Kapitel 2

Ich überlege, welchen Nickname ich mir zulegen soll und kämpfe mich durch die Anmeldung. Die anfangs versprochene „Gratismitgliedschaft“ fungiert als Einstiegsdroge. Mittlerweile auf der Seite mit den Vertragsoptionen angekommen, entscheide ich, vorerst „gratis“ zu bleiben und die Sache zu beobachten.

Fotos hochladen, persönlichen Text ausfüllen … was ich auf später verschiebe. Schließlich will man ja möglichst originell sein, und mir fällt im Moment nichts ein.

Die Idee! „Lobo“: das perfekte Pseudonym. Klingt zwar nach mexikanischem Feldarbeiter, bedeutet aber „einsamer Wolf“. Damit kann ich mich sogar identifizieren.

Verdammt, gibt es schon! Als Alternativen werden mir „lobo2“, „lobo64“ und „lobo1964“ angeboten.

Mit dem zweiten Platz kann ich mich ganz sicher nicht anfreunden, also fällt die Wahl auf „lobo64“. So wissen alle sofort wie alt ich bin und können sich wundern, wie jung ich aussehe.

Die Fotos hat Marvin von mir gemacht. Sogar sehr gute, wie wir beide zufrieden feststellen. Jetzt hinein ins Profil damit und die Frauen werden Schlange stehen. Balsam für die geprügelte Seele.

Ich sende meine Daten zur Überprüfung ein, bekomme eine Mail, um zu bestätigen – und es kann losgehen. Bin schon sehr gespannt!

Jetzt schau ich mich einmal um. Suche: weibliches Wesen, 
30–45 Jahre, Wohnort egal, alles andere ebenfalls … vorerst! 583 Ergebnisse – uff! Und alle für mich …

Ein breites Grinsen legt sich über mein Gesicht. Vielleicht sollte ich noch schnell einkaufen gehen. Im Kühlschrank herrscht gewohnte Leere und ich will nicht vor dem Laptop verhungern, womöglich ohne es zu merken, fasziniert vom weiblichen Überangebot.

Super Sache! So stell ich mir die Wohlstandsgesellschaft vor und kann mich voll mit ihr identifizieren. Na, dann los!

Wie im Paradies! Alle lächeln mich an, schauen mich an … hin und wieder auch ihre Haustiere, und ich will gar nicht wissen, wie viele Fakes über meinen Bildschirm wandern. Fürs Erste aber, völlig geblendet, beginne ich mich durch die Suchergebnisse zu arbeiten. Adieu, armselige Vergangenheit, ein neues Leben beginnt!

Nach dem hundertsten inspizierten Profil fange ich langsam an zu schielen. Die Hälfte davon „Mausis“, „Puppis“, „Angels“, „Hexis“. Anscheinend haben es andere auch nicht leicht, einen 
originellen Nickname zu finden. Oder steht der Intellekt des Users in direktem Zusammenhang mit seinem Pseudonym? Ein Verdacht, der sich noch bestätigen wird.

Zunächst zählt jedoch die optische Wirkung. Arme Kandidatinnen ohne Profilfoto! Ihr werdet nie in den Genuss meiner Aufmerksamkeit kommen, aber möglicherweise einen Grund für die selbst verordnete Anonymität haben. Verheiratet? Gerade in Scheidung? Schüchtern? Unattraktiv?

Ich beschließe, dieses Rätsel nicht zu lösen. Viel zu riskant, frei nach Goethe: „ Die Geister, die ich rief …“

Langsam durchblicke ich das System. Favoriten anlegen, sehr praktisch! So hab ich meine Spitzenkandidatinnen immer unter Kontrolle und sehe, wann sie online sind.

Zwinkerer schicken … was ist das, bitte? Ich kann schon in natura nicht zwinkern, wenn eine Frau vor mir steht. Kriege dann eher einen Schweißausbruch. Lächerlich! Diese Funktion werde ich boykottieren.

Und schon trifft der erste Zwinkerer ein. Mir wird heiß!

Nur nicht das Profil aufmachen. Es könnte als Interesse ausgelegt werden. Cool bleiben, du bist Lobo!

Ich lasse ein paar Anstandsminuten verstreichen (etwa eine Stunde) und schleiche mich langsam an. Die Zwinkerliste ist geöffnet. Ich kann das Foto erkennen und den Begrüßungstext gleich daneben … sehr praktisch. „Zimtschnecke“: blond, nettes Gesicht, mehr ist nicht zu sehen. Meine Zielgruppe!

… Was soll ich hier über mich schreiben? Ist schwer, sich selbst zu beschreiben. Bin intelligent, 
empathisch, naturverbunden und stehe mit beiden Beinen im Leben …

Das klingt ganz gut!

Attraktiv wäre mir zwar lieber als intelligent, aber vielleicht lässt sich ja beides vereinen. Empathisch ist o.k., naturverbunden auch. Und mit beiden Beinen im Leben stehend … 
Anscheinend sind alle Gliedmaßen noch vorhanden, den linken und rechten Arm kann ich auf dem Foto erkennen. Eine Sorge weniger.

