Jugendbuch

Magischer Kompass (Chili und die Stadtpiraten, Bd. 1, Thomas C. Brezina) Schneiderbuch Verlag / Egmont Verlagsgesellschaft

Chilli und die Stadtpiraten, Thomas C. Brezina

Magischer Kompass


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Leseprobe

Die große Gemeinheit

Am Donnerstag gab es für Chili, ihren kleinen Bruder Pepper und ihre beste Freundin Indigo etwas zu feiern. Sie hatten den ersten Platz beim Schulprojekt belegt. Stolz trugen sie den Preis, einen großen Pokal, nach Hause. Oder besser gesagt zum Haus ihrer Großeltern, bei denen sie in dieser Woche wohnten.

„Wir sind einfach Weltklasse“, meinte Chili zufrieden.
Pepper grinste frech. „Stark, dass wir mit Müll gewonnen haben!“
Indigo nickte. „Obwohl ich mir schon langsam wie eine Müllfrau vorgekommen bin. Ich habe bei uns im Haus alle um Abfall angebettelt. Den Mecker-Nachbarn habe ich erzählt, Mam gibt mir nichts zu essen. Dann können sie wieder über uns meckern.“
Lachend bogen die drei in einen Seitenweg ein. Er war nicht asphaltiert und führte zu einem alten, verlassenen Schrottplatz. Dort rosteten ein paar Autowracks und ein halbes Flugzeug still vor sich hin.

An jedem anderen Tag war der Weg eine Abkürzung. An diesem Donnerstag war er eine Falle. Sie traten gerade durch das Tor im schiefen Zaun, als links und rechts jemand hinter den alten Autos auftauchte. Es waren zwei Jungs, größer als sie. Sie steckten in schwarzen Jeans und schwarzen T-Shirts und hatten schwarze Tücher umgebunden, die den Großteil ihrer Gesichter verdeckten. Der Stämmigere der beiden ließ geräuschvoll ein kurzes Eisenrohr in die Hand klatschen. Der andere, schlaksig und groß, wirbelte eine schwere Kette durch die Luft wie einen Propeller. Sie verstellten Chili, Pepper und Indigo den Weg, sagten aber kein Wort.
„Seid ihr unterwegs zum Kindergeburtstag?“, fragte Chili.

Indigo kniff sie in den Arm. „Wir verschwinden besser. Kommt!“ Sie zog Chili zurück.
Das Tor hinter ihnen wurde laut klappernd zugeschlagen. Das alte Gitter zitterte.
Ein fetter Typ, ebenfalls vermummt, hielt die beiden Gitterhälften mit seinen speckigen Händen zusammen. Er grinste schief. Zwischen seinen schiefen Zähnen klafften dunkle Lücken. Aus dem Cockpit des kaputten Flugzeugs stieg ein weiterer Junge. Er trug eine schwarze Lederjacke und einen schwarzen Hut mit breiter Krempe.
Auch er hatte sich ein Tuch um den Mund gebunden. Der Hut hing ihm tief ins Gesicht, sodass seine Augen nicht zu erkennen waren.
„Verzieht euch in den Sandkasten!“, schimpfte Chili. Ihre Stimme zitterte ein wenig.
„Wir ... wir rennen auseinander. Jeder in eine andere Richtung“, raunte Pepper aus dem Mundwinkel.

„Nein. Wir bleiben zusammen!“, sagte Chili entschieden.
Der Typ mit dem Hut kam mit langsamen Schritten auf sie zu. Seine Stimme verstellte er zu einem näselnden Schnarren. „Stinker sind hier unerwünscht!“
„Dann verdufte doch!“, platzte Chili heraus. Das beeindruckte ihn nicht. „Ihr seid ätzend und einfach nur Müll.“ Pepper ballte die Hände zu Fäusten.
„Her mit dem Mülleimer da!“, verlangte der Vermummte mit dem Hut. Er deutete auf den Pokal.
Chili drückte ihn fest an die Brust.

„HER DA-MIT!“, wiederholte er und betonte jede Silbe einzeln.
„Nein!“, erwiderte Chili, entschlossen, den Pokal zu verteidigen.
„Zum letzten Mal: Lass ihn rüberwachsen, du kleines Stück Dreck!“
Das hätte er nicht sagen sollen. Chili machte zwei Schritte nach vorn, um sich auf ihn zu stürzen. Weiter kam sie nicht.

