Ortschaft kilometerweit entfernt, leben wie im Mittelalter – ohne Strom, ohne Handy –, normalerweise wäre das nichts für Bastian. Dass er dennoch mitmacht bei dieser Reise in die Vergangenheit, liegt einzig und allein an Sandra. Als kurz vor der Abfahrt das Geheimnis um den Spielort gelüftet wird, fällt ein erster Schatten auf das Unternehmen: Das abgelegene Waldstück, in dem das Abenteuer stattfindet, soll verflucht sein. Was zunächst niemand ernst nimmt, scheint sich jedoch zu bewahrheiten, denn aus dem harmlosen Live-Rollenspiel wird plötzlich ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit. Liegt tatsächlich ein Fluch auf dem Wald?

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Leseprobe

„Es ist so weit“, wimmerte Doro. „Er holt uns.“ Ihr Gesicht glänzte vor Nässe, das dunkle Haar klebte in tropfenden Strähnen an ihrem Kopf.
Weiter. Eine kleine Steigung hinauf, eine schmale Mulde hinunter. Steinchen stolperte, sie versuchten, ihn festzuhalten, doch sein Gewicht zog Iris, Mona und Bastian zu Boden.
„Kann nicht mehr“, schluchzte Mona. „Ich bleibe hier.“
„Nicht hinlegen, das ist gefährlich!“ Iris’ Stimme klang gepresst und abgehackt. „Bald sind wir da. Nicht mehr weit. Sagt Paul. Komm.“
Ihre Knochen werden brechen und ihre Haut wird sich vom Fleisch lösen. Maden werden ihre Speisen befallen und Schwäche ihre Glieder. Bastian drängte die Erinnerung an die Sätze zurück, weigerte sich, die Parallelen zur Wirklichkeit anzuerkennen, denn das war Unsinn, abergläubischer Schwachsinn. Möglicherweise eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, in die Doro sie mit ihrer dauernden Schwarzmalerei getrieben hatte.
Nässe bis auf die Haut. Jeder Schritt ein Schmatzen, als wolle der Boden sie alle einsaugen, ihre Füße nicht wieder freigeben. Steinchen, der wie ein mit Blei gefüllter Sack zwischen ihnen hing. Blitze und unmittelbar darauf dieses Krachen, das einen wünschen ließ, man hätte die Hände frei, um sich die Ohren zuzuhalten, oder noch besser, ein massives Haus. Trocken, warm, sicher.
Vor Bastians Augen tanzten Punkte. Er konzentrierte sich auf seine Beine, die zusehends taub wurden, seine Hände waren längst nasskalte Klumpen, kaum fähig, etwas halten zu können. Zehn Schritte, okay?, verhandelte er mit sich selbst. Dann hinlegen. Ausruhen. Nichts mehr wissen.
Erschöpfungsanzeichen, meldete sein lästiges, medizinisch geschultes Hirn. Koordination geht flöten, Bewegungen verlangsamen sich, Gleichgültigkeit schwappt heran wie warmes Wasser, auf dem man schwerelos treibt, bevor man ertrinkt.
Er stolperte, landete mit dem Knie auf einem Stein und der Schmerz verschaffte ihm kurz Klarheit: Da vorne war Paul. Trabte immer noch zügig an der Spitze von Arnos Bahre, obwohl seine Handflächen mittlerweile rohes Fleisch sein mussten. Am hinteren Ende Georg. Hielt das Tempo gerade so. Atmete pfeifend.
Ein Blitz, heller noch als seine Vorgänger. Ein Krachen, als bräche die Welt in zwei Teile. Monas Weinen. Lisbeth, die ihren Kopf in ein Tuch gehüllt hatte – sah sie überhaupt noch etwas? Ein Blick aus Iris’ Augen, gleichzeitig verzweifelt und aufmunternd.
„Seht ihr den riesigen Stein dort vorne?“, rief Paul. „Das ist die Höhle. Da müssen wir hin. Wir schaffen es.“
Niemand hatte die Kraft für eine Reaktion.
Nicht mehr weit, sagte sich Bastian und wiederholte die Worte in seinem Kopf. Jedes Wort ein Schritt. Nicht mehr weit. Nicht mehr weit.

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