Kapitel 1

Landeanflug auf München, wir durchqueren eine Gewitterfront. Wäre ich nicht angeschnallt, müsste ich mich an den Gepäckfächern über mir abstützen, um nicht mit dem Kopf dagegenzudonnern. Erinnert schon ein wenig an daheim – Wiener Wurstelprater, Hochschaubahn!

Und dann … „Verdammt!“ Die Turbinen werden ungewöhnlich laut, wir starten noch mal durch.

Andererseits egal, ich fühle mich seit dem Abflug in Las Vegas so bescheiden, dass es darauf nicht mehr ankommt.

High Noon im Wynn, im 37. Stock.

Ein paar Projektile verbaler Art, und sechs Jahre mit Daniella 
sind Geschichte. Ich war allerdings bereits angeschlagen, da ähnliche Geschoße – hinterrücks abgefeuert, täglich, und das zwei Wochen lang – schon einigermaßen meine Verfassung beeinträchtigt hatten.

Letzte kühle Verabschiedung am Flughafen in Vegas, noch dazu in Eile, denn meine Reisegruppe – das waren Daniella, drei Kinder und ihr (mittlerweile) Ex – ja, der war auch dabei, durfte sechs Jahre lang fast alles zahlen, meist ohne es zu wissen, sorry! – flog nach Hawaii weiter und musste sich beeilen, den Flug nicht zu verpassen.

Dafür hab ich meinen verpasst! Am Schalter gestanden 
mit hundert Dollar in der Tasche und einem Koffer voll Schmutzwäsche, den letzten Erinnerungsstücken an jahrelange Verbundenheit und den Versuch, jemandem aus selbst 
verursachter Lebensfehlplanung herauszuhelfen.

Meine Fehlplanung waren die vergangenen sechs Jahre, die mich fast an den Rand meiner Existenz gebracht hätten. Wohin es allerdings nicht weit gewesen war, muss ich zugeben.

In deprimiertem Überschwang, zitternd am Flughafen in einer Ecke am Boden sitzend, stellte sich Aufbruchsstimmung ein. Was werde ich nicht alles tun, wenn ich wieder daheim bin! 
Mit gutem Gefühl ins „Krawa“ – wie das Krapfenwaldbad von Eingeweihten genannt wird – gehen, ohne den überflüssigen Kommentar: „Glaubst, dass d’ so schön bist?“ … Was anscheinend die Eintrittsberechtigung für öffentliche Freibäder ist, mir aber offenbar nicht bewusst war. (Immerhin hab ich den ganzen folgenden Sommer dann wirklich dort verbracht …)

Mir Zeit nehmen für wichtige Dinge, ohne andauernd über 
Antworten auf die Fragen „Wo bist du?“, „Wann kommst du?“ nachdenken zu müssen.

Und letztendlich einen Blick auf die für einen Nichtuser geheimnisumwobenen Internetflirtseiten werfen. Mich umschauen und aussuchen können, wie früher als kleines Kind beim Herzmansky.

Eine reizvolle Vorstellung, alles im Vorhinein klar festgelegt. Will man seitenspringen, sich verlieben oder (wobei das eine das andere nicht ausschließt) diskutieren? Oder bloß neue Bekanntschaften machen? Es gibt keine Missverständnisse, jeder weiß, was der andere erwartet. Sollte man glauben. Doch wo der Mensch die Hände im Spiel hat, geht sogar die virtuelle Welt in die Knie.

Aber erst mal nach Hause kommen! Die Landung in München gelingt im zweiten Anlauf. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend verlasse ich den Flieger, bin mir nicht ganz sicher, 
woher das kommt und habe plötzlich ein starkes Bedürfnis nach Kamillentee.

Das Handy läutet. Ein bekannter Name auf dem Display, dem ich zwei Wochen lang jeden Tag versprochen habe: „Du siehst mich nie mehr wieder.“ Allerdings nur in inneren Dialogen, die ich mit mir selbst führte. Und in diesem Moment wird das Versprechen auch aufs Telefonieren ausgeweitet. Ich lasse es läuten. Soll das Gegenüber sich doch fragen, ob ich noch in Vegas feststecke, irrtümlich Richtung Australien unterwegs bin oder es doch allein bis nach Hause geschafft habe.

Schließlich war ich, wie Daniella in diesen letzten Tagen festgestellt hat, schon „fast ihr viertes Kind …“. Viertes Kind einer großartigen Mutter, die mir im Zuge des Showdowns hoch über Las Vegas unbedingt mitteilen musste, dass sie jetzt endlich RICHTIGE Männer kennengelernt hat.

„Männer, die nur mich ansehen, wenn sie mit mir wo sitzen. Die mir sagen, was für eine tolle Frau ich bin!“

Na, gratuliere! Dafür sechs Jahre verschissen.

„Du hast jetzt nichts kapiert und in den Jahren davor noch weniger“, waren meine letzten (rückblickend betrachtet: viel zu freundlichen) Worte.

Ich kaufe mir einen Tee, setze mich in eine Ecke, die Kopfhörer auf und beruhige mich mit Van Morrisons „The Healing Game“. Hoffentlich hilft es.

Wie freu ich mich schon auf daheim! Marvin, mein einziger, wahrer und bester Freund, wird mich vom Flughafen abholen. Endlich wieder ein normales Gespräch und auf einer Ebene mit dem Gegenüber. Das erinnert mich an eine Aussage: „Du bist eben nicht auf dem selben Level wie wir.“ … Kann man natürlich in die eine oder andere Richtung auslegen. Ich hab mich für die eine entschieden und meinen Job als Chauffeur der ehrenwerten Familie erledigt.