Ein Kopfnicken des Jungen genügte, und seine beiden Kumpels stürzten sich auf sie.
Pepper boxte auf den Schmächtigen ein, der das überhaupt nicht zu spüren schien. Indigo wich zurück, als der andere drohend das Rohr erhob.
Chili selbst verwandelte sich in eine wilde Raubkatze, bereit, den Pokal mit allen Mitteln zu verteidigen: fauchend, tretend, beißend und spuckend.
Aber gegen zwei Jungs, die eindeutig stärker und wahrscheinlich auch älter waren, war sie machtlos. Der Pokal wurde ihr aus den Händen gerissen, Chili zu Boden gestoßen. Mit einem wütenden Schnaufen landete sie im Staub.
Wut kochte in ihr hoch. Wut auf sich und ihre Machtlosigkeit. Sie hatte das Gefühl zu platzen. Dann ging alles sehr schnell ...

Die Jungs brachten den Pokal zu ihrem Anführer, der ihn am Steinsockel packte und mit aller Kraft auf den Boden schleuderte. Die anderen begannen, mit Kette und Rohr darauf einzuschlagen.
Hilflos mussten Chili, Pepper und Indigo zusehen, wie ihre Trophäe zerstört wurde. Sogar das Stück Marmor mit dem Messingschild, auf das ihre Namen eingraviert waren, zerbröselte. Indigo bekam große, traurige Augen. Pepper schien immer kleiner zu werden. Eine kurze herrische Geste des Anführers, und der Schmächtige zog einen runden Metalldeckel von einer Öffnung im Boden.
Der Gestank nach altem Schmieröl stieg auf.

Der Anführer ließ sich die kläglichen Reste des Pokals reichen und hielt sie über die Öffnung. Stück für Stück versenkte er in der Tiefe.
„Hut!“, kommandierte er und zeigte auf Peppers frechen blauen Hut, den er weit in den Nacken geschoben trug.
Pepper hatte den Kopf eingezogen, die Arme an die Seite gepresst. Er bewegte sich nicht.
Der Schlaksige riss ihm den Hut vom Kopf.
„Nein!“ Pepper wollte den Hut zurückholen, griff aber ins Leere. Mehr wagte er nicht. Er wollte sich zur Wehr setzen, stattdessen schien er zu versteinern.
„Mach du“, erlaubte der Anführer großzügig.
Sein Kumpel verdrehte den Hut, als wollte er ihn auswringen.

Pepper presste die Lippen zusammen. Den Hut hatte er von seinem Taschengeld gekauft.
Mit spitzen Fingern hielt der Junge die zerdrückten Reste über das Loch im Boden. Als Pepper „Nicht!“ rief, ließ er ihn fallen und grinste hämisch.
„Beim nächsten Mal versenken wir euch da drin!“, kündigte der Anführer an. Er rückte seinen eigenen Hut zurecht und schien die Wut und Verzweiflung der drei genüsslich auszukosten. Dann verschwand die Bande.

Chili machte ein paar Schritte, als wollte sie ihnen folgen.
„Bleib da!“ Indigo hielt sie an der Schulter zurück. „Nicht! Hat doch keinen Sinn.“ Chili atmete sehr tief ein und aus. Keuchend und mit hängenden Schultern blieb sie stehen. Sie öffnete den Mund, um den Kerlen etwas nachzurufen. Aber ihr fiel einfach nichts ein.

„Stinkstiefel“, schnaubte Pepper. „Die sollte man anzeigen“, meinte Indigo. Chili schüttelte langsam den Kopf und sagte dann mit Entschlossenheit: „Nein, die brauchen eine Abreibung. Eine eiskalte!“
„Wie denn?“ Pepper kickte einen kleinen Stein weg. Er rollte über den Rand der Öffnung und verschwand in der Tiefe des alten Öltanks.

