Kapitel 5

Nachricht von Monja:

 Hi Andreas, irgendwie funktioniert das hier nicht … wollte dir zurückschreiben, aber es geht nicht. Deshalb meld ich mich erst jetzt. Danke für dein Kompliment und zur Abwechslung einmal eine „normale“ Message. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier für Blödsinn verschickt wird.
Nächste Woche bin ich auf Mallorca. Ballermann 6 – das wird cool! Ich freu mich schon sehr darauf. Danach könnten wir mal chatten, wenn du Lust hast.
Ciao, Irene

Gut, das gibt mir Zeit, meine weitere Vorgehensweise zu überlegen. Langsam muss ich planen wie Napoleon. Zuerst eine nette Antwort an Monja schreiben, dann für nächste Woche ein Treffen mit Andrea arrangieren und dazwischen ein paar Mails bearbeiten. Wenn das so weitergeht, wird es ein Remake von „Boeing Boeing“ mit Tony Curtis – oder ich werde irgendwann meine Identität ändern müssen.

Hallo Irene, dann wünsch ich dir einen schönen Urlaub. Mallorca kenn ich nicht, ist aber sicher schön.
Könnte es sein, dass du erst danach so richtig Erholung brauchst?
Wir lesen/hören uns.
Liebe Grüße, Andreas

Jetzt kann ich mich auf Andrea konzentrieren. Die Reaktion auf
unser Telefonat kommt am nächsten Abend.

Na, fürs Erste haben wir das gut hinbekommen, oder was meinst du? Was sagst, wir haben den ersten großen Schritt gewagt. Es freut mich, nun auch deine Stimme zu kennen (übrigens, ne nette Stimme). Nun bekommt Andreas immer mehr „Gesicht & Formen" und ich könnt mir gut vorstellen, dass, wenn wir uns mal „eintelefoniert" haben (so wie wir uns ja auch „eingeschrieben" haben) die Gefahr besteht, auch so lange zu telefonieren, wie wir schreiben, und das wäre insofern gefährlich, weil wir uns die hohen Telefonrechnungen mit unserem Teilzeitgehalt nicht mehr leisten könnten :-) Spätestens das wäre dann aber der Zeitpunkt für den wirklich ganz großen Schritt ... nämlich das TREFFEN !!!
Jedenfalls freuts mich, dass wir die Kommunikations-
optionen erweitert und somit neue Wege erschlossen haben ... na, das klingt ja fast wie ein Werbeslogan ... 

 Da ich ebenfalls nicht zum Sponsor meines Handyanbieters werden will, überlege ich mir einen Treffpunkt zwischen Hietzing und Döbling. Vielleicht die Villa Aurora am Wilhelminenberg?

Hallo Andrea, ja, find ich auch. Ist eigentlich recht entspannt abgelaufen, oder? Ich muss sagen, eine interessante Stimme, obwohl ich sie mir ganz anders vorgestellt hab. Beim Nachdenken, wo wir uns das erste Mal treffen könnten, ist mir die Villa Aurora am Wilhelminenberg eingefallen. Oder das Salettl, was allerdings Heimvorteil für mich bedeuten würde. Wohne gleich in der Nähe. Oder ein Segafredo, z. B. in Hütteldorf. Vielleicht hast du eine bessere Idee … Ich werde jetzt erst mal Schluss machen und deine Vorschläge abwarten. Dann können wir ja abstimmen.
Damit wünsch ich dir noch einen schönen Abend, schlaf gut und liebe Grüße, Andreas

