Kapitel 3

Mittlerweile auf vier verschiedenen Flirtseiten registriert und mit Skypemöglichkeit, um nicht vom jeweiligen Plattformchat abhängig zu sein, stecke ich schon bis zum Hals im Kommunikationssumpf ... und genieße ihn wie ein Moorbad. Alle Seiten gleichzeitig geöffnet, klicke ich mich von einer zur nächsten, um zu sehen, was es Neues gibt. Eine virtuelle Welt mit realen Teilnehmern. Die moderne Art, einander kennenzulernen. Und es funktioniert verdammt einfach.

... Hi, hallo, ... wie gehts? ... Lust zu chatten? ... nettes Profil, meld dich mal ...

Die originelleren Varianten:

... Ich hab 3 Kinder, jetzt fehlt mir noch ein Mann ...

... Magst oder kannst mir nicht schreiben? :-) ...

... Ok bin sehr beschäftigt Person ok, so können sie mir E-mail ok und ich werde Sie auch E-mail ok so das ist meine E-mail-addrss ok ...

... und die unwiderstehlichen:

... Ich bin beeindruckt von dir. Ich habe mich in deine Bilder verliebt. Du bist ein ganzer Mann ...

... Wow, sprachlos. Sorry, aber noch nie ist mir ein Bild dermaßen in die Knochen gefahren, wie das zweite in deinem Album ...

Es gibt Massenmails aus dem Osten ...

... Hallo. Mir hat Ihr Profil sehr stark gefallen. Ich wollte den Verkehr mit Ihnen beginnen. Ich suche fast eben das Jahr ohne Partner des Satellites des Lebens. Wenn ich ein wenig obwohl Ihnen gefallen habe wollen wir kennenlernen. Mich rufen Tatyana. Mir 27 Jahre. Da meinen personlich email: kristinajova@278gmail.com. Wenn Sie mir ich antworten werden werde ich etwas seiner Fotografien schicken. Ich hoffe mich sehr stark, dass Sie auf meinen Brief antworten werden. Ich warte auf die Antwort.
Ihre Kristina!!!!

 ... und aus dem Westen:

  ... Hi, sah dein Profil auf und wird, um anzuzeigen, wie meine Interesse an mehr wissen Über you. Iʼm schöne, liebevoll und eröffnet gesinnten Dame. Ehrlichkeit ist meine Uhr Wort und der Suche nach einer schweren Beziehung ist mein Ziel. I wird es begrüßen, wenn Sie erlauben this. Please fühlen frei, fragen mich alle Frage, die Sie erreichen mich über (dorcasnewton@yahoo.com)
Dorcas

... für die man selbst ein Übersetzungsprogramm brauchen
würde. Verschickt an alle männlichen User, in der Hoffnung, dass einer, aus welchen Notstandsgründen auch immer, darauf antwortet.

 In den letzten Tagen hat sich ein erster interessanter Kontakt ergeben. Soulbird hat mir zugezwinkert. Ich hab mich artig bedankt und um mehr gebeten. Was nun möglich ist, da ich mit meinen Prinzipien gebrochen und für einen Monat abonniert habe. Kurze Zeit später kommt die erste längere Meldung von Soulbird. Die Spannung eines Kernkraftwerks liegt über mir und meinem Laptop. Ich genieße es und will die Nachricht gar nicht öffnen. Wieder ein gutes Gefühl im Magen. Seit der Rückkehr aus Amerika sind die Tage wie Hochschaubahn-Fahren. Abhängig vom Wetter (daheim halte ich es momentan nicht aus), von meinem Beschäftigungsgrad und von sozialer Ansprache – denn es ist gar nicht so einfach, wieder Kontakte zu knüpfen, nachdem man sich jahrelang auf eine Person konzentriert hat. Auf dem Weg zu einem Ambros-Konzert in Purkersdorf hab ich irgendwann zu Daniella gesagt: „Jemand wie mich findest du nie mehr wieder.“ Ihre Antwort war: „Jaja“, und ich kurz im Irrglauben, sie hätte mich richtig verstanden. Wenigstens einmal … Was ich meinte: Jemanden zu finden, 44 Jahre alt, keine Kinder, nie verheiratet, keine monatlichen Alimente, keine Altlasten, keine wöchentliche Sitzung beim Psychotherapeuten, kommt heutzutage fast einem Lottosechser gleich. Nur eine Exfreundin, die auf Grund beidseitiger Hundeverliebtheit zu einer Freundin meiner Mutter wurde, immer wieder im familiären Umfeld auftauchte und zu einem der großen schwarzen Löcher für 20 E-Mail meine Beziehung zu Daniella wurde. Krankhafte, grundlose Eifersucht – aber nicht nur auf meine Ex, sondern auf alles, was blond war. Wo ich überall hingeschaut haben soll … nicht mal in zwei Leben wäre sich das ausgegangen.