Zimtschnecke ist weiterhin online. Hat sie keine Kinder, die etwas zu essen brauchen oder irgendein anderes Bedürfnis? Ich werde warten, bis sie aus dem System ausgestiegen ist und ihr dann einen Besuch abstatten.

In der Zwischenzeit füllt sich meine Besucherliste. Als Neumitglied in einer speziellen Spalte der routinierten Flirtmeute zum Fraß vorgeworfen, erregt man schnell Aufmerksamkeit. Ich fürchte nur, das wird sich bald legen. Erst mal genießen!

Es ist überraschend, wie positiv die virtuell anwesende Weiblichkeit wirkt. Männliche Konkurrenz beschließe ich zu ignorieren. Wer weiß, welche Verwicklungen daraus entstehen können. Und Verwicklungen hatte ich genug in den letzten sechseinhalb Jahren.

Beim ersten „Überfall“ in der Au, als Daniellas Gesicht plötzlich über mir auftauchte, ich am Rücken liegend wie ein wehrloser Maikäfer, wusste ich: „Das wird Probleme geben.“ Ich hätte auf mich hören und die Beine in die Hand nehmen sollen. Abenteuerlust und Sympathie haben mich gelähmt. Abenteuer gab 
es jedenfalls genug, ein Ehemann und drei Kinder, die allesamt gute Bekannte waren, haben dafür gesorgt. Wenn auch unwissend und unfreiwillig, aber davon später mehr.

Jetzt suche ich aus! Und betrachte meine Besucherinnen. Naja … einigen würde ich im wirklichen Leben nicht begegnen wollen. Der Rest wirkt ganz nett, aber etwas Umwerfendes ist nicht dabei – noch nicht! Die Hoffnung lebt.

Chatanfrage! Hilfe, ich hab noch nie gechattet! Silli69 aus Knittelfeld … so schnell ist man (inter)national bekannt. Allerdings scheitere ich an meinen virtuellen Möglichkeiten. Als Nichtzahler ist meine Chatfunktion deaktiviert. Beim Versuch, die Unterhaltung zu starten, öffnet sich sofort wieder das Fenster mit den Zahlungsmöglichkeiten.

Sch…! Aber Silli war sowieso nicht mein Typ und wird wieder ins Nirwana geschickt.

Na endlich, ein interessanter Besuch. Bettina39 aus Wien, mit Vollkörperfoto in Jeans und Top. Super Figur, blond (schon wieder, was aber kein Fehler ist), das Gesicht elegant hinter den Haaren versteckt. Wen interessiert schon das Gesicht – bei dieser Figur! Und, wie in meinem Profil, kein Begrüßungstext! Ich glaube, wir würden uns gut verstehen.

Zum Abwarten verurteilt, da ich niemand anschreiben kann, werde ich zunehmend nervöser.

Bitte, Bettina, schreib eine Nachricht! Ich weiß, wir passen 
zusammen. Oder, übersetzt: Lass uns doch wenigstens einmal bumsen!

Nichts passiert. Keine Nachricht, kein Zwinkerer, K. o. in der ersten Runde.

Letzter Hilferuf: Ich werfe einen Blick auf ihr Profil und verewige mich in der Besucherliste. Keine weiteren Fotos, Beruf: freischaffend, Kinder: null … interessante Voraussetzungen.

Leider ist es wieder mal wie im wirklichen Leben. Die Richtigen (und ich weiß, das wäre die Richtige gewesen; ich hab es gespürt …) machen einen Bogen um mich und die Falschen hängen mir am Rockzipfel (zumindest sechs Jahre lang).

Meine Besucherinnen geben sich die Klinke in die Hand: „hexenkessel44“ „traumfee“, „groovy0567“, „bettymaus“, „edelweiss“.

Zum Teil originelle Namen und mehr oder weniger interessante 
Bilder und Selbstbeschreibungen.

Langsam verliere ich die Scheu und öffne ein Profil nach dem anderen. Als Folge geht mein Interesse in stetigen Sinkflug über. Ganz nett, aber … Niemand dabei, mit dem ich 
mir interessanten Mailverkehr, geschweige denn ein Treffen vorstellen kann.

Ich sehe gerade, Zimtschnecke ist online – ich bin schon gespannt, was mich erwartet. Es gibt sogar weitere Fotos. Was die zeigen, bringt mich an den Rand einer Depression.

Enorme Körperfülle, die auf dem Profilfoto nicht zu erkennen war. Ihr Nickname ist also Programm! Zimtschnecke kann sich bestimmt genauso damit identifizieren wie ich mich mit meinem. Mit rapide abnehmendem Interesse lese ich mich durch die Angaben. 171 cm, 85 kg … doch nicht meine Zielgruppe. Danke fürs Zuzwinkern!

Langsam frage ich mich, ob meine Taktik die richtige ist. Oder sollte ich die Initiative übernehmen? Einzahlen und jene anschreiben, die interessant wirken. Wobei ich riskiere, mir einen Korb nach dem anderen zu holen. Nicht sehr gut fürs Ego, aber anders wird es anscheinend nicht funktionieren. Ich muss darüber nachdenken. Erst mal bin ich noch am Schauen und Staunen ...

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