Die Drohnung

In Chilis Umhängetasche klingelte das Handy. Sie zog es heraus und sah auf die Anzeige. Auf dem Display erschien keine Nummer. Chili drückte die Empfangstaste.
„Wer ist da?“
„Kommt nicht auf die Idee zu petzen! Sonst treffen wir uns bald wieder. Wir mögen auch Hunde. Klar? Am liebsten tot.“ Dann wurde aufgelegt.
„Schnell, nach Hause!“, kommandierte Chili. „Sie wollen Yuuto was tun!“
Chili, Pepper und Indigo rannten über den Schrottplatz zur nächsten großen Straße. Dort befand sich die Bushaltestelle, von der Indigos Bus abfuhr. Als die drei ankamen, bog der Bus schon um die Ecke.
„Mist, ich muss los“, rief Indigo über ihre Schulter. „Ruft mich an, ja?“
Zischend öffneten sich die Bustüren, und Indigo sprang wie eine Gazelle die zwei Stufen hinauf.
Die Geschwister winkten ihr kurz zu, bevor sie weitereilten. Der Schreck steckte ihnen noch im Körper. Peppers Herz raste. Er hatte Angst um seinen Hund.
Bis zum Haus der Großeltern war es ein gutes Stück. Keuchend und schwitzend kamen sie an.
Die weiße Villa der Großeltern lag hinter einem hohen Metallzaun. Der Garten war ein kleiner Park, mit uralten Bäumen und vielen Beeten. Zu fast jeder Jahreszeit blühten dort bunte Blumen, die von einem Gärtner liebevoll gepflegt wurden.
Chili presste den Daumen auf den Klingelknopf aus Messing. Zweimal kurz und einmal lang. Das war ihr Zeichen.
Der Öffner summte, und sie stieß das Tor auf.
In der Auffahrt parkten eine silberne Limousine und ein sportlicher grüner Jaguar.
„Yuuto! Yuuto!“, rief Pepper. Yuuto kam nicht. „Sie haben ihn!“ In Peppers Augen stand Verzweiflung.
Für ihn war Yuuto nicht irgendein Hund. Er hatte ihn vier Wochen nach dem Tod seiner Mutter bekommen. In diesen vier Wochen hatte er kein Wort gesprochen. Erst mit Yuuto an seiner Seite war er langsam wieder zu dem Jungen geworden, der er vorher gewesen war.
Der Kies knirschte unter ihren Schuhsohlen. Im Springbrunnen plätscherte das Wasser, als wäre alles wie immer.
Die Haustür öffnete sich. Elsa Dunstable, die spindeldürre Köchin der Familie, zwinkerte ihnen zu. Sie stieß mit dem Kopf fast an den Türrahmen, so groß war sie.
„Wo ist Yuuto?“, keuchte Pepper.
„Wie wär’s mit: ‚Schönen Tag, beste Elsa von allen. Was hast du uns heute wieder Wunderbares gekocht?’“
„Yuuto!“, wiederholte Pepper. „Wo ist er?“
„Auf deinem Bett, wo sonst? Wenn du nicht da bist, schläft er dort.“
Pepper stürmte an ihr vorbei und die Treppe hinauf. Das ganze Haus war mit Teppich ausgelegt und immer sehr still. Er stieß die Tür zu dem kleinen Eckzimmer am Ende des Flurs auf.
Auf seinem Kopfkissen lag gemütlich eingerollt ein schwarzer Hund mit hellen Pfoten und einer semmelgelben Zeichnung um die Augen. Er hob den Kopf und spitzte die Ohren. Dabei sah er beinahe aus wie ein kleiner Wolf.
Die Laute, die er zur Begrüßung von sich gab, waren kein Bellen oder Winseln, sondern ein jaulender Gesang. Dazu wälzte er sich auf dem Rücken und ließ sich von Pepper den Bauch kraulen. Pepper drückte und herzte ihn. Er war überglücklich, seinen vierbeinigen Freund unversehrt vorzufinden.
Chili war ihm gefolgt. Sie blieb vor dem Bett stehen und grinste. „Wie gut, dass Yuuto so ein Faultier ist.“
„Jetzt darf er nur noch in den Garten, wenn wir bei ihm sind“, entschied Pepper.
Seine Schwester setzte sich auf die Bettkante.
„Solche Mistkerle“, schimpfte sie und boxte in die Matratze. „Wenn ich die in die Finger kriege!“
„Was dann?“ Pepper massierte Yuutos Ohren.
„Hast ja recht“, schnaubte Chili niedergeschlagen. „Die haben uns fertiggemacht. Diese Feiglinge waren aber auch zu viert.“
„Woher haben die deine Handynummer?“, wunderte sich Pepper. Und nach einer Pause: „Weißt du, was ich glaube? Die haben uns abgepasst. Das war kein Zufall!“
„Gut möglich.“
Elsa steckte den Kopf herein. „Eure Großeltern wollen euch sprechen, bevor sie aufbrechen. Danach gibt es Abendessen.“
Die Geschwister nickten und standen auf.
„Was ist los mit euch?“, erkundigte sich die Köchin. Sie zog an ihrer Schürze, die sie über einer schwarzen Jeans trug. Irgendwie schaffte sie es immer, dass die Schürze schief saß.
„Nichts!“, antwortete Chili schnell. Elsa hob eine Augenbraue. Sie glaubte ihr nicht. Um weiteren Fragen zu entgehen, schlüpften Pepper und Chili an ihr vorbei, liefen die Treppe hinunter und hinaus in den Garten. Die Großeltern saßen auf der Terrasse. Beide nippten an kleinen Gläsern.
„Kinder, da seid ihr ja!“ Grandma hob ihre dünnen Arme. Viele goldene Reifen klapperten daran. Chili und Pepper gaben ihr einen Kuss auf die gepuderte Wange. Sie duftete stark nach Parfum. Yuuto, der Pepper gefolgt war, musste mehrmals niesen.
Grandpa zupfte an seinen breiten knallroten Hosenträgern, die die Hose über seinem stattlichen Kugelbauch hielten.
„Ist in der Schule alles in Ordnung?“, erkundigte er sich bellend.
„Wir haben beim Schulprojekt den ersten Preis geholt“, berichtete Chili matt, gar nicht mehr so stolz.
„Gratulation!“, lobte Grandma aufmunternd. „Was war das für ein Projekt?“
„Wir haben eine Woche lang Müll gesammelt und getrennt. In Glas, Alu, Papier, Plastik und alles, was zu Kompost wird. Am Ende ist nur ganz wenig übrig geblieben, aus dem nichts gemacht werden kann.“