Vorsichtig öffne ich die Nachricht von Soulbird:

Hallo, … willst ein bisschen mehr über mich erfahren… hm, ich tu mir mit diesen ersten „Vorstellungsmails“ ehrlich gesagt a bissl schwer, weil ich mag diese „steckbriefartigen Bewerbungsschreiben“ nicht besonders :-) Falls du weißt, was ich meine? Aber wahrscheinlich hatte ich bisher einfach nur „ungeglückte E-Mails“ und bin daher ein wenig kritisch :-)) Naja, jedenfalls werde ich nicht mit den Sätzen „Ich arbeite als … mein Job macht mir viel Spaß … und meine Freizeit verbringe ich am liebsten … anfangen.“ Diesen Stil mag ich nicht besonders … ich mag eher das Spontane, das Außergewöhnliche, viel Humor genauso wie Tiefgang! Ich mag Menschen und philosophiere gerne mit ihnen übers Leben UND ich liebe Musik – ist gaaanz wichtig in meinem Leben!!! :-) So, ich denk fürs Erste reichts mal, oder? Was sagst du dazu? Hoffe, ich konnte einen kleinen Eindruck von meiner „Besonderheit“ vermitteln :-))
Schönen Abend,
Soulbird

 Ein zweites Mal, ein drittes Mal lesen ... mit jedem Durchgang steigt die Begeisterung. Das klingt wirklich nett. Guter Stil und keine Rechtschreibfehler, soweit ich das erkennen kann. Lässt auf Intelligenz schließen. Mein Interesse wird immer größer und ich mache einen weiteren Blick in das Profil. 41 Jahre, 160 cm und 50 kg. Die Eckdaten stimmen. Obwohl schwer auf die Figur zu schließen ist, da die beiden Fotos am Brustansatz enden ... von oben gesehen. Ein hübsches Gesicht und mittelblonde lange Haare. Hoffentlich aktuelle Bilder! Kann die Erste schon die Richtige sein? Jedenfalls werde ich mir eine gute Antwort einfallen lassen. Musik ist immer ein idealer Anknüpfungspunkt. Vielleicht über den Job schreiben, damit sie keine Angst haben muss, sich einen „Pflegefall" einzuhandeln, oder darüber, wie gelassen unverkrampft man die Sache hier sieht. „Wir sind eh alle glücklich, ABER ..."

 Liebe Soulbird,
Ich sitze gerade im Wienerwald, höre Van Morrison und überlege, was ich dir schreiben könnte. Deine Nachricht ist ja eine richtige Herausforderung. Sicher die ungewöhnlichste, die ich bisher bekommen habe. (Waren noch nicht viele ... bin noch nicht lang dabei.) Ungewöhnlich, aber auch aussagekräftiger als jeder noch so lange Lebenslauf. Ich lese gern zwischen den Zeilen oder versuche es zumindest, und was ich da gelesen habe, weckt mein Interesse nach mehr.
Ganz besonders dein Bezug zur Musik hat mich aufhorchen lassen. Könnte es sein, dass du beruflich damit zu tun hast? Spiele übrigens selbst Gitarre oder versuche es seit 30 Jahren, und beim Dazusingen treffe ich auch hin und wieder die richtige Tonart. Bin aber kein Musiker - leider. Auf das bin ich mittlerweile draufgekommen Hiiilfeee ... merke gerade, dass alles klingt, als würde ich dir nach dem Mund reden bzw. schreiben wollen. Ist aber nicht so. Das ist meine erste Antwort hier, bei der mir mehr einfällt, als ich schreibe. Denk mir aber, zu viel ist auch nicht gut.
Bin schon gespannt, ob eine Reaktion kommt ...
Liebe Grüße, Andreas