Durch Kalifornien, Nevada, Utah. Traumhafte Landschaften. Der Grand Canyon, wo ich unbedingt noch mal hinmuss, um ein bestimmtes Foto zu schießen. Oder Bryce Canyon bei Sonnenaufgang, während alle anderen noch geschlafen haben. Auf der Terrasse einer Ranch am Colorado River im Holzschaukelstuhl (da haben ebenfalls noch alle geschlafen …) mit Erdhörnchen, Rehen – und Springsteen im Ohr.

Rückblickend war ich bereits auf meiner eigenen Reise. Die Dinge, an die ich mich gern erinnere, hab ich allein gemacht.

Daheim werde ich mein Internet gleich auf 10 GB aufrüsten, und dann gibt es kein Halten mehr.

Aber, wie gesagt, zuerst muss ich mal nach Hause kommen. Schlechtes Wetter, Verspätung … Knapp vor Mitternacht hole ich den Koffer (mit der Schmutzwäsche meiner „Geschwister“ und Ersatzmutter) in WienSchwechat vom Fließband und freu mich auf meinen Blutsbruder.

Endlich! Bei angenehmer Temperatur und leichtem Regen geht die Fahrt Richtung Döbling.

Gleich hinauf auf den Cobenzl, schlafen kann ich sowieso nicht. Es gibt genug zu erzählen – auf beiden Seiten.

Euphorie macht sich breit! Es wird Zeit, der Welt in den Arsch zu treten. Sich zu nehmen, was man will.

„Ich hab mir dich ausgesucht, aber du warst immer so negativ.“ Das aus dem Mund von jemandem zu hören, der eines Tages Tabletten (eine ganze Menge auf einmal) geschluckt hat, wobei ich nicht mal mehr weiß, warum, und alle zwei Wochen – obwohl selbst verheiratet – eifersüchtig explodiert ist, war schon sehr seltsam.

Naja, die persönliche Sicht der Dinge …

Die Chance auf lebenslanges Vertrauen war da, hat sich aber so schnell verabschiedet wie ein Magenkranker mit Dünnpfiff.

Jetzt heim und ins Bett! … Allerdings habe ich schon bessere Ideen gehabt. Jetlag! Ich liege putzmunter da, und im Kopf 
rotiert die Erinnerung an einen unvergesslichen Urlaub.

Unglaublich, wie sich manche Erfahrungen im Leben festsetzen und einen verfolgen.

Das U-Boot-Dasein hat sich auf mein Sozialleben ausgewirkt. Ich muss unbedingt wieder neue Leute kennenlernen und komme mir vor wie Robinson ohne Freitag … schreckliche Nächte, eine Woche lang!

Tagsüber Flucht ins Krawa, oder ich sitze auf meiner Harley, um das Hirn durchzulüften. Außerdem könnte es nicht schaden, ein bisschen zu arbeiten … lenkt zumindest ab. Harleyfahren ist mir allerdings lieber!

Man ist der Chemie des eigenen Körpers ausgeliefert, ohne Fluchtmöglichkeit. Wie in der Schule: „Alles Leben ist Chemie“, physisch und psychisch. Und jetzt heißt es, die Gegenreaktion zu finden. Aus Säure Base machen, aus Gelb Violett, aus Winterstiefeln Sommersandalen schnitzen.

Eine mögliche Lösung hat viele Namen: love.at, iLove.at, Friend
Scout24.at, match.com, … Das wird lässig! Ankreuzen, bestellen und genießen. Ganz einfach! Von der Haarfarbe bis zum Fitnesslevel werd ich mir meine persönliche Barbie zusammenstellen, dann suchen lassen und – Bingo! Männerträume werden wahr. Ein Leben wie Hugh Hefner.

In Los Angeles sind wir an seiner Villa vorbeigefahren. Bunny hab ich keines gesehen … besser so! Sonst hätte mein Mamahase sicher gemeint: „Sollen wir stehen bleiben und warten, bis du fertiggeschaut hast?“ So geschehen am Rodeo Drive. Ein Kellner, die Reinkarnation des verstorbenen Rudolph Moshammer (Ist er möglicherweise nach L.A. geflüchtet? Aus Steuergründen? Hat ihn sein Hund gebissen? Oder jemand anderer?), bediente zwei Blondinen.

Ich SCHWÖRE, nur auf den Kellner konzentriert gewesen zu sein! Jedenfalls musste ich mir oben genannte Aussage vor versammeltem Nachwuchs anhören. Hab nicht darauf reagiert. Es war für die Kleinen schon schwer genug, mit ihrem verkorksten Familienleben fertigzuwerden. Niemand hatte einen Ahnung, wer oder was ich wirklich war. Offiziell Trainer, Hausmeister und letztendlich Chauffeur, inoffiziell Fantômas, der Retter im Überfluss (kommt anscheinend von „überflüssig“) lebender Hausfrauen.

Mission erfüllt, der Mohr kann gehen. Und er ist gegangen. Wie John Wayne nach einem Duell mit bösen Banditen. Zwar hinkend, aber den Hut noch auf dem Kopf und mit dem Wissen: „Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit.“

Aber keine Sorge, ich habe und hatte weder Mord- noch Selbstmordabsichten. Nur einen Hang zu übertrieben melodramatischer Selbstinszenierung. Das wird sich nie ändern! Mühsam!

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