Grandma klatschte in die Hände. „Bravo, Bravo.“
„Meine Liebe, wir müssen los“, erinnerte Grandpa und stemmte sich aus dem Stuhl. Er rückte die Krawatte zurecht, während Grandma Staub von seinem dunklen Anzug klopfte.
Zu Chili und Pepper sagte sie: „Wir gehen zu einer Feier bei James Julian, er wohnt gleich um die Ecke, und danach in die Oper.“

„Das ist doch der Vater von Tim Julian“, fragte Pepper seine Schwester. Sie nickte.
„James Julian ist so ein Wohltäter“, schwärmte Grandma. „Er hat dem Stadtpark einen neuen Brunnen gespendet. Die Entwürfe dafür werden heute präsentiert.“

Als ihre Großeltern gegangen waren, platzte Pepper heraus: „Tim Julian ist der Oberangeber.“
„Indigo nennt ihn ‚Mister Knackarsch‘“, fiel Chili ein. „Der hält sich für unwiderstehlich.“
„Die Mädchen kriegen alle die Krise, wenn sie ihn sehen.“ „Nur die gestörten Tussen.“ Pepper lachte auf. Zum ersten Mal seit dem Überfall. Die Geschwister waren stillschweigend übereingekommen, die Sache vorerst für sich zu behalten. Yuuto durfte nichts zustoßen.
Energisch spielte Chili mit der einzelnen roten Haarsträhne, die aus ihrem Blondschopf wuchs. Ihre Mutter hatte gemeint, sie sähe wie eine Chilischote aus. Daher ihr Name. In der Küche wartete Elsa mit dem Abendessen. Im Gehen träumte Chili vor sich hin. Sie wollte wild sein. Unbesiegbar, stark und frei!

Alle sollten wissen, mit ihr war nicht zu spaßen! Denn sie war Chili, die ...!
„He, pass auf!“ Pepper fing sie auf, als sie über eine Falte im Teppich stolperte.

Wer war Mary Bonnie?

„Eure Großmutter hat mir aufgetragen, heute Gemüseeintopf zu kochen, dazu Salat und Apfelkompott als Nachtisch.“
Sogar Yuuto schüttelte sich, dabei bekam er sein Fisch-Hundefutter. Elsa stand neben dem Tisch, an dem die Geschwister Platz genommen hatten. Sie beugte sich vor und stellte Wassergläser vor die beiden. Als sie sich aufrichtete, blieb ihr Kopf im Lampenschirm hängen. Er thronte auf ihren Haaren wie ein Hut.
„Ich muss dieses Ding endlich höher hängen“, sagte sie. „Hast du nichts anderes für uns zu essen?“, bettelte Pepper.