 Geschrieben und abgeschickt. Ich begebe mich wieder in die Warteschleife und nutze die Zeit, mich um weitere Ansuchen zu kümmern. Zwinkerer, Flashs, Anstupser und Schnuffelgrüße (die eine ganz besondere Interpretation der Kontaktanbahnung zulassen). Dürfte aber sehr beliebt sein, auf diese Art Verbindung aufzunehmen. Kommen herein, als wären sie im Sonderangebot. Ärgerlich für jemand, der darauf nicht antworten kann. Denn es ist wieder mal wie im wirklichen Leben. Die Richtigen, sprich: die Interessanten, stehen auf der falschen Seite und die Falschen auf der richtigen. Wobei die richtige Seite die ist, die ich finanziell unterstütze. Wirklich ärgerlich! Naja, soll nichts Schlimmeres passieren. Ganz im Gegenteil. Es ist sehr angenehm, wieder interessant zu sein. Allerdings sinkt meine Euphorie schnell, je mehr Profile meiner Interessentinnen ich betrachte. Von Tanzmausi61, der ich nur bei Nacht und ausgefallener Straßenbeleuchtung begegnen möchte, bis zu xxxfelicitasxxx, die ihre körperlichen Vorzüge (massenhaft vorhanden), verpackt und eingespannt in Nylon und Spitze, von allen Seiten präsentiert. So viel wollte ich gar nicht sehen ... Auf einem Foto lässt sie schmutzige Fußsohlen erkennen. Ein schwerer Fehler des Fotografen. Das erinnert mich an meine Jugend, als ich im väterlichen Installateurbetrieb ein paar Ferienwochen verbracht habe, um mein Taschengeld aufzubessern. Auf dem Weg zu einem Auftrag hat einer der Arbeiter, nachdem eine kurvige Rothaarige in engen Jeans und hohen Holzpantoffeln mit Zehenfreiheit (ich kann mich noch genau erinnern) vorbeigeschwebt war, gemeint: „Hea zua, Bua! Wenn ane dreckiche Zechen hot, hots a a dreckiche Fut." (Hör zu, Bub! Wenn eine schmutzige Zehen hat, hat sie auch eine schmutzige ...) „Fut?" ... kommt das von Futter? Hat sie ihre Zähne nicht geputzt? Nach kurzem Überlegen konnte ich mir vorstellen, was gemeint war. Als unbedarftem, naivem Dreizehnjährigen (ist immerhin 30 Jahre her, das waren noch andere Zeiten) hat sich mir dieser Satz als erste „Formel fürs Leben" unvergesslich eingebrannt. Ab diesem Moment hab ich die Person, die mir diese Weisheit vermittelt hat, ganz anders, nach meinem Ferienjob aber nie wieder gesehen. Ich kann jetzt nicht sagen, ob der Grund mein absichtliches Distanzhalten zum Betrieb meines Vaters oder eine Kündigung jenes Menschenkenners und Volksphilosophen wegen dessen zu intensiven Alkoholkonsums war.
Mein erster Guru ... und mein letzter.

 

 FLASHBACK! Diese Rolle spielt anscheinend jeder irgendwann.
Als Daniellas Guru genoss ich volle Zustimmung und Bewunderung. Sogar offiziell anerkannt von ihrem damaligen Noch-Ehemann. Ein unheimlich verlockendes Dasein, an das man sich schnell gewöhnen kann, wäre da nicht die Gewissheit, dass alles ein Ablaufdatum hat. Früher oder später mutiert man zum Besserwisser und bald darauf zum lästigen Anhängsel. Eine undankbare Aufgabe, bei der man nur verlieren kann. Ich werde sie nie wieder übernehmen und lieber jemand finden, der das nicht nötig hat. Und genau darum hab ich mich wieder mal auf meiner Lieblings-Flirtseite eingeloggt. Zwei Schnuffelgrüße und drei Nachrichten. Gute Ausbeute.