Schon bald kommt die Antwort, dass Andrea damit einverstanden ist und sogar dieselbe Idee hatte … lauter Übereinstimmungen! Langsam wird es gefährlich. Wir verabreden uns für Montag Abend, 20 Uhr, in der Villa Aurora.
Mein erstes Date, nicht ganz blind, aber irgendwie doch. Da es das erste Mal ist, macht mich dieser Umstand etwas nervös. Jetzt gibt es aber kein Zurück mehr. Noch drei Tage bis Montag. Zeit genug, sich zu überlegen: Was ziehe ich an? Was bring ich mit? Worüber werden wir uns den ganzen Abend unterhalten? Es muss schrecklich sein, dazusitzen und sich verlegen anzuschweigen. Ich darf gar nicht daran denken! Langsam wird mir die Tragweite meiner Initiative bewusst. Was passiert, wenn Andrea eine völlig andere ist als auf dem Foto? Vielleicht ein Mann? Oder mich gleich vernaschen will? Dann werd ich mich wohl nicht wehren … ausgenommen bei körperlicher Unattraktivität! In diesem Fall würde sich endlich mein Selbstverteidigungstraining auszahlen. Deeskalation – und wenn das nicht hilft: offene Hand, Knie, Hammerfaust. Lobo, der Rächer sexuell benutzter Männer!
Oder ich schwöre ewige Treue. Wie man weiß, wenn die Sache erst abgesichert ist, schwindet die Lust wie ein Schneemann in der Frühlingssonne.
Den Tiefschutz nicht vergessen! Vielleicht hat Andrea ebenfalls Selbstverteidigung belegt. Dann stell ich es mir lässig vor, wenn ich noch immer lächelnd dastehe, nachdem sie mir zwischen die Beine getreten hat, und mit einem freundlichen „Tschüss, Baby, du siehst mich nie mehr wieder!“ die Arena verlasse. Natürlich im Rückwärtsgang, die Hände zur Abwehr vor Kopf und Oberkörper, wie im Kurs gelernt. Den Feind nie aus den Augen lassen! Meine Fantasie schlägt Kapriolen. Vielleicht wird es ja einfach nur nett.
Es kann aber sicher nicht schaden, für alle Fälle gerüstet zu sein. Das Handy bleibt eingeschaltet, um sofort Mutter anzurufen, falls etwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Diese Vorstellung beruhigt. Was täten richtige Männer, Lobos wie ich, ohne ihre Mutter? Entschuldigung! Stimmt, bin ja kein richtiger … Hätt‘ ich jetzt fast vergessen. Ich hab den Verdacht, dass ich sehr nervös bin. Und das schon jetzt, drei Tage vorher. Wie wird das erst am Montag werden? Cool bleiben. Ich bin Lobo, ich bin Lobo, ich bin Lobo …

Trulli57 schreibt:

 … entschuldige, aber deine fotos haben mich grad so beeindruckt … ich muß dich a bissi anbraten … gggg. sooooo siaß …lächel.
liebe grüsse susi

 Ich bin also ein „siaßer Bua“. Ganz neuer Aspekt, der mir noch nicht aufgefallen ist. Wollte immer lässig sein und hab anscheinend mein Lebensziel verfehlt. Es gibt Schlimmeres!

Danke, Trulli. Nach einem Blick in ihr Profil weiß ich wieder einmal, wem ich nicht antworten will. 55 Jahre, mit beiden Beinen im Leben stehend (wieder mal …) und kein Foto: Das macht mir
die Entscheidung nicht schwer.
Der Umstand, dass Trulli keine Mailadresse mitgeschickt hat, befreit mich von der Verantwortung. Ein kleines „Dankeschön“ wär sonst schon drin gewesen …

 

Darwin‘sche Evolutionstheorie in etwas abgewandelter Form. So funktioniert anscheinend auch das virtuelle Flirtleben. Nur der oder die Stärkste, Attraktivste, Interessanteste überlebt den Aussortierungsprozess, um sich dann zu paaren. Bin schon gespannt, wann das wieder mal passiert. Es ist zum Verrücktwerden! Die Frauen, die in diesem Zusammenhang interessant wären, besuchen mein Profil nicht oder antworten nicht … völlig überfordert vom Ansturm der Interessentengemeinschaft, wie ich mir einrede. (Meine persönliche Einschätzung, um Depressionen vorzubeugen.) Die Erkenntnis, ebenfalls Teil der Evolution zu sein, trifft mich hart.