Mit Schwung drehte Elsa den Temperaturregler des Backofens hoch.
„Aber natürlich, was hast du denn gedacht, Pepper?“ „Was gibt’s?“, rief er und rieb sich hungrig die Hände. Elsa tat unschuldig. „Madame Rosemary schimpft immer, wenn ich beim Kochen alles durcheinanderbringe. Diesmal habe ich es genau so gemacht, wie es im Kochbuch steht. Aber aus dem Gemüseeintopf ist von ganz allein eine Pizza geworden.“
„Du bist die Beste, Elsa!“, strahlte Chili.

Die Köchin schob die beiden Pizzen in den Backofen und setzte sich zu den Geschwistern an den Tisch. „So, und jetzt möchte ich erfahren, was mit euch los ist.“
„Ni-Nichts!“, stotterte Pepper.
„Alles schwer unter Kontrolle und im grünen Bereich!“, versicherte Chili. Es klang nicht sehr überzeugend.

„Das kannst du deiner Urstrumpftante erzählen, nicht aber Elsa!“ Die Köchin ließ einen gelben Küchenhandschuh auf die Tischplatte knallen. „Raus mit der Sprache!“
„Aber du sagst nichts zu Grandma und Grandpa!“, verlangte Chili.
„Und du rufst auch nicht die Polizei!“, ergänzte Pepper.
„So schlimm?“ Elsa hob erst die Augenbrauen und dann zwei Finger zum Schwur. „Versprochen, wird auch nicht gebrochen.“
Während die Pizzen langsam knusprig wurden, erfuhr sie vom Schicksal des Pokals und der Drohung der Gang.
„Üble Bande“, stellte sie fest. Sie strich über ihre Handkanten. „Mir sollten die mal begegnen. Die würden sich wundern.“
„Hast du wirklich den schwarzen Gürtel in Karate?“, fragte Pepper bewundernd.
Elsa nickte. „Wenn du willst, zerschlage ich einen Stapel Ziegel mit meiner bloßen Hand. Ohne einen Kratzer abzubekommen.“
„Das würde ich auch gern können!“ Pepper seufzte hörbar. „Wie lange hast du dafür trainiert?“, wollte Chili wissen. „Zwölf Jahre, vielleicht sogar mehr.“ Chili hatte so was schon geahnt. „So viel Zeit haben wir nicht.“ „Ich halte auch nichts davon, diese Jungs zu verprügeln. Auge um Auge, Zahn um Zahn ... das ist einfach nur dumm.“ Pepper warf die Arme in die Luft. „Was würdest du denn
machen?“ „Listig sein wie Mary Bonnie.“ „Hä?“ Chili drehte sich zu ihr. „Mary Bonnie? Wer ist das?“ „Wer WAR das, musst du fragen.“ Elsa stand auf und holte eller aus dem Geschirrschrank. „Sie war die Stadtpiratin.“ „Stadt...piratin?“, wiederholte Pepper ungläubig. „Stell dir eine Frau vor, mit weißer Maske vor dem Gesicht und in Piratenkluft. Sie konnte auftauchen, wie aus dem Nichts, und ebenso geheimnisvoll wieder verschwinden. Sie war aber nicht unterwegs, um zu rauben, sondern um zu helfen. Mit viel List hat sie für Gerechtigkeit gesorgt.“
„Noch nie von ihr gehört“, sagte Chili und stopfte sich das erste Stück Pizza in den Mund.
„Mary Bonnie hat einen meiner Vorfahren vor dem sicheren Tod bewahrt“, raunte Elsa mit bedeutungsvoller Stimme.
„Wann war das?“ Chili und Pepper wurden aufgeregt.
„Vor mehr als 250 Jahren. Seit damals hüten wir Dunstables das Geheimnis von Mary Bonnie und ihrem Bruder Jonathan“, hauchte Elsa.
„Ge... Geheimnis? Was denn für ein Geheimnis?“ Pepper rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum.
Elsa kniff die Augen zusammen. „Wenn ich euch zwei ansehe, muss ich sofort an Mary und Jonathan denken!“
„Was für ein Geheimnis?“, wiederholten Chili und Pepper. „Mehr kann euch nur mein Vater sagen.“ Enttäuscht sank Chili in sich zusammen. „Aber der wohnt
doch gar nicht in der Stadt!“ „Nein. Er lebt in Boxhill, einem Dorf am Meer. Zwei Stun-
den von hier.“ „Aber wieso erzählst DU uns nicht einfach alles?“, bohrte
Pepper weiter. Nach kurzem Überlegen, antwortete Elsa beschwörend:
„Ich darf nicht. Besucht meinen Dad! Sam ist älter als euer Großvater und schon etwas komisch. Aber er kann euch den Grund nennen, wieso immer eine Dunstable“, sie deutete auf sich, „oder ein Dunstable in diesem Haushalt gearbeitet hat. Seit rund 250 Jahren.“
Die Geschwister bestürmten Elsa mit weiteren Fragen, aber sie schüttelte nur den Kopf. „Von mir kommt kein Wort mehr! Vielleicht könnt ihr euren Dad überreden, mit euch ans Meer zu fahren.“
„Kleinigkeit“, raunte Chili Pepper zu.
An diesem Abend konnten sie lange nicht einschlafen. Daran war nicht nur der Schreck auf dem Schrottplatz schuld.
„Boxhill? Gute Idee!“ Jeremy Bloomsbury war begeistert. „Ich soll ohnehin ein paar Bilder vom Meer für eine Zeitschrift machen. Außerdem wären die Klippen ein guter Platz für Modeaufnahmen. Dann könnte ich mir die Gegend genauer ansehen.“
„Das ist doch super!“, pflichtete ihm Chili bei. Sie löcherte ihn mit Fragen über sein letztes Fotoshooting und verhinderte so, selbst gefragt zu werden, wieso Pepper und sie ausgerechnet nach Boxhill wollten.
Es war Samstag.
Jeremy Bloomsbury, der Vater von Chili und Pepper, war nach einer Woche Abwesenheit nun wieder da. Er arbeitete als Fotograf und musste oft verreisen. Seit dem Tod seiner Frau passten dann die Großeltern auf Chili und Pepper auf.