 … Hi. Möchte Dir ganz einfach ein paar Zeilen hinterlassen. Mal sehen, vielleicht raffst du dich ja dazu auf, mir zu antworten, auch wenn du so gut wie nichts über mich weißt. Werde das Geheimnis dann aber schon lüften, keine Angst. Schreib mir doch auf: ssluv@gmx.at!
Freu mich drauf …

 ... hallo du,
kraxelst du immer noch im andaggio herum ???
lg opalit

... hallo,
wenn du willst, dann können wir uns bekanntschaft machen ... kannst du mit einer ungarin kennenlernen ... meine e-mail adresse: salami.ani@freemail.hu
lg salami

 Die Schnuffelgrüße werden dankbar zur Kenntnis genommen, aber ignoriert. Ob ich Ssluvs Geheimnis lüften will, werde ich erst nach Betrachten ihres Profils wissen. Aufgemacht und … da steht ja gar nichts drin? Alter: 42, Größe: 0 cm. Sonst nichts ausgefüllt und kein Foto. Ssluv wird ein ewiges Geheimnis bleiben, eine Aufgabe für den Papierkorb. Ins Menü und Klick auf „Löschen“. Bester Datenmüll, der rückstandsfrei vernichtet wird. 25 Im Andaggio herumkraxeln? Ist das ein Lokal oder ein Klettergarten? Ich schau mir Opalits Fotos an und kann niemand Bekannten darauf erkennen. Andaggio? War das nicht der alte Name des A-Danceclub im Milleniumtower? Nach Rückfrage im Freundeskreis bekomme ich die Bestätigung. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, je dort gewesen zu sein. Hab ich einen Doppelgänger? Schwerer Schlag, nachdem man, so wie jeder heutzutage, glaubt, einzigartig und unverwechselbar zu sein. Ein Zeitalter der Individualisten, in dem Individualität käuflich ist. Gehöre ich auch dazu? Mein Trost ist die Vorstellung, dass es sich bei dem Kerl um eine billige Kopie handelt und Opalit eine Sehschwäche hat. Mit 44 kann das schon vorkommen. Ich bin aber neugierig geworden, besuche die Website des A-Danceclub und gehe auf „Eventfotos“. Vielleicht finde ich mich hier? Interessantes Publikum! Sehr gemischt … weder von mir noch von meinem Zwilling ist etwas zu sehen. Jetzt weiß ich ganz sicher, hier niemals gewesen zu sein. Hilfe! Obwohl: Es gibt eine „35+ Singlenight“! Soll ich Opalit in ihrer Nachricht bestätigen und vorbeischauen? Ich beschließe, diese Option für schlechte Zeiten aufzusparen … ist nicht ganz meine Zielgruppe. Und die Gelegenheit, eine Ungarin kennenzulernen? Sollen recht feurig und temperamentvoll sein. Meine Erfahrung beschränkt sich auf Daniella, eine weniger feurige als Feuer spuckende Favoritnerin, verirrt nach Währing und losgelassen 26 auf einen wehrlosen Döblinger. Deshalb gehe ich jetzt in Selbstverteidigung. Ich werde hier keine genauere Beschreibung von salami abgeben, sage nur: „Gut gewählter Nickname!“ Sie erspart mir die Entscheidung, für gepfefferten Paprikasex möglicherweise ungarische Familienfeste am Plattensee in Kauf nehmen und ein Wochenendpendler-Dasein führen zu müssen. Sonntage im Krawa sind sicher geruhsamer, auch wenn vor lauter Badegästen kein Stück grüne Wiese mehr zu sehen ist. Meine Eitelkeit bedankt sich für die Zuschriften (ausgenommen jene mit dem Andaggio-Doppelgänger, diese Niederlage muss ich erst verdauen) und meine Vernunft beschließt, nicht zu antworten. Stattdessen warte ich auf Post von Soulbird. Ein Zwei-Tages-Rhythmus hat sich eingependelt. Jeden zweiten Tag kommt Nachricht, am Tag darauf schreibe ich zurück. Wo wird das hinführen? Immer längere Mails und die Befürchtung, dass dieses System auf Grund von Zeitknappheit und Ideennotstand bald zusammenbricht. Ich sitze im Wienerwald, im Krawa oder daheim vor dem Laptop, schreibe und fühle mich wie ein Schriftsteller. Ein neues, gutes Gefühl.