 Es ist Sonntag. Einmal Schlafen bis zum ersten Treffen, angespannt wie ein kleiner Bub vor Weihnachten. Auf einer Harleyrunde durch das Waldviertel fantasiere ich mich durch den morgigen Abend. Vielleicht erkennen wir uns nicht mal und laufen aneinander vorbei?
Ich darf nicht vergessen, noch eine CD zu besorgen, die ich mitbringen will. „Moondance" von Van Morrison. Dass ich bezahle, darauf werde ich mich wohl auch einstellen müssen. Bei meinem zur Zeit spärlichen Verdienst kostet mich das Überwindung. Jetzt kann ich aber nicht mehr zurück.
Ich hoffe, Andrea ist ein bescheidenes Mädchen. Sonst muss ich die Harley versetzen ... Niemals!
CD besorgt (sogar im Angebot), ein paar Stunden gearbeitet, und seit fünf Uhr nachmittags überlege ich, wie ich auftreten soll: klassisch in Jeans und Hemd oder doch lässiger in oliver Cargohose und engem T-Shirt. Große Auswahl hab ich nicht, trotzdem bekomme ich eine Ahnung, wie sich Frauen jeden Tag fühlen müssen. Welches Outfit, welche Frisur, welches Makeup? Der totale Stress!
Ich bin einmal in fünf Jahren (in nächster Zeit vielleicht öfter?) in dieser Situation - und das, ohne mich schminken zu müssen. Stopp, stimmt nicht ganz! Das letzte Mal war vor etwa zwei Jahren. Anlässlich eines Viktor-Gernot-Konzerts in Purkersdorf. Sehr bedeutender Anlass, zumindest für Daniella, die mit den Musikern mehr oder weniger befreundet war. Treffpunkt vor meinem Haus. Ich erschien leger in brauner Cordhose, T-Shirt - und wurde umgehend zum Umziehen heimgeschickt. Schnürlsamt unpassend! Um Eskalation zu vermeiden, fügte ich mich, wechselte auf Jeans in klassischem Dunkelblau, wenig ausgewaschen, konnte mir aber den Spaß nicht verkneifen, dazu das alte Steirerjopperl meines Großvaters zu kombinieren. In Verbindung mit Cowboystiefeln. Wieder beim Auto, erlebte ich, was Blicke bewirken können ... also erneut umziehen, um des Friedens willen. Ich habe mich letztlich in mein Schicksal ergeben und zu Hemd und Sakko gegriffen. Die Stiefel blieben als letzter Rest meiner Persönlichkeit und vielleicht schon als Vorahnung auf mein späteres Lobodasein. Lonesome Cowboy, yeah! Diese Ausstattung wurde akzeptiert und wir verbrachten einen „unvergesslichen" Abend bei einem „unvergesslichen" Konzert ...Welche Art von Musik war das noch gleich? Für die Verabredung mit Andrea gehe ich auf Nummer sicher und entscheide mich für eine Mischung aus klassisch und lässig.