Die Geschwister waren aus der Villa mit dem riesigen Garten in das kleine Häuschen ihres Dads zurückkehrt. Es lag in einer Siedlung, nicht allzu weit von der Stadtmitte entfernt. In der Nähe gab es große Wohnhäuser und einige spiegelnde Wolkenkratzer.
Am Sonntag gleich nach dem Frühstück ging es los. Chili trug ihre Tasche zum Auto. Es war ein alter Sportwagen mit enger Rückbank, den ihr Vater gekauft hatte, als er achtzehn Jahre alt gewesen war. Das Auto klapperte und rostete vor sich hin.

Der gekieste Vorplatz des Hauses wurde von beiden Seiten durch hohe Buchsbaumhecken begrenzt. Mr Bloomsburys Leidenschaft war es, diese zu kunstvollen Figuren zurechtzustutzen. So schlich auf der einen Seite ein grüner Tiger und auf der anderen schwenkte ein Buchsbaum-Elefant den Rüssel.

Pünktlich um neun Uhr setzte Mrs Rogers, Indigos Mutter, ihre Tochter bei den Bloomsburys ab.
Dann ging es auf der Autobahn nach Süden. Pepper saß vorne. Indigo und Chili hatten sich auf die winzige Rückbank gequetscht. Yuuto thronte auf den Knien seines Herrchens.
Chili flüsterte Indigo ins Ohr: „Sam erwartet uns auf einer kleinen Felseninsel. Wir müssen hinsegeln.“ Sie zeigte ihr einen Zettel, auf den Elsa die Felsen gezeichnet hatte und die Position der Insel.
„Gut, dass du einen Segelkurs gemacht hast“, erinnerte sich Indigo.
„Bin der geborene Kapitän!“, grinste ihre Freundin.

Der Sturm

In Boxhill angekommen, deutete Mr Bloomsbury zum Himmel. Dunkle Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, und ein frischer Wind war aufgezogen.
„Aus dem Baden wird nichts“, meinte er bedauernd.