 Hallo Andreas im Wienerwald :-) Zuerst mal danke für die netten Blumen und das „zwischen den Zeilen lesen“ … gefällt mir :-). Ich muss dir auch ein Kompliment zurückgeben, deine Antwort entspricht auch in keinster Weise diesen schrecklichen „Selbstbeweihräucherungs-Mails“ die ich bisher so bekommen hab! Und zu Deiner Beruhigung, ich empfinde es überhaupt nicht als würdest du mir nach dem Mund schreiben, sondern merke nur, dass du auch einen besonderen Bezug zu Musik hast und das find ich sehr erfreulich und kann nur unterstreichen, dass Musik jede Situation zu etwas Besonderem macht!!! Sag, und was hörst bzw. spielst du sonst noch außer Van Morrison (natürlich auch ein Klassiker) … muss sagen, bin in Bezug auf Musikrichtungen sehr offen und höre die unterschiedlichsten Sachen, allerdings was ich wirklich schrecklich finde und womit ich absolut nix anfangen kann sind Schlager & österreichische Volksmusik! Wie siehst du das? … und bitte nicht hier die erste Enttäuschung :-)) So, ok, aber jetzt genug … aufpassen, ich wechsle das Thema :-) Also Andreas, was machst Du tagsüber – „freiberuflich im Sportbereich“? Zum Thema Sport muss ich leider gestehen (und da werd ich jetzt wahrscheinlich keine Pluspunkte bei dir sammeln), dass ich da eher die „Gemütliche“ bin … Na was sagst, wie hab ich die Kurve gekriegt? Soll ich jetzt auch noch aufs Berufliche eingehen oder wirds scho wieder zu lang das Mail ? Obwohl, über meinen Job gibts eh nicht viel zu berichten, arbeite bei einer amerikanischen Bank und manage den Managing Director, na wie klingt das? :-) Ja, is zwar nicht mein Traumjob, aber da ich das „nur“ in Teilzeit mache und einen der liebsten Chef der ganzen Wirtschaftswelt habe, ist das ganz ok für mich! Überhaupt, die Teilzeitbeschäftigung ist für mich sooo wertvoll und hat echte Lebensqualität. Ich bin eine der wenigen, wenn überhaupt nicht die Einzige auf diesem 28 E-Mail Planeten, die behaupten kann: Ich habe wirklich viel Zeit für mich … is das nicht Luxus??? So lieber Andreas aus dem Wienerwald, wünsch dir noch nen schönen Samstag und freu mich wieder von dir zu lesen! lg, Andrea