 Typisches Herbstwetter, kühl und feucht. Das Richtige für einen gemütlichen Abend in der Villa Aurora. Auf dem Weg dorthin, genauer gesagt: in der Wilhelminenstraße, einen Kilometer vor dem Ziel, sehe ich eine üppig gebaute Frau auf dem rechten Gehsteig die Straße hinaufwandern. Andrea? Nach derartigem Volumen hat sie auf den Fotos nicht ausgesehen. Mir wird heiß und kalt zugleich. Das kann nicht sein, sie kommt sicher mit dem Auto (falls sie eines hat?). Waren die Fotos doch älter oder ein Fake?
Am Ziel eingeparkt, spähe ich erst mal vorsichtig in alle Rückspiegel. Nichts zu sehen von der blonden Unbekannten, die es hoffentlich auch bleiben wird. Aufatmend verbringe ich noch fünf Minuten im Auto, stecke dann die CD ein und verlasse den schützenden Blechkäfig.
Freie Wildbahn … niemand hilft mir jetzt. Noch ein verstohlener Blick die Straße hinunter, bevor ich mich in Richtung Lokal bewege. Nichts zu sehen – Glück gehabt!
Plötzlich biegt ein alter, weißer Golf um die Ecke. Hinter dem Steuer ein Gesicht, das ich von Fotos kenne. Puls 170! Ich drehe um und gehe dem Wagen nach, der sich knapp hinter meinem einparkt. Andrea in natura und echt. Jeans, schwarze Lederjacke, Stiefel. Wieder eine Übereinstimmung. Wir begrüßen uns, sichtlich erleichtert, mit Bussis auf die Wangen.
Der Abend wird entspannt und nett wie schon lange nicht mehr. Andrea freut sich über mein Mitbringsel, ich bekomme eine „Selbstgebrannte“ von Sting, ihrem großen Favoriten. Musik ist ein wichtiges Thema und ein guter Anknüpfungspunkt – gemeinsame Konzertbesuche, vielleicht ergibt sich mal was …? Wir unterhalten uns über Flirtbörsen und amüsieren uns über die dort anwesende Klientel, als würden wir nicht dazugehören. Wie das so ist mit der persönlichen Sicht der Dinge! Die obligate Frage, seit wann man Single ist und warum, darf natürlich nicht fehlen, und jeder erzählt einen Teil seiner Geschichte. Wobei ich hier einiges zu bieten habe mit meinem Roadtrip durch Amerika, auf den ich vielleicht später noch zurückkommen werde.
Die Rolle des Unterhalters beginnt mir zu gefallen. Mein Trick dabei: Ich lasse auch mein Gegenüber zu Wort kommen und zeige mich interessiert. Nicht neu, wirkt aber immer! Diesmal bin ich allerdings voll bei der Sache. Andrea ist eine attraktive Frau, der ich sofort die Frage stelle, die ich später ebenfalls oft zu hören bekommen werde: „Wieso bist du auf einer Flirtseite?“ Was wie ein Kompliment klingen soll, geht meist als Schuss nach hinten los. Unangenehm berührt, muss man sich eine Antwort einfallen lassen, die das locker-souveräne Verhältnis zum Medium betont. Etwas wie: Zum Spaß halt … als Zeitvertreib … aus Neugier ... und ein bisschen sucht man auch, man schaut sich eben um … Lieber doch beim Thema Musik bleiben! Wir sitzen bis nach Mitternacht, essen eine Kleinigkeit, trinken wenig Wein und viel Wasser und beschließen, einander wieder zu treffen. Am besten bei einem Konzert oder in Schönbrunn (meine Idee … Schwesterherz hat mir vor kurzer Zeit eine Jahreskarte für den Tiergarten geschenkt). Ich bezahle, wir gehen zum Auto und verabschieden uns, als würden wir einander schon ewig kennen, artig mit Wangenkuss. Faszinierend, welche Vertrautheit in so kurzer Zeit entstehen kann. Obwohl man doch erst mal das Bild revidieren muss, das man sich aufgrund vieler Mails von einer Person gemacht hat. „Weniger schreiben, früher treffen“ wäre die Lösung. Mit Andrea ist es gut gegangen. Ihre sympathische, unkomplizierte Art (jedenfalls bis jetzt … ich darf nicht vergessen, dass sie auch eine Frau ist), verbunden mit einem attraktiven Äußeren – guter Figur, interessantem Gesicht (also wohlgeformten Argumenten, die jeden Mann überzeugen) – lässt ein angenehmes Gefühl in der Magengegend aufkommen. Die Sting-CD im Auto hörend, fahre ich heim. Ruhiger Schlaf und schöne Träume sind gesichert, wenn auch immer noch die Vergangenheit in meinem Hinterkopf herumspukt. Ich werde sie austreiben wie einen bösen Geist. Lobo, der Exorzist! Heute hat die erste Sitzung stattgefunden ... mit großem Erfolg. Yes, I‘m on my way! Auch meine sprachliche Ausdrucksweise ist kosmopolitischer geworden, seit ich mich im Internet herumtreibe. Ungewohnt für einen traditionsbewussten Döblinger, aber COOL!

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