„Wir könnten segeln gehen. Pepper, Indigo und ich!“ Chili sagte es auf diese entwaffnende Art, der ihr Vater nie widerstehen konnte. Er war mit seinen Gedanken auch schon bei der Motivsuche für die Fotos.
Mr Bloomsbury setzte die Kinder am kleinen Fischerhafen ab. An der Mole, die wie ein langer Finger ins Meer ragte, konnte man kleine Segelboote mieten.
Ringo hieß das Schiffchen, das die drei von einem muffigen Mann im gestreiften T-Shirt zugeteilt bekamen.
„Bleib mit dem Boot immer nahe der Küste. Segle nicht zu den Felseninseln!“, schärfte Mr Bloomsbury seiner Tochter ein.
„Klar, Dad!“, antwortete Chili. „In spätestens zwei Stunden seid ihr wieder hier am Pier!“ „Aye, Aye, Käpt‘n!“ Chili salutierte vor ihrem Vater. „Verstanden, Sir!“ Pepper schlug die Fersen zusammen
und salutierte ebenfalls. Indigo zwinkerte. „Großes Meerjungfrauen-Ehrenwort.“ Chili umarmte ihren Vater und drückte ihn ganz fest. „Bester Daddy der Welt, bis später!“ Sie küsste ihn auf die stoppelige Wange. Er hatte sich mal wieder nicht rasiert. Dann ging sie mit Pepper und Indigo an Bord.

Mr Bloomsbury blieb noch eine Weile am Pier stehen. Das Boot mit dem rot-blauen Segel nahm langsam Fahrt auf.

Erst kreuzten sie nahe den Klippen. Ihr Ziel lag aber weiter draußen. Chili hatte sich Elsas Zeichnung genau eingeprägt und nahm Kurs auf die Inseln.
Unterwegs frischte der Wind auf. Chili fing eine kräftige Brise geschickt mit ihrem Segel ein. Sie jubelte vor Freude, als das Boot an Geschwindigkeit gewann. Wie ein Pfeil flog es über die Wellen.
Chili fühlte sich frei und wild. Weder sie noch Pepper oder Indigo beachteten die Schaumkronen, die sich bildeten. Der Wind ließ ihre Augen tränen, und sie übersahen die dunklen Gewitterwolken, die wie graue Monster über die Klippen gekrochen kamen.

Bald waren die Häuser von Boxhill hinter ihnen nur noch kleine Punkte. Dafür rückten die schroffen Kanten der Felseninseln immer näher. Auf einer sollten sie Sam treffen.Pepper kraulte Yuuto, der zwischen seinen Knien saß. Ganz geheuer war dem Hund die rasante Fahrt nicht. Dem ersten Blitz folgte sofort ein Donnerschlag, so dröhnend, als wollte jemand die Erde zertrümmern. Yuuto sprang vor Schreck fast über Bord. Pepper konnte ihn gerade noch festhalten. Chilis Übermut war schlagartig vorbei. Indigo lächelte nicht mehr. Sie starrten zu der tiefen, bleiernen Wolkenwand, die über sie hinwegzog. Von Sekunde zu Sekunde wurde der Wind schärfer und kälter. Schnell holte Chili das Segel ein. Die Sturmböen rissen und zerrten an dem Stoff.

„Kurs auf die Felsen!“, brüllte Chili ihrem Bruder zu und zeigte nach vorn.
Yuuto kauerte bei seinem Herrchen und jaulte in den höchsten Tönen.
Pepper hielt ihn mit einer Hand fest, mit der anderen umklammerte er das Ruder und versuchte, das Boot auf Kurs zu halten. Tapfer kämpfte er gegen die Strömung. Immer mehr Wasser schwappte an Bord. Yuuto reckte die Nase in die Höhe und knurrte ängstlich. Pepper zog ihn schützend zwischen die Knie.

Endlich hatte Chili das ganze Segel unten. Indigo hielt schon eine Leine bereit. Mit vereinten Kräften schlangen sie das Seil um den Stoff und zogen es fest. Der nächste Blitz war noch heller. Die zerklüfteten Felsen vor ihnen leuchteten gespenstig auf. Diesmal rumpelte der Donner, als hätte jemand Kanonenkugeln auf ein Blech geworfen.
Der Bug des Segelboots schwankte auf und nieder. Mit den Händen versuchte Chili, das Wasser aus dem Boot zu schaufeln. Schon überrollte sie die nächste Welle und dann noch eine, höher als die vorherige. Sie würden sinken. Bald wäre das Boot so voll mit Wasser, dass sie untergehen mussten. Chili schöpfte so schnell sie konnte, aber das Wasser im Boot stieg immer weiter.
„Eine Bucht ... dort!“ Indigo stand aufrecht, den Mast mit den Armen umklammernd. Sie deutete zu einer hellen Stelle in einer Bucht der kleinen Insel. Es sah wie ein Sandstrand aus.
„Da rein, wir müssen da hinein!“, brüllte Chili nach hinten und deutete zu den Felsen, die die Zufahrt wie steinerne Wächter begrenzten.
Pepper hängte sich ans Steuerruder. Doch die Wellen schleuderten das Boot herum wie ein Gummitier.