 Liebe Andrea, Ich habe innerlich lächeln müssen, als ich deinen Namen gelesen habe … Eines muss ich allerdings vorweg gestehen, damit die erste Enttäuschung nicht allzu groß wird: Bin schwerer Hansi-Hinterseer-Fan (!! Jetzt, bitte, nicht gleich abdrehen oder gar löschen !!) bzw. war es vor ungefähr 30 Jahren, als er noch Skirennen gefahren ist. In Wahrheit kann mir alles, was irgendwie nach Musikantenstadl riecht, gestohlen bleiben. Musik muss etwas Echtes, Unverwechselbares haben. Wenn ich das heraushören kann, ist mir egal, welche Stilrichtung. Vom Wienerlied bis zum Punkrock. Kennst du z. B. Roland Neuwirth & die Extremschrammeln? Ich war in den letzten Jahren auf einigen Konzerten und es war jedes Mal ein Erlebnis. Eine Mischung aus Wienerlied, Blues, Jazz, dargeboten von einem typischen Wiener und echtem Musiker. Einfach unverwechselbar. Meine Lieblingslieder: „Heimat“ und „Aber du bist mei Kittlfaltn“. Höre ich übrigens gerade am iPod. (Ein fantastisches Teil, momentan 2000 Titel gespeichert und immer parat!) Das hätte ich mir vor 20 Jahren gewünscht, als jeder mit Walkman und Kassette herumgelaufen ist. War aber eine tolle Zeit. Die ersten Clubbings sind entstanden. Mein einziger, wirklicher und natürlich bester Freund (von dem ich dir vielleicht noch erzählen werde) und ich, wir haben uns im U4 beim „Schweineclub“ oder im Volksgarten in der „Soul Seduction“ herumgetrieben und die neueste Musik gehört. 29 Möglicherweise weckt das auch bei dir Erinnerungen. Besonders genial im Volksgarten: Im großen Teil die neuesten Scheiben aus London und in der „Banane“, dem Teil, den man zum Garten hin aufmachen kann, Soul, guter alter Motown-Soul: Aretha Franklin, Sam and Dave, Otis Redding, James Brown … genial. Apropos James Brown: Sein Konzert im Gasometer war ein Hammer. Voller Kraft und Energie … 2 Monate später war er tot … so schnell kanns gehn. Eijeijei - wieder mal nur musikalische Unterhaltung. Und es gäbe noch so viel zu schreiben in Sachen Lieblingsmusik, selbst musizieren usw. .....Ich hoffe, du glaubst nicht, ich wohne in einem Bretter-Äste-Verschlag irgendwo mitten im Wienerwald. Immerhin brauch ich ja einen Stromanschluss für meinen Laptop … Bin zwar nicht weit davon entfernt (zumindest entfernungstechnisch gesehen), habe aber ein festes Dach über dem Kopf. Nachdem ich jetzt weiß, dass du dich im Finanzwesen herumtreibst und Manager managst (obwohl ich mir nicht viel darunter vorstellen kann), werde ich wohl auch mein Geheimnis lüften. Mir ist keine bessere Verallgemeinerung eingefallen als die, die im Internet steht („selbständig im Sportbereich“). Eigentlich bin ich Fitnesstrainer und mache mit den Leuten so ziemlich alles, was mit Sport zu tun hat. Jedenfalls, keine Angst: Ich bin kein Bekehrer oder Glaubensvertreter in Sachen Sport. Habe auch keinen Leistungskomplex. Mir ist wichtig, dass die Leute gesund bleiben, in der Früh nicht auf allen vieren aus dem Bett kriechen und sich bewegen können. Das ist einfach ein Teil der Lebensqualität. Wenn du mit dir zufrieden bist und keine Probleme hast, würde ich sicher nicht versuchen, dir etwas einzureden … allerdings … wenn man schon eine sitzende Beschäftigung hat – und jünger werden wir auch nicht – okay, okay, ich hör schon auf! Bei der Gelegenheit muss ich dir gleich die zweite schwere Enttäuschung bereiten (nach H. Hinterseer): 30 Ab jetzt musst du mit dem Wissen leben, dass du nicht die Einzige auf diesem Planeten bist, die viel Zeit für sich selbst hat. Du wirst dieses Privileg mit mir teilen müssen. Den morgigen Montag hab ich mir z. B. freigehalten und werde mit guter Musik im Ohr (wahrscheinlich Van Morrison) in den Ötschergräben herumwandern … Ach ja, eines würde mich noch interessieren: In welcher Ecke von Wien bist du eigentlich daheim? Meine kannst du dir wohl schon ungefähr ausmalen … Jedenfalls macht es echt Spaß, mit dir zu kommunizieren und ich finds lustig, wie viele Parallelen es gibt (abgesehen von den Vornamen). Ich hab auch schon eine bestimmte Vorstellung von dir: Bankdirektorin, die Hardrock hört und mit Nietenlederjacke und iPod zur Arbeit kommt. In diesem Sinne „Alles Gute“ und liebe Grüße, Andreas

 Mein Bild von Soulbird Andrea nimmt immer plastischere Formen an. Gleichzeitig kommt die Befürchtung auf, dass die Realität mit der Fantasie irgendwann nicht mehr wird mithalten können, sollte es zu einem Treffen kommen. Eine eigenartige Welt – Brieffreundschaft in komprimierter Form. Was früher Tage bis Wochen gedauert hat, geht heute sekundenschnell. Wäre es möglich, eine Beziehung per Mail und Chat zu führen? Ist das die Zukunft? Vielleicht werde ich es noch selbst ausprobieren – in der Vergangenheit hätte es mir einige Konflikte erspart. Daniella als Bildschirmschoner: ein Klick und aus! Rückblickend eine verlockende Vorstellung.

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