„Eine Leine, ich schwimme zum Ufer!“, schrie Indigo.
Chili tastete im eiskalten Wasser nach einem Seil. Es musste hier irgendwo liegen. Indigo hockte bereits auf dem Bootsrand. Endlich bekam Chili das Tau zu fassen. Sie zog es hoch und reichte es ihrer Freundin, die es sich um den Bauch knotete. In Shorts und T-Shirt sprang sie über Bord und verschwand in den dunklen Wellen.

Chili suchte die schäumende Oberfläche des Meeres mit den Augen ab. Im Stillen zählte sie. Wenn Indigo bei zehn nicht wieder aufgetaucht war, musste sie ihr nach.
... acht ... neun ... Ein großes Stück vom Boot entfernt, sah sie einen Arm winken. Indigo musste bis dorthin getaucht sein. Sie hatte tatsächlich etwas von einer Meerjungfrau.
Ein Ruck ging durch das Seil, als Indigo daran zog. Dünne Blitze überzogen den Himmel wie ein Spinnennetz. Das Licht ließ Indigos Kopf glänzen, als wäre er ein riesiger Diamant. Sie kämpfte sich durch das tosende Meer bis zum Strand. Dort kroch sie auf allen vieren an Land, richtete sich auf, schlang die Leine um einen großen Stein und begann zu ziehen. Mit einem Mal prasselte aus den Gewitterwolken Regen, als hätte jemand alle Schleusentore gleichzeitig geöffnet. Die Tropfen bildeten eine kalte weiße Wand, die ihnen die Sicht nahm. Zum Glück hatten sie das Seil, an dem Indigo noch immer zog. Himmel und Meer schienen sich vereinen zu wollen. Das Wasser war jetzt überall. Es drang in ihre Augen und Nasen.

„Ahoi, Ahoi!“, hörten sie Indigo durch den Sturm rufen. „Ahoi!“, rief Chili zurück. „Wir sind schon ganz nah.“
Ein Ruck erschütterte das Boot. Pepper schrie auf, weil er dachte, sie wären gegen einen Felsen gelaufen.
Yuuto quiekte erschrocken.
„Alle raus! Wir ziehen es höher, damit es nicht abtreibt“, hörte er Indigo.
Er konnte aufatmen. Der Kiel des Segelbootes war auf Sand gefahren. Sie hatten den Strand erreicht.
Pepper sprang in das knietiefe Wasser, den strampelnden Yuuto an sich gepresst. Nachdem er ihn am Ufer abgesetzt hatte, watete er zum Boot zurück und half den Mädchen. Gemeinsam schoben sie es so lange, bis es fest im Sand steckte. Indigo vertäute es außerdem an einem großen Stein.
„Eine Höhle! Das sieht wie eine Höhle aus!“, prustete Chili durch den Regen. Die Augen auf den Felseingang geheftet, stapfte Chili los. Sie winkte nach hinten. „Mitkommen ...!“

Ihnen war alles recht, um dem Unwetter zu entfliehen. So dicht, dass sie gegeneinander stießen und fast stürzten, drängten sie zur Höhle. Yuuto lief mit hängenden Ohren neben ihnen.
Prüfend tastete Chili über den nassen Fels.

„Hier hinein!“ Sie stieß ihren Bruder und Indigo zu der schmalen Öffnung. Sie mussten sich bücken. Indigo wand sich wie eine Schlange. Chili kroch auf allen vieren. Yuuto drängte sich gleichzeitig mit Pepper hinein. In der Höhle erwartete die vier eine geradezu gespenstische Stille. Der Lärm des Unwetters war wie abgeschnitten. Sie waren im Trockenen.

  • Magischer Kompass (Chili und die Stadtpiraten, Bd. 1, Thomas C. Brezina) Schneiderbuch Verlag / Egmont Verlagsgesellschaft
  • Thomas C. Brezina Manfred Baumann

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